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Erinnerungen an die Hyperinflation in Weimar-Deutschland: Brauchen wir jetzt wieder Schubkarren?

Ellen Brown

Ist es jetzt wieder an der Zeit, die Schubkarren herauszuholen? Eine neue Betrachtung der Hyperinflation in der Weimarer Republik.

»Das war entsetzlich. Entsetzlich! Und es kam urplötzlich. Niemand war darauf vorbereitet. Die Regale in den Läden waren leer. Man konnte mit seinem Papiergeld nichts kaufen.«

— Prof. Friedrich Kessler, Jurist an der Harvard University, 1993 in einem Interview über die Hyperinflation in der Weimarer Zeit

 

Einige besorgte Kommentatoren prophezeien uns eine massive Hyperinflation wie zu Zeiten der Weimarer Republik im Jahre 1923, als die geplagten Deutschen mit einer Schubkarre voller Geldscheine noch nicht einmal ein Brot kaufen konnten. Ein Editorial, das am 29. April in der Zeitung San Francisco Examiner erschien, enthielt die Warnung:

»Mit einem bisher nie dagewesenen Defizit von annähernd zwei Billionen Dollar ist der [vom Präsidenten für 2010] veranschlagte Haushalt ein todsicheres Rezept für eine Hyperinflation. Also unterstützt jeder Senator und Kongressabgeordnete, der für diesen Monsterhaushalt in Höhe von 3,6 Billionen Dollar stimmt, einen Kaufrausch, der aus Amerika eine zweite Weimarer Republik machen könnte.« (1)

In dem Investmentbrief Money Morning vom 9. April wies Martin Hutchinson auf die beängstigenden Parallelen zwischen der Finanzpolitik der jetzigen US-Regierung und der damaligen Regierung Weimar-Deutschlands hin, als 50 Prozent der Regierungsausgaben durch die sogenannte Seigniorage (»Münzgewinn«), also durch das Drucken von Banknoten bestritten wurden. (2) Allerdings sind diese Angaben etwas verwirrend. Denn gleichzeitig schreibt Hutchinson, dass die heutige britische Regierung schon jetzt einen größeren Teil ihres Budgets durch diese Seigniorage finanziert, als es die Regierung von Weimar-Deutschland selbst auf dem Höhepunkt der damaligen Hyperinflation getan hat Und trotzdem ist das britische Pfund noch relativ stabil, und das unter Bedingungen, die angeblich denen gleichen, die zum völligen Ruin der Reichsmark in Weimar-Deutschland geführt haben. Also muss damals für den Kollaps der Reichsmark etwas anderes verantwortlich gewesen sein als nur das bloße Gelddrucken zur Deckung der Regierungsausgaben – aber was? Und droht uns heute die gleiche Gefahr? Zur Beantwortung dieser Fragen werfen wir einen genaueren Blick auf die Zahlen.

 

Die Geschichte wiederholt sich – oder doch nicht?

In seinem gut recherchierten Artikel schreibt Hutchinson, dass Weimar-Deutschland zwar schon seit dem Ersten Weltkrieg an der Hyperinflation gelitten hatte, dass aber die eigentliche Phase der »Weimarer Hyperinflation« in den Jahren 1921 bis 1923 auftrat. Am Ende dieser Hyperinflation im November 1923 betrug der Wert der Reichsmark nur noch ein Billionstel von ihrem Wert im Jahre 1914. Hutchinson weiter:

»Das jetzige Sammelsurium an politischen Maßnahmen erinnert an das in Deutschland in der Zeit zwischen 1919 und 1923. Da die Regierung in Weimar-Deutschland die Steuern nicht erhöhen wollte, um den Wiederaufbau nach dem Ersten Weltkrieg und die Kriegsreparationen zu bezahlen, produzierte sie große Haushaltsdefizite. Sie sorgte dafür, dass die Zinsen unter der Inflationsrate blieben, erhöhte die Geldmenge rapide und beschaffte sich 50 Prozent der Regierungsausgaben durch die oben erwähnte Seigniorage – d.h. sie druckte Geldnoten und lebte von den Profiten, die durch diesen ›Münzgewinn‹ bestanden; also von der Differenz zwischen dem Emissionswert der Banknoten und den Druckkosten …

Die wirklich beängstigende Parallele ist die Tatsache, dass die USA, Großbritannien und Japan heute ihre Haushaltsdefizite durch das Mittel der Seigniorage finanzieren. In den Vereinigten Staaten kauft die Federal Reserve Schatzpapiere des US-Finanzministeriums (»T-bonds«) im Wert von 300 Milliarden Dollar in einem halben Jahr auf, d.h. pro Jahr in einer Höhe von 600 Milliarden Dollar. Das entspricht 15 Prozent der Bundesausgaben in Höhe von vier Billionen Dollar. In Großbritannien kauft die Bank of England derzeit in einem Zeitraum von drei Monaten britische Staatsanleihen [also das Gegenstück der amerikanischen T-bonds] in Höhe von 75 Milliarden Pfund. Diese 300 Milliarden britische Pfund pro Jahr entsprechen 65 Prozent der jährlichen Regierungsausgaben Großbritanniens, die sich auf 454 Milliarden Pfund belaufen. Während sich also die USA relativ schnell der Quote von Weimar-Deutschland – 50 Prozent der Regierungsausgaben wurden damals durch Seigniorage beschafft – annähert, hat Großbritannien diese Quote bereits übertroffen!«

Und an diesem Punkt stiften diese Zahlen Verwirrung. Wenn Großbritannien heute einen größeren Prozentsatz seines Haushaltsdefizits durch Seigniorage bestreitet als Weimar-Deutschland auf dem Höhepunkt seiner Hyperinflation, warum ist dann das britische Pfund jetzt auf den internationalen Finanzmärkten etwa genau so viel wert wie vor neun Jahren? Und zwar unter ähnlichen Bedingungen wie denjenigen, die seinerzeit angeblich die Reichsmark auf ein Billionstel ihres neun Jahre zuvor erreichten Wertes gedrückt haben, wobei der größte Wertverfall in nur zwei Jahren auftrat? Darüber hinaus ist heute der US-Dollar im Vergleich zu anderen Währungen sogar noch stabiler geworden, seitdem die US-Regierung bzw. die Fed im letzten Jahr mit der Geldpolitik der »quantitativen Lockerung« – der heute üblichen beschönigenden Beschreibung des Begriffs Seigniorage – begonnen hat. (3) Heutzutage wird das Geld zwar nicht mehr von den Regierungen, sondern von den Zentralbanken gedruckt, doch der Effekt auf die Geldmenge ist ungefähr der gleiche, wie in den alten Zeiten, als die Regierungen noch selbst Geld gedruckt haben. Die von den Zentralbanken aufgekauften Regierungsschulden werden niemals wirklich bezahlt, sondern nur von Jahr zu Jahr »rolliert«“, d.h. fortgeschrieben bzw. umgeschuldet; und wenn erst neues Geld in Umlauf geraten ist und die Geldmenge erhöht hat, bleibt es in Umlauf und mindert den Wert einer Währung. Bleibt also die Frage: Warum sind unsere Währungen [in den USA und Großbritannien] noch nicht auf ein Billionstel ihrer früheren Werte gefallen, wie damals in Weimar-Deutschland? Wenn das Ganze tatsächlich nur eine simple Frage von Angebot und Nachfrage wäre, dann müsste eine Regierung tatsächlich ihre Geldmenge um den Faktor eine Billion erhöhen, um ihre Währung um denselben Faktor zu verringern; aber selbst der damaligen Regierung in Weimar-Deutschland wirft man das nicht vor. Es muss also damals in Weimar-Deutschland etwas anderes passiert sein – aber was?

 

Schacht lässt die Katze aus dem Sack

Dieses dunkle Mysterium wird aufgehellt durch die späten Schriften von Hjalmar Schacht, des Reichswährungskommissars (und Reichsbankpräsidenten) der Weimarer Republik. Der Amerikaner Stephen Zarlenga hat den Sachverhalt sehr ausführlich in seinem Buch The Lost Science of Money [deutscher Titel: Der Mythos vom Geld – Die Geschichte der Macht] dargestellt, in dem er berichtet, dass Schacht in seinem 1967 erschienenen Buch Die Magie des Geldes »die Katze aus dem Sack ließ, indem er mit einigen wahrhaft bemerkenswerten Eingeständnissen die ›Schulmeinung‹ der Finanzwelt über die Hyperinflation in Weimar-Deutschland zertrümmerte«. In Wirklichkeit sei, so Schacht, die Spekulation der ausländischen Investoren, die mit ihren Baissespekulationen auf den fallenden Wert der Reichsmark gesetzt hätten, dafür verantwortlich gewesen, dass aus der Kriegsinflation die anschließende Hyperinflation wurde.

Mit Baissespekulationen versuchen Investoren aus dem fallenden Preis eines Vermögenswertes einen Vorteil zu ziehen. Das funktioniert folgendermaßen: Man borgt einen Vermögenswert (z.B. ein Papier oder eine Währung) und verkauft diesen in der Annahme, dass er zu einem späteren Zeitpunkt zurückgekauft und dem eigentlichen Eigentümer wieder zufällt. Der Spekulant setzt darauf, dass in der Zwischenzeit der Preis dieses Papiers gefallen ist und er die Differenz einstreichen kann. Ermöglicht wurden die massiven Baissespekulationen gegen die damalige Reichsmark, weil Privatbanken damals große Mengen dieser Währung als Kredite zur Verfügung stellten, wobei diese Reichsbanknoten je nach Bedarf geschöpft (d.h. gedruckt) und an Investoren verliehen wurden – mit einem erheblichen Zinsaufschlag für die Bank, versteht sich.

Zunächst wurde diese Spekulation durch die Reichsbank (die damalige deutsche Zentralbank) unterstützt, die kurz zuvor privatisiert worden war. Als die Reichsbank aber die ungeheure Nachfrage nach Reichsbanknoten nicht mehr befriedigen konnte, erhielten auch andere Privatbanken die Erlaubnis, diese Noten quasi aus dem Nichts zu schöpfen und das Geld gegen Zinsen zu verleihen. (4)

 

Eine Geschichte mit einer ironischen Wendung

Wenn man Schacht Glauben schenken darf, dann hat die damalige deutsche Regierung erstens nicht die Hyperinflation verursacht, und zweitens wurde diese Hyperinflation sogar von der Regierung Weimar-Deutschlands eingedämmt und letztendlich unter Kontrolle gebracht. Die Aktivitäten der Reichsbank wurden von da an strikt reguliert. Außerdem wurden unverzüglich Korrekturen verfügt, mit denen die Spekulation durch ausländische Investoren eliminiert wurde – der leichte Zugang zu Bankkrediten wurde unterbunden.

Noch interessanter ist ein kaum bekannter Nachtrag zu dieser Geschichte. Die Politik, die es Deutschland erlaubte, wirtschaftlich in den 1930er-Jahren wieder auf die Beine zu kommen, war dieselbe Politik, die heutige Historiker dafür verantwortlich machen, dass Deutschland in den 1920er-Jahren ruiniert wurde – Seigniorage durch die Regierung. Der Ökonom Henry C. K. Liu bezeichnet diese Form der Finanzpolitik als »souveräne Kreditvergabe«. Über Deutschlands bemerkenswerte wirtschaftliche Entwicklung schreibt er:

»1933 kamen in Deutschland die Nazis an die Macht – in einer Zeit, in der die deutsche Ökonomie völlig kollabiert war; das Land litt unter ruinösen Kriegsreparationen und hatte keinerlei Aussicht auf ausländische Investitionen oder Kredite. Doch durch eine unabhängige Finanzpolitik der souveränen Kreditvergabe sowie Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die für Vollbeschäftigung sorgten, gelang es dem ›Dritten Reich‹, ein bankrottes Deutschland, das über keinerlei Kolonien mehr verfügte, die es hätte ausbeuten können, in die stärkste Wirtschaft Europas zu verwandeln – und zwar innerhalb von vier Jahren, sogar noch bevor die Rüstungsausgaben stiegen.« (5)

Es besteht kein Zweifel daran, dass sich Hitler schwerster Verbrechen schuldig gemacht hat, vor allem in den späteren Jahren seines Terrorregimes, aber eine Zeitlang war er in Deutschland recht populär. Der Grund bestand offensichtlich darin, dass er es schaffte, Deutschland aus den Tiefen der weltweiten Wirtschaftsdepression herauszuholen. Das gelang ihm durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die mithilfe einer Währung bezahlt wurden, die die Regierung selbst geschöpft hatte. Zu den ersten Projekten, deren Finanzierung auf diese Weise gesichert wurde, gehörten Maßnahmen zum Hochwasserschutz, der Instandsetzung öffentlicher Gebäude und Privathäuser sowie dem Bau neuer Gebäude, Straßen, Brücken, Kanälen und Häfen. Die veranschlagten Kosten der verschiedenen Programme wurden auf eine Milliarde der nationalen Währung festgesetzt. Nicht-inflationäre Wechsel in Höhe von einer Milliarde Reichsmark wurden zur Begleichung der Kosten dieser Projekte ausgestellt. [Ellen Brown, die im Amerikanischen dafür den Ausdruck »Labor Treasury Certificates« benutzt, meint damit offenbar die von Zarlenga in The Lost Science of Money erwähnten »Mefo-Wechsel« – Anm. d. Übers.] Bei diesen öffentlichen Projekten wurden Millionen von Arbeitern beschäftigt, die in Form dieser Wechsel bezahlt wurden. Die Arbeiter bestritten mit diesen Wechseln wiederum ihre Konsumausgaben, wodurch weitere Arbeitsplätze geschaffen wurden. Diese Papiere waren eigentlich nicht schuldenfrei, aber sie wurden in Form von Anleihen herausgegeben, und die Regierung zahlte den Inhabern auch Renditen dafür. Aber sie zirkulierten als Geld und konnten unbegrenzt verlängert werden, wodurch sie de facto zu einer Währung wurden. Ihr weiterer Vorteil bestand darin, dass die Regierung keine Kredite bei internationalen Geldgebern aufnehmen oder internationale Schulden zurückzahlen musste. (6) Da diese Wechsel nicht auf den internationalen Finanzmärkten gehandelt wurden, waren sie außer Reichweite für die Währungsspekulanten. Mit ihnen konnte nicht auf Baisse spekulierte werden, denn man konnte sie niemandem verkaufen; also behielten sie ihren Wert.

Innerhalb von zwei Jahren war in Deutschland das Problem der Arbeitslosigkeit gelöst worden und das Land stand wirtschaftlich wieder auf eigenen Füßen. Es hatte eine solide, stabile Währung und keine Inflation, und das zu einer Zeit, in der viele Millionen Menschen in den USA und anderen westlichen Ländern immer noch arbeitslos oder auf Sozialhilfe angewiesen waren. Deutschland schaffte es damals sogar, den Außenhandel wieder einigermaßen in Gang zu bringen, obwohl es damals keine ausländischen Kredite erhielt und mit einem Wirtschaftsboykott des Auslands fertig werden musste. Das gelang durch eine Art Tauschsystem: Ausrüstungen und Waren wurden unter Umgehung der internationalen Banken direkt mit anderen Ländern ausgetauscht. Dieses System des direkten Austausches von Waren und Gütern funktionierte ohne Schulden und ohne Handelsdefizite. Obwohl dieses deutsche Wirtschaftsexperiment nur kurze Zeit währte, kann es einige dauerhafte Erfolge vorweisen; dazu gehört die berühmte Autobahn, das erste umfassende Schnellstraßennetz der Welt. (7)

 

Die Lehren der Geschichte sind nicht immer so, wie sie scheinen

Deutschlands damalige Strategie, der lähmenden Schuldenfalle zu entkommen und eine am Boden liegende Volkswirtschaft wieder anzukurbeln war zwar clever, wurde aber keineswegs von den Deutschen erfunden. Das Prinzip, dass eine Regierung sich selbst und die nötigen Staatsausgaben durch den Druck und die Herausgabe von Papierbelegen für gelieferte Güter und Dienstleistungen finanzieren kann, wurde erstmals in der Geschichte von den amerikanischen Siedlern in den damaligen britischen Kolonien praktisch angewandt. Benjamin Franklin schrieb das beachtliche Wachstum und den Wohlstand in den Kolonien – diese Errungenschaften existierten zu einer Zeit, als die Arbeiter in England unter den erbärmlichen Bedingungen der Industriellen Revolution stöhnten – dem einzigartigen System des von den Provinzregierungen der amerikanischen Siedler herausgegebenen Papiergeldes zu. Im 19. Jahrhundert bezeichnete es der US-Senator Henry Clay das »Amerikanische System«, und unterschied es klar von dem »Britischen System«, bei dem von privater Seite Banknoten in Umlauf gebracht wurden. Nach der Amerikanischen Revolution wurde dieses Amerikanische System in den USA von einem Geldsystem ersetzt, bei dem das Geld von Privatbanken geschöpft wurde; doch im amerikanischen Bürgerkrieg wurde das Prinzip der regierungseigenen Geldschöpfung wieder belebt, als Abraham Lincoln die Ausgaben seiner Regierung mit US-Banknoten, den sogenannten »Greenbacks« bestritt, die von seinem Finanzministerium in Umlauf gebracht wurden.

Der große Unterschied bei den Resultaten der beiden deutschen Gelddruck-Experimente rührte direkt aus den beiden unterschiedlichen Nutzanwendungen dieser Gelder her. Zu einer Preisinflation kommt es immer dann, wenn die »Nachfrage« (das Geld) stärker ansteigt als das »Angebot« (Güter und Dienstleistungen), was die Preise in die Höhe treibt. Bei dem deutschen Experiment in den 1930er-Jahren wurde das neue Geld zur Finanzierung produktiver Zwecke geschöpft; daher stiegen Angebot und Nachfrage gemeinsam und die Preise blieben stabil. Hitler damals wörtlich: »Einer jeden Mark, die wir in Umlauf bringen, muss das Äquivalent einer geleisteten Arbeit oder gelieferten Ware entsprechen, die eine Mark wert ist.« Bei der katastrophalen Hyperinflation 1923 hingegen wurde das Geld nur gedruckt, um Spekulanten zu bezahlen. Dadurch stieg die Nachfrage an, während das Angebot gleich blieb. Daraus resultierte nicht nur Inflation, sondern sogar eine Hyperinflation, da die Spekulation ausuferte und eine Manie – mit anschließender Panik – im Stile der »Großen Tulpenmanie« [1637 in Holland] erzeugte.

Das galt auch für die Entwicklung in Zimbabwe, das jüngste Beispiel einer völlig außer Kontrolle geratenen Inflation. Die Krise begann im Jahre 2001, als Zimbabwe seine Kredite nicht mehr bedienen konnte und der Internationale Währungsfonds (IWF) sich daraufhin weigerte, den normalerweise üblichen Lösungen wie Umschuldung und Schuldenerlass zuzustimmen. Anscheinend war es die Absicht des IWF, das afrikanische Land für eine Politik zu bestrafen,  die dem IWF nicht passte. Dazu gehörte eine Landreform, bei der u.a. wohlhabende Großgrundbesitzer enteignet wurden. Aufgrund der starren Haltung des IWF war Zimbabwes Kreditwürdigkeit ruiniert und das Land konnte nirgendwo mehr Kredite bekommen. Daraufhin sah die Regierung keine andere Möglichkeit, als seine eigene nationale Währung in Umlauf zu bringen und mit diesem Geld auf den internationalen Finanzmärkten US-Dollars zu kaufen. Diese Dollarbeträge wurden dann dazu verwandt, den IWF zu bezahlen und die Kreditwürdigkeit des Landes wiederherzustellen. (8) Laut einer Erklärung der Zentralbank von Zimbabwe wurde die Hyperinflation durch Spekulanten hervorgerufen, die die Devisenmärkte manipulierten, ungeheure Wechselkurse für den US-Dollar verlangten und eine drastische Abwertung der Währung Zimbabwes verursachten.

Der wirkliche Fehler der Regierung in Zimbabwe bestand wahrscheinlich jedoch darin, das Spiel des IWF überhaupt mitgespielt zu haben. Anstatt mit seiner nationalen Währung ausländische Devisen einzukaufen und ausländische Kreditgeber zu bezahlen, wäre das Land besser dem Beispiel Abraham Lincolns und der amerikanischen Siedler gefolgt und hätte eine eigene nationale Währung in Umlauf gebracht, um damit die Produktion von Gütern und Dienstleistungen für seine eigene Bevölkerung zu bezahlen. Dadurch wäre es nicht zur Inflation gekommen, denn der Anstieg des Angebots hätte mit dem der Nachfrage Schritt gehalten. Außerdem hätte diese Währung dem Interesse der nationalen Ökonomie Zimbabwes gedient und wäre nicht von den Spekulanten abgeschöpft worden.

 

Die wirkliche Gefahr einer Weimarer Hyperinflation heute und wie man sie verhindern kann

Haben die Vereinigten Staaten mit ihrer Geldpolitik der »quantitativen Lockerung« aber jetzt die Gefahr einer Hyperinflation überwunden? Vielleicht ja, vielleicht aber auch nicht. Zu dem Grade, wie das neugeschöpfte Geld für eine wirkliche Wirtschaftsentwicklung und für Wachstum benutzt wird, ruft die Politik der »Seigniorage« wahrscheinlich keine Preisinflation hervor, denn Angebot und Nachfrage werden im gleichen Ausmaß steigen. Werden mit der Geldpolitik der quantitativen Lockerung Infrastrukturmaßnahmen und andere produktive Projekte finanziert, wie in Präsident Obamas Stimulierungsprogramm vorgesehen, dann könnte damit, wie versprochen, die amerikanische Wirtschaft wieder angekurbelt werden, und das zu einem ähnlichen Wohlstand führen, der laut Benjamin Franklin in der Frühzeit Amerikas geherrscht hat.

Allerdings gibt es heute bei uns noch eine andere Entwicklung, die ähnlich bedrohliche Ausmaße annehmen kann, wie bei der, die 1923 zur Hyperinflation geführt hat. Wie damals in Weimar-Deutschland wird heute in den USA die Geldschöpfung von einer Zentralbank vorgenommen, die privaten Eigentümern gehört, der Federal Reserve; und mit dem von der Fed geschöpften Geld werden zum großen Teil Spekulationswetten in den Büchern von Privatbanken beglichen, wobei überhaupt keine Werte für die Wirtschaft geschaffen werden. Bereits vor zwei Jahren hat der Goldinvestor James Sinclair gewarnt:

»[D]as wirkliche Problem besteht in einem erschreckenden Berg von außerbilanzlichen Krediten und Derivatausfällen in Höhe von 20 Billionen Dollar. Man denke intensiv darüber nach, was in der Weimarer Republik passiert ist, denn jeden Tag sieht es hier danach aus, als würde sich diese Entwicklung in Ursache und Wirkung wiederholen …« (9)

Die Finanzspritze in Höhe von 12,9 Milliarden Dollar, die der Versicherungskonzern AIG von der US-Regierung erhalten hat, damit er seine Schulden bei dem Investmenthaus Goldman Sachs, das große Verluste an Kreditausfällen zu verkraften hatte, bezahlen konnte,  ist nur ein ungeheuerliches Beispiel dafür. (10) Wenn das durch die »quantitative Lockerung« geschöpfte Geld in dem schwarzen Loch dieser spekulativen Derivatwetten verschwindet, dann befinden wir uns tatsächlich auf dem Weg in eine Hyperinflation wie damals in Weimar-Deutschland und es gibt wirklich Grund, Alarm zu schlagen. Wir sind zu dem Glauben verleitet worden, dass wir ein Banken-Monster namens Wall Street aufpäppeln müssen, weil wir ohne dieses Ungeheuer kein Kreditsystem mehr hätten, aber das ist gar nicht wahr. Es gibt eine andere praktikable Alternative, und es könnte sich erweisen, dass das unsere einzige Alternative ist. Wir können die Wall Street auf ihrem eigenen Feld schlagen, indem wir öffentlich-rechtliche Banken gründen, mit denen die »volle Würdigung und Anerkennung (credit)«  der Vereinigten Staaten realisiert werden können; und zwar nicht zugunsten von privaten Spekulanten und Profiteuren, sondern als Dienst an der Öffentlichkeit, zum Nutzen der Vereinigten Staaten und ihrer Bürger. (11)

 

__________

Quellen:

 

(1) »Examiner Editorial: Get Ready for Obama's Coming Hyperinflation«, San Francisco Examiner, 29. April 2009.
 

(2) Martin Hutchinson, »Is It 1932 – or 1923?«, Money Morning, 9. April 2009.

(3) Siehe die monatlichen Durchschnittskurven auf x-rate.com

(4) Stephen Zarlenga, The Lost Science of Money (deutsche Ausgabe: Der Mythos vom Geld – Die Geschichte der Macht, Conzett Verlag, Zürich, 1999), Valatie, New York: American Monetary Institute, 2002, S. 590–600; S. Zarlenga, »Germany's 1923 Hyperinflation: A ›Private‹ Affair«, Barnes Review, Juli/August 1999. 

(5) Henry C. K. Liu, »Nazism and the German Economic Miracle«, Asia Times, 24. Mai 2005. 

(6) S. Zarlenga, a.a.O. 

(7) Matt Koehl, »The Good Society?«, Rense, 13. Januar 2005.  

(8) »Bags of Bricks: Zimbabweans Get New Money – for What It's Worth«, The Economist, 24. August 2006; Thomas Homes, »IMF Contributes to Zimbabwe's Hyperinflation«, www.newzimbabwe.com, 5. März 2006. 

(9) Jim Sinclair, »Fed Actions a Bandaid on a Gaping Economic Wound« reprinted in Go for Gold, 18. September 2007. 

(10) Eliot Spitzer, »The Real AIG Scandal, Continued! The Transfer of $12.9 Billion from AIG to Goldman Looks Fishier and Fishier«, Slate, 22. März 2009. 

(11) Siehe Ellen Brown, »Cash Starved States Need to Play the Banking Game«, im Internet unter: webofdebt.com/articles, 2. März 2009 (»Klamme US-Bundesstaaten müssen sich jetzt im Bankgeschäft engagieren: North Dakota zeigt, wie es geht«, Kopp Online-Informationsdienst, 6. März 2009).

 

Dienstag, 26.05.2009

Kategorie: Gastbeiträge, Geostrategie, Wirtschaft & Finanzen, Politik

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