Ein »Matrix-Computer« für die US-Regierung
Unsere Welt verändert sich so schnell, dass wir kaum mehr Schritt halten können. Zwar fliegen wir noch nicht zu fremden Sternen, doch etliche düstere Zukunftsvisionen, wie sie vor Jahrzehnten reinste Science-Fiction waren, haben uns mittlerweile eingeholt. Bald sollen Supercomputer des US-Verteidigungsministeriums ein Abbild der Welt schaffen, um in einer komplexen Matrix jegliche Kriege, Revolutionen oder Terrorangriffe sehr präzise simulieren und ihre Wirkung auf einzelne Nationen oder aber die gesamte Gesellschaft genau erforschen zu können.
Das Ganze wirkt wie ein Computerspiel auf höchster Ebene. Noch mehr, die Idee scheint direkt aus der berühmten Matrix-Trilogie übernommen zu sein: Supercomputer schaffen eine zweite Realität, eine riesige Struktur, die sich aus Milliarden einzelner »Knoten« zusammensetzt. Jeder dieser Knoten steht für einen Menschen dieser Welt, ob Mann, Frau oder Kind. Hinzu kommen ungezählte Informationen, Daten über Nationen, Organisationen, Konzerne, Machtgebilde, Wirtschaftsfaktoren, Infrastrukturen, die jedoch nicht einfach in einer stupiden Datenbank gesammelt werden, sondern interaktiv miteinander vernetzt sind. Die »Empfindungsfähige Weltsimulation« SWS (Sentient World Simulation) wird zum synthetischen Spiegel der realen Welt und aktualisiert sich ständig selbst.
Diese künstliche Intelligenz wird die verschiedensten Theorien über das Funktionieren unserer Gesellschaft kennen, seien es nun unterschiedliche Modelle zur Weltökonomie oder aber zur Humanpsychologie. Aufgabe von SWS soll es unter anderem sein, vorherzusagen, wie einzelne Menschen, Menschengruppen, die Bevölkerung von bestimmten Staaten oder aber der gesamten Welt auf unterschiedlichste »Stressoren« reagiert. Diese Einflussfaktoren können Terrorattacken, Revolutionen, Kriege, psychologische Operationen (PSYOPS), Propaganda-Aktionen, Klimaänderungen, Nahrungsverknappung und zahlreiche andere Szenarien mit einschließen.
Ursprünglich sollte SWS angeblich für die Fortune-500-Konzerne entwickelt werden, um ihnen eine strategische Orientierungshilfe zu geben. Schnell kam allerdings das US-Verteidigungsministerium hinter die Vorzüge dieser neuen Technologie. Die wurde dann sofort in die Rekrutierungs-Bemühungen der US-Armee einbezogen, um ein Modell derjenigen Teile der US-Bevölkerung zu erstellen, die für Militärdienste in Frage kommen. Doch das ist nur der Anfang.
Ein Konzeptdokument zu »Sentient World Simulation – A Continously Running Model of the Real World« zeigte bereits im August 2006 eine ganze Reihe ungeahnter Möglichkeiten für SWS auf. Entwickelt wird die virtuelle Welt am Purdue Homeland Security Institute, das im Zuge der Attacken vom 11. September 2001 ins Leben gerufen wurde. Die beiden »Väter« des SWS-Projekts, Anthony Cerri und Dr. Alok Chaturvedi, betonen den Unterschied zu früheren Computermodellen: »Die Fähigkeit eines synthetischen Modells zur realen Welt, wirkliche Ereignisse zu erspüren, anzupassen und auf sie zu reagieren, unterscheidet SWS von der traditionellen Vorgehensweise, eine Simulation zu erstellen, um ein Phänomen zu illustrieren. In der SWS-Spiegelwelt erscheinen Verhaltensweisen und werden genauso verfolgt wie in der echten Welt.« SWS ist in der Lage, neue Ereignisse überall in jener synthetischen Zwillings-Welt zu »implantieren«, an jedem x-beliebigen Ort, um zu beobachten, welche Auswirkungen sie haben werden. Bahnbrechend zum Einsatz kam eine ähnliche künstliche Intelligenz bereits in Form von Urban Resolve 2015 (UR2015) unter dem federführenden US-Streitkräfte-Kommando USJFCOM (United States Joint Forces Command).
Während die US-Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg große städtische Gebiete mit ihrem komplexen Terrain mieden, weist das USJFCOM auf ein aktuelles Umdenken hin. Die fortschrittlichsten militärischen Systeme seien in Stadtgebieten nicht gleichermaßen wirksam einsetzbar wie auf offenem Gelände. Gegnerische Kräfte könnten daher Konfrontationen innerhalb von Metropolen provozieren, um dadurch die Kräfte möglichst anzugleichen. Das explosive Wachstum der urbanen Regionen unserer Welt wie auch veränderte Feindstrategien und (natürlich) der globale Krieg gegen den Terrorismus sind laut USJFCOM die Gründe, warum urbane Gebiete entscheidende und scheinbar unvermeidliche Schlachtfelder der Zukunft sein werden. Urban Resolve 2015 stellt ein militärisches Computer-Experiment nach dem Prinzip von SWS dar, das genau derartige Szenarien in zunächst drei Phasen simuliert und dann immer weiter ausgebaut werden soll.
Experimente dieser Art bestimmen zunehmend unsere Welt, sie werden vor allem die Entscheidungen einer kleinen Macht-Elite immer stärker beeinflussen. In seinem Ausblick auf das Jahr 2008 stellt das Magazin The Futurist eine Besorgnis erregende Entwicklung fest: Sehr wesentliche Entscheidungen auf verschiedenen Gebieten werden zunehmend von künstlicher Intelligenz getroffen oder mitgetragen. Sie betreffen Gesundheits- und Bildungswesen ebenso wie Militär und Politik.
Die Welt-Elite der aggressiven Globalisierer könnte sich mittels derart realistischer Simulationen in der Lage sehen, uns perfekt kontrollieren zu können – das ist keine Zukunftsvision mehr. Sie könnte riskante Szenarien ausbrüten, innerhalb derer sie allein als Gewinner übrig bleibt, sie könnte Krisen exakt steuern und sich in dem gefährlichen Glauben befinden, im ultimativen Falle sogar einen atomaren Krieg mit stereotaktischer Präzision führen zu können. Dies vor allem, wenn erste Versuche mit SWS und seinen Nachfolgern von Erfolg gekrönt sind, sich also die anfänglichen Simulationen auch real bestätigen lassen. Da wäre eher zu hoffen, dass die virtuelle Welt – wenn überhaupt – in die Hände ernsthaft um Weltfrieden bemühter Gruppen fällt, um Konflikte, Terror und Machtkämpfe zu minimieren. Wie erkundigte sich ein besorgter Zeitgenosse zur künstlichen Welt: »Gibt es auch eine No-Bush-Option, um zu sehen, wie sich unser Planet dann entwickelt hätte?«
Dienstag, 05.02.2008
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