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„Es sind die Finanzderivate, du Dummkopf!“ – Warum Fanny, Freddie und AIG gerettet werden mussten

Ellen Brown

„Ich kann die Bewegungen der Sterne berechnen, nicht aber den menschlichen Wahnsinn.“

Sir Isaac Newton, nachdem er bei der „South Sea-Blase“ ein Vermögen verloren hatte.

 

Die finanziellen Rettungspakete der US-Regierung sind etwas ganz Außergewöhnliches. Im März 2008 hatte die amerikanische Notenbank Federal Reserve dem Bankhaus JP Morgan einen Kredit in Höhe von 55 Milliarden Dollar gewährt, damit Morgan das Finanzinstitut Bear Stearns vor dem Bankrott „retten“ konnte. Mit dieser sehr umstrittenen Maßnahme schöpften die US-Finanzbehörden den gesetzlichen Rahmen des Federal Reserve Act voll aus. Am 7. September 2008 übernahm die US-Regierung die privaten Hypothekenriesen Fannie Mae und Freddie Mac und stellte sie unter Vormundschaft („conservatorship“), leitete also ein Bankrottverfahren ein; doch dann ließ das Finanzministerium nicht etwa den Dingen ihren Lauf, so dass die Vermögen vom Insolvenzgericht unter den Gläubigern verteilt werden konnten, sondern gewährte beiden bankrotten Unternehmen eine unbegrenzte Kreditlinie und kündigte auch noch an, seine Befugnis auszuüben, die Aktien der beiden Hypothekenriesen aufkaufen zu können – eine faktische Verstaatlichung. Jetzt hat die Federal Reserve bekannt gegeben, der American International Group (AIG), der größten Versicherungsgesellschaft der Welt, einen Kredit in Höhe von 85 Milliarden Dollar zu gewähren; im Gegenzug erhält die Fed fast 80% der Anteile an dieser Versicherung….

 

Die Fed kauft eine Versicherungsgesellschaft auf? Wo steht denn das im zuständigen Bundesgesetz, dem Federal Reserve Act? Die Presseagentur Associated Press nennt das Ganze eine „Übernahme durch die Regierung“, aber es handelt sich dabei nicht um eine normale „Nationalisierung“ wie den Kauf der Aktien von Fannie Mae und Freddie Mac durch das US-Finanzministerium. Die Federal Reserve hat zwar das Recht, die nationale Geldmenge zu drucken bzw. zu schöpfen, aber in Wirklichkeit gehört die Fed nicht zur amerikanischen Regierung. Die Fed ist ein privates Bankunternehmen, dessen Eigentümerin eine Gruppe von Privatbanken ist. Die US-Finanzindustrie hat also soeben die größte Versicherung der Welt gekauft, und zwar mit Bundesgeldern. Am 17. September hieß es in Yahoo Finance:

„Das [US-]Finanzministerium richtet gerade auf Verlangen der Fed ein zeitweiliges Finanzierungsprogramm ein. Im Zuge dieses Programms werden Schatzanleihen ausgegeben, um Gelder für die Fed aufzutreiben. Ziel dieser Initiative ist es, der Fed dabei zu helfen, ihre Bilanzen in Ordnung zu bringen, nachdem sie in den letzten Quartalen erhebliche Anstrengungen zur Verbesserung ihrer Zahlungsfähigkeit unternommen hat.“

Schatzanleihen sind Wechsel bzw. Schuldscheine („I.O.U.s“) der US-Regierung. Wir, Amerikas Steuerzahler, sind letzten Endes verantwortlich für die „Verbesserung der Zahlungsfähigkeit“ der Federal Reserve, denn die Kredite, welche die Fed an praktisch jedes Finanzinstitut, egal, ob Bank oder Nicht-Bank, gegeben hat, wurden aufgrund von obskuren Bestimmungen im Federal Reserve Act vergeben, die besagen – oder auch nicht –, dass die Fed genau das tun darf. Was ist hier los? Warum überlässt man das Geschehen nicht dem freien Markt? Insolvenzgerichte wissen, wie man die Vermögenswerte gerecht aufteilt und Unternehmen so reorganisiert, dass sie wieder arbeiten können. Warum also gab es die oben beschriebenen außergewöhnlichen Maßnahmen für Fannie, Freddie und die AIG?

Die Antwort auf diese Frage hat vielleicht weniger mit der Rettung der Versicherungsbranche, dem Häusermarkt oder chinesischen Investoren zu tun, die nach Rettungsmaßnahmen schreien, sondern vielmehr mit dem größten „Ponzi-Schema“ der ganzen Geschichte, ein finanzielles Kartenhaus, das gegenwärtig das gesamte globale private Bankensystem abstützt. Was jetzt um jeden Preis gerettet werden musste, waren nicht Amerikas Eigenheime oder der US-Dollar, sondern die „Industrie“ der Finanzderivate. Und der Absturz, vor dem diese Industrie gerettet werden musste, war ein „Verzugsereignis“, das die Blase von Finanzderivaten in Höhe von rund einer Billiarde Dollar hätte zum Platzen bringen können; und dieser Kollaps hätte womöglich das gesamte globale Finanzsystem mit sich in den Abgrund gerissen.


Die Anatomie einer Finanzblase

Bis vor Kurzem hatten die Meisten noch nie etwas von Finanzderivaten gehört; aber beim Handel mit Geld repräsentieren diese Investments die größten Finanzmärkte der Welt. Derivate („Abkömmlinge“) sind Finanzinstrumente, die keinen eigenständigen Wert besitzen, sondern deren Wert aus einer anderen Sache stammt. Im Grunde handelt es sich dabei um (Finanz-)Wetten. Man kann eine solche „Wette absichern“, indem man nicht nur darauf setzt, dass z.B. ein Finanzpapier steigt, sondern sicherheitshalber auch auf dessen Fall spekuliert und auch darauf wettet. Sogenannte „Hedge Fonds“ schützen Wetten auf dem Markt der Finanzderivate. Diese Wetten können auf praktisch alles abgeschlossen werden: die Palette reicht vom Preis für Tee in China bis hin zu den Preisbewegungen auf spezifischen Märkten.

„Den Aspekt, den jeder dabei aber übersieht“, so der Ökonom Robert Chapman schon vor einem Jahrzehnt, „ist der, dass der Kauf von Derivaten keine Investition ist. Das ist reines Glücksspiel, es geht um Versicherungs- und hochriskante Buchmachergeschäfte. Derivate erzeugen nichts.“(1) Sie erzeugen nicht nur nichts, sondern sie dienen dazu, Nicht-Produzenten auf Kosten der Menschen zu bereichern, die tatsächlich reale Güter und Dienstleistungen erzeugen. Bei Anhörungen im US-Kongress Anfang der 1990er Jahre wurde der Handel mit Derivaten als illegale Form des Glücksspiels attackiert. Doch der damalige Chef der Federal Reserve, Alan Greenspan, hat diese Praktiken legitimiert; Greenspan hat diesen Handel nicht nur durch legale und regulatorische Maßnahmen unterstützt, sondern er hat den Handel mit Derivaten auch als Maßnahme zur Verbesserung des „Risiko-Managements“ aktiv gefördert. Teilweise sollten damit die bröckelnden Profite der Banken aufgepäppelt werden; und bei den größeren Banken und Finanzmaklern hat das auch funktioniert. Doch der Preis dafür war ein gestiegenes Risiko im gesamten Finansystem.(2)

Seit dieser Zeit hat der Handel mit Finanzderivaten exponentiell zugenommen; mittlerweile ist er sogar größer als die gesamte globale Ökonomie. Wie die Baseler Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) kürzlich berichtete, hat der gesamte Handel mit Finanzderivaten die Zahl von einer Billiarde Dollar überschritten – das sind 1 000 Billionen Dollar.(3) Wie ist eine solche gigantische Zahl überhaupt möglich, wenn das Bruttosozialprodukt aller Länder der Welt zusammengenommen nur etwa 60 Billionen Dollar beträgt? Die Antwort lautet: Spieler können so viel wetten, wie sie nur wollen. Sie können Geld verwetten, das sie gar nicht haben, und an dieser Stelle kommt der riesige Anstieg des Risikos ins Spiel.

Mit den als Credit Default Swaps (CDS) bezeichneten Kreditderivaten wird am meisten gehandelt. Dabei handelt es sich um Wetten zwischen zwei Parteien darüber, ob ein bestimmtes Unternehmen bei der Bezahlung seiner Anleihen in Verzug gerät oder nicht. Bei einem solchen Tauschgeschäft bekommt der „Absicherungskäufer“ eine große Abfindung von dem „Absicherungsverkäufer“, wenn das Unternehmen innerhalb einer bestimmten Zeit in Verzug gerät, während der „Absicherungsverkäufer“ regelmäßige Zahlungen von dem „Absicherungskäufer“ erhält, weil er das Risiko des Zahlungsverzugs absichert. Diese CDS ähneln also Versicherungspolicen, nur dass es dabei keinerlei Verpflichtungen gibt, einen bestimmten Vermögenswert als Sicherheit gegen etwaige Verluste zu hinterlegen; daher werden CDS im großen Umfang benutzt, um mit Spekulationen auf Marktveränderungen die Profite zu erhöhen. Beispielsweise könnte, wie ein Blog-Journalist anführte, ein Hedge Fonds eine jährliche Prämie von 320 000 Dollar einstreichen, nur indem er eine riskante BBB- Ramschanleihe „absichert“ und ansonsten praktisch Däumchen dreht. Diese Prämien sind „freies“ Geld – völlig frei verfügbarer Profit, bis die Anleihe tatsächlich in Verzug gerät, denn dann könnte es sein, dass dieser Hedge Fonds für Forderungen von 100 Millionen Dollar gerade stehen muss.

Und das ist der Haken an der Sache: Was passiert, wenn der Hedge Fonds in einem solchen Fall diese 100 Millionen Dollar nicht hat? Der Firmenmantel des Fonds oder die begrenzt haftende Teilhaberschaft gehen bankrott, aber beide Parteien führen die Derivate als Aktivposten in ihren Büchern, die sie nun abschreiben müssen. Das führt aber dazu, dass die Spieler, die „ihre Wetten abgesichert“ haben, indem sie auf beide Fälle gesetzt haben, ihre Gewinnwette nicht einlösen können, so dass sie ihre Verliererwette nicht bezahlen können – woraufhin auch andere Spieler mit der Bezahlung ihrer Wetten in Verzug geraten.

In einer Kaskade sich überlagernder Zahlungseinstellungen, die das gesamte Bankensystem infiziert, fallen jetzt alle Dominosteine, und damit gerät die ganze globale Finanzpyramide ins Wanken. Das Potenzial einer derartigen Kernreaktion hat den milliardenschweren Investor Warren Buffet veranlasst, die Derivate als „finanzielle Massenvernichtungswaffen“ zu bezeichnen. Deshalb kann es sich das Bankensystem auch nicht erlauben, einen großen Derivate-Spieler bankrott gehen zu lassen, und letztendlich gibt bei dieser Sache das Bankensystem den Ton an. Eigentümer der Notenbank Federal Reserve ist buchstäblich ein Bankenkonglomerat; und Hank Paulson, der jetzige Finanzminister der USA, hat diesen Posten durch die Drehtür der Investmentbank Goldman Sachs erklommen, also der Bank, dessen ehemaliger Chef er war.


Das beste Spiel in der Stadt

In einem Artikel, der am 9. September auf der Internetseite FinancialSense.com eingestellt wurde, stellt Daniel Amerman die Behauptung auf, dass die Übernahme von Fannie Mae und Freddie Mac durch die US-Regierung in Wirklichkeit keine Rettungsaktion („bailout“) der Hypothekenriesen war. Vielmehr habe es sich dabei um einen bailout der gesamten Finanzderivate-Industrie gehandelt, die unmittelbar vor einem „Zahlungsverzugs-Ereignis“ von 1,4 Billionen Dollar stand, das nicht nur die ganze Wall Street, sondern auch den größten Teil der restlichen Welt in den Bankrott hätte treiben können. Um das enorme Risiko dieses „Ereignisses“ zu erklären, beschreibt Amerman ein Szenario, in dem die Hypothekenriesen nicht von der Regierung gerettet werden. Wenn sie mit ihren Anleihen und hypothekenbesicherten Wertpapieren (MBS) in Höhe von 5 Billionen Dollar, die sie besitzen oder garantieren, in Verzug geraten, dann werden davon umgehend CDS in Höhe von 1,4 Billionen Dollar betroffen, die große Finanzinstitute abgeschlossen haben; mit den CDS hatten diese Firmen garantiert, die Verluste im Falle von Zahlungsschwierigkeiten bei Fannie- bzw. Freddie-Anleihen zu tragen und dafür außerordentlich lukrative Gebühren und Prämien in Höhe von mehreren Millionen Dollar kassiert. Der Wert der gefährdeten Anleihen stürzt um ca. 70% ab, so dass etwa 1 Billion Dollar (70% von 1,4 Billion Dollar) an die „Absicherungskäufer“ fällig werden. Das ist aber mehr Geld, als die ohnehin schon stark finanzklammen Finanzinstitute zur Verfügung haben. Darüber hinaus haben sich die CDS-Verkäufer selber stark fremdfinanziert, was bedeutet, dass sie von täglichen Kreditlinien abhängen, nur um weitermachen zu können. Wenn ihre Gläubiger merken, dass diese Welle von 1 Billion Dollar anrollt, stellen sie die Finanzierung ein, so dass die Portfolios der klammen Finanzinstitute riesige illiquide Aktivposten aufweisen. Die gefürchtete Kaskade sich überlagernder Zahlungseinstellungen beginnt, bis schließlich fast jede große Investment- und Geschäftsbank nicht mehr in der Lage ist, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Das löst dann eine weitere große Runde von CDS-Ereignissen aus, bei denen es um 10 Billionen Dollar geht, und dann um 20 Billionen Dollar. Die Finanzzentren gehen bankrott, die Finanzmärkte müssen geschlossen werden, und wenn sie nach Monaten wieder geöffnet werden, ist der gesamte Aktienmarkt zusammengebrochen. Natürlich fühlen sich die US-Regierung und die Finanzkreise, die deren Fäden ziehen, verpflichtet, eine solche Katastrophe durch eine Intervention zu verhindern, selbst wenn dieser Schritt auch die elenden Spekulanten belohnt, und das auf Kosten der Anteilseigner von Fannie und Freddie, die ihr Vermögen verlieren. Amerman abschließend:

„[D]as ist das beste Spiel in der Stadt. Du kannst ein riesiges Risiko eingehen, wirst dafür überaus gut bezahlt, und wenn du den Karren an die Wand fährst – dann kannst du absolut sicher sein, dass die Regierung interveniert und dir auf Kosten der restlichen Bevölkerung (die natürlich keinen Teil von deinem Profit abbekommen hat) aus der Patsche hilft.“(4)


Verzweifelte Maßnahmen in verzweifelten Zeiten

Tatsächlich war es das beste Spiel in der Stadt bis zum 14. September, als US-Finanzminister Hank Paulson, Fed-Chef Ben Bernanke und Tim Geithner, der Chef der New Yorker Fed, dem Investmenthaus Lehman Brothers eben nicht aus der Patsche half und das 158 Jahre alte Wall Street-Institut, das zu den großen Derivate-Spielern gehört, bankrott gehen ließ. Warum? „Für einen Bailout der Bundesregierung fehlt der politische Wille“, erklärte Geithner. Der Bailout von Fannie und Freddie hatte zu wütenden Protesten geführt und Amerikas Steuerzahler konnten es sich nicht leisten, die gesamte Derivatblase von einer Billiarde Dollar zu garantieren. Irgendwo musste Schluss sein, und dieser Punkt war jetzt scheinbar erreicht.

Oder hatte die Fed ihr Pulver nur für die Rettung der AIG trocken gehalten? Die kürzlichen Herabstufungen der AIG-Ratings bedeuteten, dass die Geschäftspartner bzw. Gegenparteien der massiven Derivatkontrakte die Gruppe zwingen konnten, entweder  ihre Kapitalreserve sofort um zusätzliche 10,5 Milliarden Dollar aufzustocken oder Bankrott anzumelden. Zunächst weigerte sich Finanzminister Paulson noch, in diesem Fall Steuergelder zu verschleudern. Doch am Montag, dem 15. September, sah es an den Börsen wahrlich düster aus und der S&P 500-Index erlebte seinen schlimmsten prozentualen Tagesabsturz seit dem 11. September 2001. In der australischen Wirtschaftszeitung Business Spectator schrieb Alan Kohler:

„[E]s ist dieses Mal wahrscheinlich kein Zugunglück in Zeitlupe. Da Lehman insolvent ist und sowohl Washington Mutual als auch AIG am Rande des Bankrotts stehen, würde der Kreditmarkt wahrscheinlich völlig kollabieren, und dadurch würde auch die Kreditgewährung der Banken untereinander zum Erliegen kommen.“(5)

Kohler zitierte aus dem Newsletter von Professor Nouriel Roubini, der eine bekannte Internetseite namens Global Monitor betreibt, vom 14. September. Darin warnte Roubini:

„Wir erleben derzeit den Anfang der Auflösung und des Zusammenbruchs des gesamten Schattenfinanzsystems, eines Systems von Finanzinstituten (Finanzmaklern, Hedge Fonds, Beteiligungsgesellschaften, SIVs, Conduits etc.), die so aussehen wie Banken (da sie kurzfristig Kredit aufnehmen, stark fremdfinanziert sind, und langfristig und auf illiquide Art und Weise verleihen und investieren) und daher höchst anfällig sind für bankenartige Anstürme; doch im Gegensatz zu Banken werden sie nicht ordentlich reguliert und überwacht, sie haben keinen Zugang zur Einlagenversicherung, und sie werden auch nicht vom Kreditgeber der letzten Instanz, der Zentralbank, unterstützt.“

Das Risiko, dem das ganze System ausgesetzt war, erwies sich offenbar als zu groß. Am 16. September, während Barclay‘s Bank das Angebot unterbreitete, die Bankenabteilung von Lehman Brothers aufzukaufen, stimmte die Federal Reserve zu, der Versicherungsgruppe AIG im Gegenzug für eine Übernahme von 80% ihrer Anteile mit einer Finanzspritze aus der Patsche zu helfen. Warum tat das die Federal Reserve anstelle des Finanzministeriums? Vielleicht deshalb, weil das US-Finanzministerium sonst zu stark unter Druck gekommen wäre, weil es erneut so viele Steuergelder verschleuderte. Die Federal Reserve dagegen konnte diese Operation ohne viel Aufhebens mithilfe ihrer „Offenmarktgeschäfte“ durchführen; mit diesem Trick „monetarisiert“ die Fed Regierungsschulden, indem sie Schatzanleihen (d.h. Regierungs-I.O.U.s) in US-Dollars verwandelt. Letztendlich müssen immer noch Amerikas Steuerzahler die Zeche bezahlen, doch die Federal Reserve konnte diese Operation ohne die vorherige Zustimmung des US-Kongresses durchziehen.


Zeit für einen „New Deal“ im 21. Jahrhundert?

Damit ist ein weiteres Loch in einem sehr undichten Boot verstopft worden, so dass es noch einen Tag lang schwimmen kann; aber wie lange können diese Behelfsmaßnahmen noch aufrecht erhalten werden? Professor Roubini behauptet:

„Dieser schrittweise, Adhoc und nicht-ganzheitliche Ansatz, mit dem die Fed und das Finanzministerium das Krisenmanagement betrieben haben, war ein Fehlschlag…. [D]as jeweilige Stopfen und Füllen eines Loches ist nutzlos, wenn das ganze Abgabensystem im größten Finanzsturm des Jahrhunderts kollabiert. Jetzt brauchen wir einen viel radikaleren, ganzheitlichen und systemischen Ansatz von Krisenmanagement.“(6)  
        
Vielleicht hören wir schon bald den Satz: „Der Kreditmarkt ist eingefroren“ – was bedeutet, dass es kein Geld mehr gibt, um den Hauseigentümern ihr Eigenheim zu belassen, die Arbeitskräfte zu beschäftigen und die Infrastruktur aufrecht zu erhalten. Letztendlich ist aber die Quelle allen Geldes der Regierungskredit – unser eigener öffentlicher Kredit. Den brauchen wir uns nicht von den Chinesen oder den Saudis oder den Privatbanken zu borgen. Die Regierung kann ihren eigenen Kredit schöpfen – in „voller Würdigung und Anerkennung der Vereinigten Staaten“. (7) Diesem Modell folgten die Siedler in Pennsylvania im 18. Jahrhundert und es hat wunderbar funktioniert. Bevor die damalige Provinzregierung diesen Plan entwickelte, lag die Wirtschaft Pennsylvanias am Boden. Es gab nur wenig Gold, mit dem man den notwendigen Handel hätte durchführen können, und die britischen Bankiers verlangten 8% Zinsen, damit sich die Siedler das verfügbare Gold leihen konnten. Die Provinzregierung löste das Problem der knappen Kredite, indem sie ihr eigenes Papiergeld herausgab und verlieh. Eine Bank im Besitz der öffentlichen Hand vergab dies Geld an die Farmer zu einem Zinssatz von 5 Prozent. Das Geld floss an die Regierung zurück, wodurch eine Inflation vermieden wurde; und mit den Zinsen wurden die Ausgaben der Regierung bezahlt – anstelle von Steuern. Solange dies System beibehalten wurde, blühte die Ökonomie und die Preise blieben stabil; außerdem mussten die Siedler in Pennsylvania überhaupt keine Steuern bezahlen. (Mehr dazu in: Ellen Brown, „Sustainable Energy Development: How Costs Can Be Cut in Half – Nachhaltige Energieentwicklung: Wie die Kosten halbiert werden können“ –, webofdebt.com/articles, 5. November 2007).

Die heutige Kreditkrise ähnelt stark der Krise, der sich die US-Präsidenten Herbert Hoover und Franklin D. Roosevelt in den 1930er Jahren stellen mussten. 1932 errichtete Präsident Hoover die Reconstruction Finance Corporation (RFC, Gesellschaft für Wiederaufbau) in Form einer bundeseigenen Bank, mit deren Krediten in Schieflage geratene Geschäftsbanken vor dem Bankrott bewahrt werden sollten; so ähnlich macht das heute die private Federal Reserve. Doch wie der heutige Ansatz war auch die damalige Strategie von Hoover ein Fehlschlag. Die Banken brauchten nicht noch zusätzliche Kredite; sie steckten schon bis zum Hals in Schulden. Die Banken brauchten Kunden, die Geld zum Ausgeben und Investieren hatten. Präsident Roosevelt nutze Hoovers neugeschaffene Krediteinrichtung in Bundesbesitz, um Kredite gezielt an die Stellen zu vergeben, wo sie am meisten benötigt wurden – beim Bau von Häusern sowie in der Landwirtschaft und Industrie. Die RFC errichtete und finanzierte viele staatliche Agenturen, darunter die HOLC (Home Owners Loan Corporation – Kreditgesellschaft der Hauseigentümer) und den Hypothekenfinanzierer Fannie Mae (Federal National Mortgage Association, die damals eine Agentur der Bundesregierung war). In den 1940er Jahren überbot die RFC sich selbst, als sie die Infrastrukturmaßnahmen finanzierte, die es den USA ermöglichte, in den Zweiten Weltkrieg einzutreten. Damit wurde auch die allgemeine Infrastruktur geschaffen, die die Vereinigten Staaten brauchten, um nach dem Krieg zur führenden Industrienation der Welt aufzusteigen.

Die RFC war eine regierungseigene Bank, die die private Federal Reserve umging; doch anders als bei der Provinzregierung in Pennsylvania, die das Geld, das sie verlieh, selbst geschöpft hatte, musste sich die RFC ihr Geld vorher borgen. Die RFC finanzierte sich dadurch, dass sie Regierungsanleihen herausgab und dann die daraus erzielten Erlöse verlieh. Damals wie heute wurde die Geldmenge aber hauptsächlich nur in Form privater Bankkredite um neues Geld erweitert. Bei einem „Mindestreserve“-Bankensystem dürfen Banken ihre „Reserven“ viele Male verleihen, wobei sie die zirkulierende Geldmenge in der Tat vervielfachen. Heute könnte durchaus ein System von öffentlichen Banken errichtet werden, das nach dem Modell der RFC produktive Unternehmungen – in Industrie und Landwirtschaft sowie beim Häuserbau und im Energiebereich – finanziert, aber wir könnten noch einen Schritt weiter gehen als die RFC und den neuen öffentlichen Banken die Macht verleihen, selber Kredite schöpfen zu können, genauso wie es damals die Regierung von Pennsylvania gemacht hat und wie es heute die privaten Banken tun. Bei der Rate, mit der augenblicklich Banken der Zwangsverwaltung der Bundeseinlagenversicherung FDIC unterstellt werden, wird die Bundesregierung schon bald eine ganze Kette von Banken besitzen, die sie durchaus produktiv nutzen könnte. Eine neue RFC zu errichten ist politisch wahrscheinlich leichter als zu versuchen, die Federal Reserve zu verstaatlichen, aber genau das müsste eigentlich und logischerweise gemacht werden. Wenn wir, die Steuerzahler, das Geld zur Verfügung stellen, damit die Fed die größte Versicherungsgruppe der Welt besitzen kann, dann sollten wir die Fed besitzen.

Allerdings sind Vorschläge zur Reform des Bankensystems heute noch nicht einmal auf den Radarschirmen der Tagespolitik aufgetaucht; doch das gegenwärtige Finanzsystem kollabiert mit atemberaubender Geschwindigkeit, und die in Washington verlangte „Veränderung“ könnte schon bald eine Richtung nehmen, die vor einigen Jahren undenkbar schien. Wir müssen aufhören, die Übertäter zu finanzieren, die uns dies ganze Debakel auf unsere Kosten beschert haben. Wir brauchen ein Bankensystem der öffentlichen Hand, das kosteneffektive Kredite zur Verfügung stellt – für den Bau von Häusern sowie für Handwerksbetriebe, die Errichtung erneuerbarer Energieformen und den Auf- bzw. Ausbau der Infrastruktur. Der erste Schritt zu kosteneffektiven Krediten besteht aber darin, den ganzen Schwarm von Spekulanten, Betrügern und Geschäftemachern zu entfernen, die jetzt im System herumschwirren.

 

 

1) Zitiert in James Wesley, „Derivatives – The Mystery Man Who’ll Break the Global Bank at Monte Carlo“, SurvivalBlog.com (September 2006).2)     Killer Derivatives, Zombie CDOs and Basel Too?”, Institutional Risk Analytics (14. August 2007).3)     Kevin DeMerritt, “1.14 Quadrillion in Derivatives – What Goes Up…“, GoldEagle.com (16. Juni 2008)4)     Daniel Amerman, „The Hidden Bailout of 1.4 Trillion in Fannie/Freddie Credit Default Swaps“, FinancialSense.com (10. September 2008)5)     Alan Kohler, “Lehman End-Game”, Business Spectator (Australien, 15. September 2008)6)     Ebda.     7)     Der englische Ausdruck credit wird in der offiziellen Übersetzung der US-Verfassung mit dem deutschen Begriff Anerkennung übersetzt; gemeint ist natürlich Kredit in seiner eigentlichen Bedeutung: Glaubwürdigkeit. [Anm. d. Übers]

Mittwoch, 24.09.2008

Kategorie: Gastbeiträge, Wirtschaft & Finanzen

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