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Die weniger hübsche Seite der Sarah Palin

F. William Engdahl

Bis vor einer Woche hatten die meisten Amerikaner noch nie von Sarah Palin, der Gouverneurin des Bundesstaates Alaska, gehört. Jetzt, nachdem über 40 Millionen Menschen ihre Rede nach der Ernennung zur Vizepräsidentschaftskandidatin live im Fernsehen verfolgt haben, schätzen 58 Prozent der amerikanischen Wähler sie positiv ein, so zumindest die Ergebnisse der jüngsten Umfrage des »Rasmussen-Reports«. Diese Umfrageergebnisse für die selbsternannte »Hockey-Mom« machen Palin, wenn die Zahlen wirklich stimmen, populär wie einen Superstar – derzeit liegt sie vor McCain oder dem Demokraten Obama. Derselbe Bush-Cheney-Propagandaapparat, der das Land glauben machte, Saddam Hussein wäre der neue Hitler und Georgien das hilflose Opfer eines russischen Angriffs am 8. August 2008, steht nun auch hinter einem der beeindruckendsten medialen Propagandamanöver in der letzten Zeit – dem Bemühen, die Vizepräsidentschaftskandidatin der Republikaner, Sarah Palin, seit nicht einmal 19 Monaten Gouverneurin von Alaska, zur amerikanischen Traumkandidatin zu machen. Jetzt wird allmählich etwas über ihren Hintergrund bekannt, durchgesickert von Personen, die Palin aus Alaska kennen.

Wer ist Palin?

Palin wurde nach ihrer cleveren Rede auf dem Parteikonvent der Republikaner mit einem Schlag berühmt. Diese Rede hat sie nicht selbst geschrieben. Sie stammt – und das ist kaum eine Überraschung – von George Bushs früherem Redenschreiber Matthew Scully.

Alaska ist ein dünnbesiedelter Staat, der kaum mehr Einwohner zählt als Frankfurt am Main. Bevor Sarah Palin Gouverneurin wurde – das ist noch nicht einmal 19 Monate her –, war sie Bürgermeisterin von Wasilla, einer Kleinstadt mit etwa 5.000 Einwohnern. Das war bisher ihre einzige politische Erfahrung.

 

Mit Sarah Palin versucht die Bush-Cheney-Truppe, an der Macht zu bleiben, trotz eines langweiligen McCain, einer schweren Wirtschaftskrise und den schlechtesten Popularitätswerten, die ein US-Präsident je hatte.

 

Laut einem in der Anchorage Daily News am 4. September erschienenen Bericht des Journalisten David Hulen überließ Palin während ihrer Amtszeit als Bürgermeisterin »die meiste Arbeit für diese kleine Stadt einem Verwalter. Parteifunktionäre hatten sie gedrängt, diesen Verwalter anzustellen, nachdem sie einigen Ärger wegen übereilter Entlassungen bekommen hatte, die sogar den Ruf nach einer Absetzung laut werden ließen.«

Ihre Wahlkampagne in Wasilla hatte Palin als »Steuerkonservative« geführt, doch während ihrer sechsjährigen Amtszeit als Bürgermeisterin erhöhte sie die öffentlichen Ausgaben um über 33 Prozent, während die von der Stadt erhobenen Steuern um 38 Prozent stiegen. Sie senkte die progressiven Vermögenssteuern und erhöhte eine regressive Umsatzsteuer, die sogar auf Lebensmittel erhoben wurde. Die von ihr eingeführten Steuersenkungen nutzten den Eigentümern großer Unternehmen mehr als den kleinen Bürgern.

In dem Zeitungsbericht wird u.a. eine Einwohnerin von Wasilla, Anne Kilkenny, zitiert, die schon ihr ganzes Leben in dieser Stadt lebt: »Die riesigen Steuererhöhungen während ihrer Amtszeit als Bürgermeisterin reichten aber nicht, um alle Sachen auf ihrer Wunschliste zu bezahlen, also musste auch Geld aufgenommen werden. Sie übernahm eine schuldenfreie Stadt, aber verließ sie mit einer Schuldenlast von über 22 Millionen Dollar. Und wofür sollten die Einwohner nach Bürgermeisterin Palins Wunsch Geld borgen? Für die Infrastruktur, die sie angeblich unterstützte? Die Kanalisation, die die Stadt dringend brauchte? Oder eine neue Bibliothek? Nein. Eine Million Dollar für einen Park. Über 15 Millionen Dollar für den Bau eines Vielzweck-Sportkomplexes, den sie durchzog, obwohl der Baugrund der Stadt nicht einmal eindeutig gehörte, der Rechtsstreit zog sich sieben Jahre später noch hin – zur Freude der beteiligten Rechtsanwälte! Der Sportkomplex ist ein schöner Beitrag für die Gemeinschaft, aber finanziell ein Fass ohne Boden und nicht der große Profitmacher, den sie versprochen hatte. Sie unterstützte auch Anleihen über 5,5 Millionen Dollar für Straßenbauprojekte, die man über einen Zeitraum von fünf bis sieben Jahren auch ohne Fremdgeld hätte bauen können. In ihrer Zeit als Bürgermeisterin wurde das Rathaus gründlich umgebaut und ihr Büro gleich mehrmals renoviert. Das sind alles keine großen Zahlen, aber Wasilla ist auch keine große Stadt.«

Als Republikanische Kandidatin, die 2006 die Gouverneurswahlen gewann, hat sie noch keine großen Erfolge vorzuweisen. Aber Einiges lässt sich trotzdem schon sagen. Der Staat Alaska verzeichnet seit 2003 einen Haushaltsüberschuss in Rekordhöhe, denn sein Hauptexportgut ist Rohöl von den BP-Ölfeldern in Prudhoe Bay. Auch Palins Ehemann ist Ölarbeiter bei BP. Da der Ölpreis in diesem Sommer von 30 Dollar pro Barrel auf über 140 Dollar hochschnellte, schwamm Alaska im Geld. Gouverneurin Palin weigerte sich jedoch, die Gelder für die nötige Infrastruktur des Bundesstaates auszugeben. Stattdessen empfahl sie, der Staat solle Geld für Straßenbauprojekte aufnehmen bzw. Anleihen auflegen, und das selbst dann, als sie die Verteilung der zusätzlichen Einnahmen des Bundestaates vorschlug, nach dem Motto: den heutigen Überschuss ausgeben, und für Notfälle borgen. Das gefiel den Bankern, die sie berieten.

 

Politische Zensur

Als Bürgermeisterin versuchte Palin ihr eigenes Programm für die Auswahl der Bücher in der öffentlichen Bibliothek von Wasilla durchzusetzen. Sie übergab der Bibliothekarin eine Liste der Bücher, die sie aus der Bibliothek entfernt sehen wollte. Darunter waren Bücher wie Rotkäppchen von Jakob und Wilhelm Grimm, Mein Freund Flicka von Mary O’Hara, Einer flog über das Kuckucksnest von Ken Kesey, Tarzan von Edgar Rice Burroughs, The Living Bible von William C. Bower, Der Kaufmann von Venedig von William Shakespeare, Webster’s Ninth New Collegiate Dictionary, Harry Potter und der Stein des Weisen, Huckleberry Finn von Mark Twain, The Canterbury Tales von Chaucer, Schöne Neue Welt von Aldoux Huxley, Das Decameron von Boccaccio, Cujo von Steohen King und viele andere. Kilkenny erzählt, dass die angesehene Bibliothekarin sich voller Verwunderung weigerte, diese Bücher zu entfernen. Palin habe daraufhin versucht, sie rauswerfen zu lassen. Es gab einen öffentlichen Aufschrei und die Bibliothekarin blieb in ihrer Position.

Dieser Zwischenfall war anscheinend typisch für Palins politische Karriere. Als Kandidatin der Republikaner ließ sich Palin als »Reformerin« wählen, die gegen den »Old Boys-Club« in der Politik antrat. Als eine Lokalreporterin den Hinweis wagte, Palin sei überhaupt keine »Reformerin«, versuchte Palin, auch sie feuern zu lassen. »Sie ging auf mich los, als ob ich ihr die Kinder weggenommen hätte«, erzählt die Reporterin, die mittlerweile für eine Ölgesellschaft in Anchorage arbeitet. »Ich hatte gehört, dass sie aufbrausend und gemein sein konnte, aber Sie können sich erst vorstellen, was das heißt, wenn sie auf Sie losgeht.«

Wie die Zeitung aus Anchorage berichtete, »beschwerte sich Sarah gegen den ›Old Boys-Club‹, als sie zum ersten Mal für das Bürgermeisteramt kandidierte; und was brachte sie nach Wasilla? Einen neuen Begriff ›Old Boys‹. Palin feuerte die meisten erfahrenen Mitarbeiter, die sie im Amt antraf. Als Bürgermeisterin und später als Gouverneurin präsentierte oder beförderte sie neue, unerfahrene, undurchsichtige Leute, und stellte sicher, dass ihr Stab vollkommen von ihr abhängig war, ihr ewig dankbar und treu ergeben – ergeben bis zu dem Punkt, dass sie ihre Macht missbrauchten, um Palins persönliche Ambitionen zu verwirklichen ...«

 

Persönliche Rachgier

Ein Vorfall, der in einigen Medien Beachtung fand, war die Entlassung des Chefs der Alaska State Police durch Gouverneurin Palin. Der Polizeichef, ein angesehener Staatsdiener, wurde entlassen, als er sich weigerte, einen Polizisten zu feuern, der einmal Palins Schwager gewesen war und sich in einer schmutzigen Scheidung von Palins Schwester getrennt hatte. Bei einer anschließenden Untersuchung wegen des Verdachts des Machtmissbrauchs musste sie zugeben, dass es zahlreiche Kontakte zwischen ihren Mitarbeitern und der Familie des später entlassenen Polizeichefs gegeben hatte und die diesen dabei gedrängt hatten, ihren Ex-Schwager zu feuern. Sie versuchte, den von ihr entlassenen Polizeichef durch einen Mann zu ersetzen, der – wie sie wusste – einen Verweis wegen sexueller Belästigung erhalten hatte. Als dies zu einem öffentlichen Aufruhr führte, zog sie ihre Unterstützung wieder zurück.

Die »Old Boys« förderten ihre politische Karriere in Alaska, zum Teil wegen ihres guten Aussehens und ihres Showtalents. Als der noch amtierende Gouverneur Murkowski politische Gefälligkeiten verteilte, bekam Sarah Palin das Filetstück, den Vorsitz in der Alaska Oil and Gas Conservation Commission (Ausschuss zur Schonung von Öl und Gas) und mit 122.400 Dollar jährlich einen der bestbezahlten Jobs in Alaska. Dabei hatte sie keinerlei Erfahrung in Fragen von Öl und Gas.

Wiederum nach Angaben von Kilkenny »hassen sie die Parteiführer des Bundesstaates, weil sie ihnen in den Rücken gefallen ist und sie blamiert hat. Andere Parteimitglieder widersprechen Palins Selbstdarstellung, eine Steuerkonservative zu sein. In der Umgebung von Wasilla leben Menschen, die mit ihr zur Schule gegangen sind. Sie gaben ihr [in Anspielung an eine Familie tropischer Raubfische] den Spitznamen ›Sarah Barracuda‹, wegen ihres ungebändigten Ehrgeizes und ihrer Rücksichtslosigkeit.«

Wer ihre politische Karriere von den Anfängen in Alaska aus verfolgt hat, für den steht fest: »Keine Erfahrung mit öffentlichen Ämtern, außer dem im Stadtrat. Wenig direkte Aufsicht oder Managementerfahrung; für die Amtsgeschäfte in einer Kleinstadt von 5.000 Einwohnern brauchte sie einen Verwalter.« Palin ist 44 Jahre alt und hat gerade ihr fünftes Kind zur Welt gebracht. Sie ist eine ehemalige Schönheitskönigin und verleiht der Mannschaft der Republikaner ein etwas jugendlicheres Aussehen. McCain ist der älteste Kandidat in der Geschichte der USA und leidet angeblich an Hautkrebs. Das heißt: sollte McCain gewinnen und während seiner Amtszeit sterben, dann wäre Sarah Palin, der »Barracuda«, nur noch »einen Herzschlag vom Präsidentenamt entfernt«.

 

Sarah Palin, ehemalige Schönheitskönigin, wurde für die Zeitschrift Vogue fotografiert; die Republikaner versuchen, sich ihren unbestreitbaren Sex-Appeal für McCains Wahl zunutze zu machen.

 

Sie gilt auch als rassistisch und kleinlich. Als im Fernsehen bekanntgegeben wurde, dass Obama über Hillary Clinton gesiegt hatte, hörte die Kellnerin Lucille (die gebeten hat, ihren Nachnahmen nicht zu nennen) in einem Restaurant in Wasilla, wie Palin zu Freunden sagte: »Also hat Sambo die Schlampe geschlagen.« Sambo bezieht sich auf den Ausdruck »Kleiner schwarzer Sambo«, ein abwertendes Wort für Farbige, ähnlich wie »Nigger«. »Das war schon abstoßend«, sagte Lucille, deren Vorfahren Aborigines sind, bei einem Zeitungsinterview. Zuvor hatte sie zugegeben, sie fürchte, ihre Identität könne preisgegeben werden.

Der Enthüllungsjournalist Charles James schreibt in einem Bericht, Palin bezeichne die Aborigines aus Alaska nur als »Araber der Arktis«, oder sie spreche abwertend von »Mukluks«, oder sogar »Sch... Eskimos«; dies wisse er gleich von mehreren Personen, die Palin aus Alaska und aus Wasilla kannten. Nach Angaben der interviewten Einwohner von Alaska ist Palin außerdem rachsüchtig und gemein.

James berichtet, warum die Leute in Alaska Angst haben, offen darüber zu reden: »Die Republikanische Partei hier oben ähnelt ein wenig dem organisierten Verbrechen«, so erklärte ein Versicherungsagent aus Anchorage, der Palins Familie kennt. »Die Partei ist korrupt und arrogant. Die Funktionäre sind alle reich, weil sie Gefälligkeitsverträge mit den Ölgesellschaften schließen, und sie können jeden fertigmachen. Und das werden sie, wenn sie müssen. Von dem Augenblick an, als Palin Bürgermeisterin wurde, gehörte sie zu diesem inneren Kreis.«

 

Palin wirkt auf die »Wiedergeborenen«

Wie ich detailliert in meinem Buch Apokalypse jetzt! beschreibe, gehört die bewusste Manipulation um eine synthetische Ideologie des »wiedergeborenen christlichen Fundamentalismus« – der sich scharf gegen Abtreibung wendet, die als »Mord« betrachtet wird – zu den besorgniserregendsten Veränderungen der amerikanischen Innenpolitik in den vergangenen 30 Jahren, und vor allem seit der Zeit, als George H. W. Bush, der Vater des heutigen Präsidenten, CIA-Chef war. Die christlich-fundamentalistische Ideologie wurde benutzt, um innerhalb der Republikanischen Partei eine Basis von fanatischen Aktivisten aus der Mittelklasse aufzubauen, die eine rechtsgerichtete Innenpolitik mittragen und in der Nahostpolitik fanatisch Israel unterstützen.

Aus Opportunismus vertritt Palin die fundamentalistische Doktrin der »Schöpfungslehre«. Bei einer Debatte im Rahmen der Gouverneurswahlen 2006 sagte sie bezüglich Evolution und Schöpfungslehre: »Lehren Sie beides. Fürchten Sie die Erziehung nicht. Eine gesunde Debatte ist so gesund, so wertvoll für unsere Schulen. Ich bin dafür, beides zu lehren.«

 

Der angeblich kranke 72-jährige McCain hat durch seine lebhafte Vizepräsidentschafts-Kandidatin enormen Auftrieb erhalten.

 

Schon früh zog Palin die Aufmerksamkeit der Republikanischen Parteiführung auf sich, nämlich bei ihrem ersten Wahlkampf für das Bürgermeisteramt, als sie gegen die Abtreibung Stellung bezog. Normalerweise halten sich die Parteien aus den Kommunalwahlen in Alaska heraus, weil diese praktisch überparteilich geführt werden. Als aber die Nachricht über ihre extremen evangelikalen Ansichten in Alaskas Hauptstadt Juneau die Runde machte, finanzierten die Republikaner des Staates ihre Kampagne, so James. »Als sie erst einmal im Amt war, baute Palin um sich einen Parteiapparat auf, der alles wegschob, was sich ihr in den Weg stellte. Sie ist alles andere als die gute, fromme Christin.«

 

Mittwoch, 10.09.2008

Kategorie: Enthüllungen, Politik

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