Dollar-Politik in den Golfstaaten – eine neue Herausforderung für die US-Hegemonie?
Während einer kürzlichen Reise in die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) legte Alan Greenspan den OPEC-Staaten am Persischen Golf nahe, ihre Bindung an den US-Dollar aufzugeben. War dieser bizarre Rat des früheren Chefs der »Federal Reserve« Teil einer größeren Strategie, oder schlicht nur Opportunismus? Es gibt Anzeichen für Ersteres.
Was der ehemalige, kürzlich aus dem Amt geschiedene Chef der amerikanischen Federal Reserve den Teilnehmern des Abu Dhabi Leadership Forum bei einer Konferenz über Finanzfragen nahelegte, war im Klartext der Rat an die ölexportierenden Länder der OPEC, die Bindung ihrer Währungen an den US-Dollar aufzugeben. In seinem berüchtigten, mehrdeutig-orakelhaften »Zentralbankiers-Stil« erklärte Greenspan seinen Zuhörern, die Abkopplung der Währungen der Golfstaaten vom US-Dollar wäre »möglicherweise das Nützlichste, was man tun könnte, um den wachsenden Einfluss ausländischer Vermögen auf das Währungssystem und damit auf die monetäre Basis zu beenden«, denn dieser Einfluss sei »im Grunde der Hauptfaktor des inflationären Drucks«.
Die Dollar-Bindung zwingt die Golfstaaten, der amerikanischen Geldpolitik zu folgen, und das zu einer Zeit, in der die Fed zur Abwendung einer Rezession die Zinsraten senkt, während die Golfstaaten aufgrund ihrer steigenden Öleinnahmen einen nie dagewesenen Wirtschaftsboom erleben. Allerdings importieren sie damit die durch die Druckerpressen der Fed hervorgerufene Inflation, mit dem Ergebnis, dass die arabischen Volkswirtschaften mit einer steigenden Inflation kämpfen müssen. In Saudi Arabien zum Beispiel, wo die Inflation zehn Jahre lang praktisch bei Null gelegen hatte, liegt sie jetzt offiziell bei 6,5 Prozent. Der boomende Ölpreis treibt einen ungewöhnlich starken Anstieg der Preise für Nahrungsmittel und andere Importgüter an, was insbesondere der Mittelschicht in dieser Region zu schaffen macht. Die Inflation hat viele Ursachen, die letztendlich vom weltweiten Anstieg der Rohstoffpreise herrühren. Aber ein Hauptgrund der Inflation ist die Explosion des Ölpreises selbst, die viele Menschen in die Armut treibt, selbst wenn diese Ölpreisexplosion auch in den Golfstaaten einen erneuten Anstieg des Wirtschaftswachstums nach sich zieht.
Zwei Hauptfraktionen
Mit solch merkwürdigen dollarkritischen Äußerungen hat der ehemalige US-Zentralbankier nicht erst jetzt Aufsehen erregt. Schon im September 2007, beim Ausbruch der US-Finanzkrise, die Greenspan mit seiner Politik maßgeblich herbeigeführt hatte, war er mit ähnlich merkwürdigen Worten an die Öffentlichkeit getreten. In einem Interview mit der Zeitschrift Stern sagte Greenspan damals in Berlin, der Euro solle den US Dollar als weltweite Reservewährung ablösen. Es sei »absolut vorstellbar, dass der Euro den Dollar entweder als Reservewährung ablöst oder als gleichrangige Reservewährung gehandelt wird«. Die Europäische Zentralbank, so Greenspan weiter, habe sich »zu einer ernstzunehmenden globalen Wirtschaftsmacht entwickelt«.
Nach dem Ende seiner 17-jährigen Amtszeit als Chef der Federal Reserve hat Alan Greenspan eine Reihe hochdotierter Beraterposten bei europäischen Finanzinstitutionen übernommen. Dazu gehören seine Tätigkeiten als Berater des britischen Schatzministeriums, der Deutschen Bank und der Allianz-Tochter PIMCO.
Greenspans dollarkritische Bemerkungen haben manche Beobachter zu der Überzeugung gebracht, er habe die Loyalitäten gewechselt und stehe nun an der Seite von Europa und den europäischen Institutionen. Wie ich an anderer Stelle geschrieben habe, gibt es in der angelsächsischen Machtkonstellation im wesentlichen zwei mächtige Fraktionen, deren jeweiliger Einfluss je nach Lage der Dinge steigt oder fällt. In den letzten acht Jahren hatte die Fraktion, die militärisch-industrielle sowie energiewirtschaftliche Interessen vertritt – ihr wichtigster Vertreter ist der ungeheuer einflussreiche US-Vizepräsident Dick Cheney – die Oberhand bei der Kontrolle der globalen Strategie des anglo-amerikanischen Establishments. Diese Fraktion hat die Option einer unilateralen Machtprojektion »mit Brachialgewalt« verfolgt, mit der die US-Vorherrschaft als einzige Supermacht auf absehbare Zeit gesichert werden sollte. Ihr Ziel war die Kontrolle der Ölreserven im Irak, Iran, im Kaspischen Becken, in Afrika und Lateinamerika, und ihr Mittel der Wahl zur Durchsetzung dieser Kontrolle war die unilaterale militärische Intervention der USA. Mit der Kontrolle der Ölversorgung potenzieller Rivalen wie etwa China konnte Washington seine globale Dominanz trotz einer wankenden US-Wirtschaft sichern.
Diese Fraktion ist mit dem Debakel im Irak und in Afghanistan sowie mit dem Verlust der amerikanischen Glaubwürdigkeit kläglich gescheitert.
Die zweite Fraktion hält »sanfte Gewalt« für wirkungsvoller. Ihre Vertreter versuchen hauptsächlich, ihre Interessen mit Instrumenten zur Reduzierung der Klimaerwärmung durchzusetzen. Mit verlogenen pseudo-wissenschaftlichen Argumenten und Panikpropaganda über schmelzende Eisberge und Wetterkatastrophen versuchen sie die Menschen dazu zu bringen, ihren Lebensstandard freiwillig oder gezwungenermaßen drastisch einzuschränken. Für diese Fraktion spielt eine supranationale und neu organisierte UNO eine zentrale Rolle. Auch die Kontrolle der globalen Finanzmittel hat für sie entscheidende Bedeutung, und zur Verstärkung dieser Kontrolle ist es für sie ganz wichtig, die Euro-Zone einzubeziehen. Um das sicherzustellen, scheint diese Fraktion sogar bereit zu sein, einen dramatischen Wertverlust des US-Dollars hinzunehmen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt würde sie allerdings versuchen, Dollar und Euro zu einer neuen Form von Weltwährung zu verschmelzen – eine globale Währung, die der Kontrolle ihrer Banken unterstünde.
Insider haben in vertraulichen Gesprächen versichert, dass es für diese Fraktion keine nationale Identität gäbe, sondern nur die globale Projektion ihrer Macht. Damit steht diese Machtgruppe in deutlichem Gegensatz zur ersten Fraktion, deren Macht auf der Kontrolle der wichtigsten Militärmacht der Welt – der USA – beruht.
Die Fraktion der »sanften Gewalt«, die in der Londoner City oder in den Pariser Finanzinstitutionen über einen erheblichen Einfluss verfügt, benutzt Presseorgane wie den Londoner Economist zur Verbreitung ihrer Absichten. Als Echo auf Greenspans jüngste Äußerungen in Abu Dhabi schrieb der Economist: »Wenn asiatische Zentralbanken heute mehr als 80 Prozent der Weltdevisenreserven halten – was ein Zeichen für die Verschiebung der Herrschaft über die Weltwirtschaft nach Asien ist –, dann scheint es ungeschickt, dass die VAE die Bindung ihrer Währung an den US-Dollar beibehalten.«
Die Golfstaaten sind gespalten
Kürzlich erklärte Scheich Hamad Bin Jasem Bin Jabr Al Thani, der Premierminister von Qatar, gegenüber Reuters, der Wechselkurs sei für etwa 40 Prozent der Inflation in Qatar verantwortlich, während der Riyal zu 30 Prozent unterbewertet sei. »Wir handeln immer am liebsten im Verein mit allen GCC-Ländern. Es ist an der Zeit, dass die Golfstaaten ihre eigene Währung erhalten.« Die Ölstaaten am Golf kontrollieren mehrere hundert Milliarden an Dollar-Reserven und suchen derzeit nach langfristigen Alternativen für den sinkenden Dollar. Mit seinen Äußerungen hat Greenspan dieser Ansicht erheblichen Auftrieb gegeben. Daher sollte man auf sehr lange Sicht keine Erholung des Dollars erwarten.
Sheikh Hamad bin Jassim von Qatar könnte über das Schicksal des US-Dollar als Weltreserverwährung entscheiden
Von den sechs Mitgliedern des Gulf Cooperation Council (GCC) – Saudi Arabien, Kuweit, VAE, Oman, Qatar und Bahrain – war Saudi Arabien der stärkste Verfechter der Dollar(bindungs)politik. Im November widersetzte sich Saudi Arabien der Forderung des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinedschad, das Öl nicht mehr länger in US-Dollar zu berechnen, da der amerikanische Dollar ein »wertloses Stück Papier« geworden sei. Weil Saudi Arabien schätzungsweise mehrere hundert Milliarden in US-Dollar ausgewiesener Wertpapiere und anderen Vermögenswerten hält, hat es kein Interesse daran, den Dollar durch irgendwelche Maßnahmen evtl. noch weiter zu schwächen.
Die Mitglieder des Gulf Cooperation Council (GCC) sind zu einem wesentlichen Faktor des Weltfinanzsystems geworden
Ein weiterer Wertverlust des US-Dollar wird am Golf den innenpolitischen Druck vieler Gruppen erhöhen, die eine Veränderung der Wechselkurspolitik fordern. Das ist der Hintergrund des kürzlichen Überraschungsbesuchs von US-Vizepräsident Cheney in Saudi-Arabien und den Golfstaaten. Dessen Erfolg bleibt indes abzuwarten. Jede Veränderung in der Wechselkurspolitik hätte längerfristige wirtschaftliche und politische Auswirkungen, denn sie wäre ein erstes Anzeichen für die Neubewertung des Dollar-Preissystems für Öl. Damit wäre das Ende des Dollar-Systems gekommen.
Dienstag, 01.04.2008
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