»Fannie« eine Last abnehmen: Rettung der Hypothekenriesen durch Finanzspritze oder Verstaatlichung?
»Fannie Mae« und »Freddie Mac« besitzen oder garantieren fast die Hälfte des zwölf Billionen Dollar schweren US-Hypothekenmarktes. Noch vor kurzer Zeit waren beide die ausgesprochenen Lieblinge der Wall Street, und ihre Papiere wurden als fast so sicher eingestuft wie die Staatsanleihen der amerikanischen Regierung; die Papiere galten als sicherste und risikoärmste Investments weltweit …
»Nimm Fanny eine Last ab, und zwar für lau;
Nimm Fanny eine Last ab, und (und) (und)
Bürde die Last direkt mir auf.«
The Band, »The Weight« (Das Gewicht), 1968
Allgemein nennt man diese beiden Finanzinstitute »government sponsored enterprises« (GSEs, etwa: regierungsgeförderte Unternehmen), obwohl sie vollständig in Privatbesitz sind und in ihren Werbebroschüren ausdrücklich jede Unterstützung der US-Regierung abstreiten. Der Markt hat dieses Dementi mit einem wohlwollenden Augenzwinkern quittiert und sich darauf verständigt, die beiden GSEs seien »zu groß, um pleite zu gehen«; dadurch war die US-Regierung gezwungen, die beiden Institute aus ihrem riskanten Investmentschlamassel zu retten. Die Vorzugsaktien von Freddie und Fannie wurden als so sicher angesehen, dass die US-Bankenregulierung den Banken gestattete, diese Portfolios ihren Rücklagen zuzurechnen, die sie als Sicherheitspolster gegen Kreditverluste bilden mussten. Das ist jetzt zu einem gravierenden Problem geworden, denn sowohl die normalen Aktien wie auch die Vorzugsaktien des angeschlagenen Duos sind plötzlich abgestürzt. In der Zeit vom 15. Mai bis zum 25. August haben die Normalaktien von Fannie 77 Prozent an Wert verloren, während der Wert ihrer Vorzugsaktien in dieser kurzen Zeit um 58,8 Prozent gefallen ist. Die Vorzugsaktien von Freddie Mac sind mit minus 65,5 Prozent sogar noch stärker gefallen.1 Das könnte für viele Banken zu einer Katastrophe werden, da sie bis zum Stehkragen mit diesen Vorzugsaktien beladen sind. Banken, die schon durch Verluste bei Hypotheken und hypothekenbesicherten Wertpapieren ins Taumeln geraten sind, werden jetzt in ihren Grundfesten erschüttert, da ihre Kapitaldecke schrumpft. Dabei muss man wissen, dass der Verlust des Bankenkapitals mit umgekehrter Hebelwirkung funktioniert: bei einem Kapitalverlust von zehn Prozent vernichtet ein Dollar an verlorenem Kapital zehn Dollar an Krediten.
Ironischerweise wurde der kürzliche Absturz der Aktien von Fannie und Freddie ausgerechnet dem »Bailout-Plan« zugeschrieben, der beide Finanzinstitute retten sollte. Im Juli hatte US-Finanzminister Hank Paulson die Regierung ersucht, ihn zu ermächtigen, den beiden GSEs, die jetzt Gesamtverbindlichkeiten in Höhe von rund fünf Billionen Dollar haben, eine unbegrenzte Kreditlinie einräumen und beiden Instituten durch den Aufkauf ihrer Aktien – d.h. durch ihre de facto Verstaatlichung – mehr Kapital verschaffen zu können; dieses Gesuch wurde gewährt. Bei einer Anhörung am 15. Juli in Washington versicherte Paulson einer Gruppe von Senatoren, der US-Kongress müsse diesen Plan sehr wahrscheinlich nicht realisieren. »Wenn Sie eine Panzerfaust in der Tasche haben und die Leute wissen das«, so Paulson damals, »dann werden Sie diese Waffe wahrscheinlich nicht benutzen müssen.« Doch Panzerfäuste können gerade den Leuten, denen sie Sicherheit geben sollen, auch Angst einjagen. Nach der Bewilligung von Paulsons Plan haben ausländische Zentralbanken ihre Käufe der Vorzugsaktien von Fannie und Freddie um mehr als 25 Prozent drastisch gekürzt, und auch die normalen Aktionäre beeilten sich, ihre Anteile zu verkaufen. Am 22. August stufte die Ratingagentur Moody’s die ausstehenden Vorzugsaktien von Fannie und Freddie um ganze fünf Kategorien, von A1 zu Baa3 (also kurz über »junk«, dem »Ramsch-Status«) herab. Auch die Bonitätsbewertung ihrer Kapitalkraft (Bank Financial Strength Rating) wurde von B- auf D+ herabgesetzt (d.h. eine halbe Stufe über D, die für bankrotte Unternehmen vorgesehen ist). Da der private Sektor zur Zeit keine Anleihen dieser beiden Institute kauft, wird ihnen wahrscheinlich das US-Finanzministerium neues Kapital verschaffen und selber deren neuausgegebenen Anteile aufkaufen müssen, wobei allerdings der Wert der existierenden Anteile verringert wird. Eine volle Rettungsaktion (»Bailout«) der Regierung würde wahrscheinlich den Wert der normalen Aktien völlig vernichten, aber es zeichnet sich immer deutlicher ab, dass auch der Wert der Vorzugsaktien in Mitleidenschaft gezogen wird und die Banken in Schwierigkeiten bringt, die diese Papieren halten.
Paulsons Rettungsplan hat aber noch einige andere Aspekte, die bei den Politikern Magengrimmen erzeugen könnten. In einem Artikel der britischen Wochenzeitschrift Economist vom 17. Juli hieß es:
»[B]ei einer Verstaatlichung … würde der gesamte Schuldenbetrag von Fannie und Freddie die Bilanz der Regierung belasten. Rein buchhalterisch gesehen würden sich damit die öffentlichen Schulden fast verdoppeln, aber das stimmt so nicht. Das wäre wohl kaum das gleiche, wie die Ausgabe neuer US-Schatzpapieren in Höhe von 5,2 Billionen $, denn die Schulden von Fannie und Freddie werden durch reale Vermögenswerte gedeckt. Trotzdem [herrscht] die Angst, dass der Steuerzahler die Schulden der GSEs tragen muss … Das legt eine andere Ironie nahe; die Schulden der GSEs wurden am Markt so gehandelt, als würde die amerikanische Regierung für sie bürgen, doch die Schulden der Regierung wurden am Markt nicht so gehandelt, als wenn Uncle Sam die Schulden der GSEs garantiert hätte.«2
Die US-Bundesschulden belaufen sich fast schon auf zehn Billionen $, wodurch ihr erstklassiges Kredit-Rating (AAA) in Gefahr gerät. Wenn die US-Regierung jetzt auch die Verantwortung für die Schulden der GSEs übernimmt, dann könnte das gesamte Land seine erstklassige AAA-Bonität verlieren, was ausländische Investoren dazu bringen könnte, ihre riesigen Geldbeträge, die sie in den USA angelegt haben, abzuziehen.3 Wenn aber die US-Regierung die Schulden der GSEs nicht übernimmt bzw. garantiert, dann könnte genau dasselbe passieren. Die von China gehaltenen langfristigen US-Staatsanleihen in Höhe von 376 Milliarden $ bestehen hauptsächlich aus Papieren von Fannie Mae und Freddie Mac. Yu Yonding, eine früherer Berater der chinesischen Zentralbank, warnte am 21. August:
»Wenn die US-Regierung es zulässt, dass Fannie und Freddie Schiffbruch erleiden und internationale Investoren nicht entsprechend entschädigt werden, wird das katastrophale Konsequenzen nach sich ziehen. Das ist dann natürlich nicht das Ende der Welt, aber es ist das Ende des gegenwärtig existierenden internationalen Finanzsystems.«4
Das Endspiel rückt näher
Das hört sich ziemlich schlimm an, aber genau darüber sollten wir nachdenken. Wäre das Ende des existierenden Finanzsystems wirklich so schlecht? Das internationale Finanzsystem wird jetzt von einem Netzwerk privater Zentralbanken kontrolliert, die nationale Währungen drucken und sie anschließend bei souveränen Regierungen gegen Staatsanleihen (oder Schulden) eintauschen. Auf Basis dieser Anleihen werden anschließend von den Geschäftsbanken Kredite geschöpft, die einem Vielfachen dieses Wertes entsprechen. Bei einem Mindestreservesatz von zehn Prozent, den die Geschäftsbanken bei ihren Zentralbanken hinterlegen müssen, können sie für jeden Dollar einen Kredit von zehn Dollar schöpfen, das heißt, die Macht der Geldschöpfung ist de facto in private Hände übergegangen. Der Preis, den diese private Geldschöpfungsmaschinerie verlangt, ist der Betrag der Zinseszinsen, die permanent von der Gesamtsumme einbehalten werden – in einem sogenannten »Ponzi-Schema«, das jetzt an seine mathematischen Grenzen gestoßen ist. Die Hauptrolle von Fannie und Freddie bestand darin, das Ponzi-Schema dadurch am Leben zu erhalten, dass sie den Markt mit zusätzlicher »Liquidität« versorgt haben. Bewerkstelligt haben sie das durch den Aufkauf von Hypotheken und ihre anschließende Bündelung zu Wertpapieren, die sie dann an Investoren verkauft haben. Alte Kredite wurden aus den Büchern der Banken genommen und machten Raum für neue Kredite, wodurch die Geldmenge ausgeweitet und die Häuserpreise in die Höhe getrieben wurden. Dazu schrieb der Ökonom Michael Hudson im Juli in dem kritischen US-Blatt CounterPunch:
»Von selbstlosem politischem Gerede einmal abgesehen: der Grund, warum die Bereiche Finanzen, Versicherungen und Immobilien (FIRE) sich so stark für Fannie und Freddie eingesetzt haben, ist der, dass die finanzielle Funktion dieser beiden darin bestanden hat, den Bau von Häusern zunehmend unerschwinglich zu machen. Sie haben die Immobilienpreise in die Höhe getrieben, und zwar mit Krediten, die Eigenheimbesitzer in einem nie dagewesenen Maße verschuldet haben. Genau deswegen ist die Häuserblase schließlich geplatzt. Doch der Kongress handelt jetzt so, als bestünde der einzige Weg, das Schuldenproblem zu lösen, darin, noch mehr Schulden aufzunehmen und die Immobilienpreise noch weiter zu inflationieren, indem noch mehr Kredite vergeben werden können, um die Preise, die Hauskäufer bezahlen müssen, noch weiter nach oben zu treiben.
… Die Wirtschaft hat ihr Schuldenlimit erreicht und ist bereits in ihre Insolvenzphase eingetreten. Wir befinden uns nicht in einem Zyklus, sondern am Ende einer Ära. Die alte Welt des Aufbaus von Schuldenpyramiden bis zu einem betrügerischen Ausmaß kann nicht wieder hergestellt werden … Der Klassenkampf ist wieder da, und zwar mit aller Macht. Aber an die Stelle des bekannten alten Klassenkampfes zwischen Industrieunternehmern und ihren Arbeitskräften handelt es sich hier um den alten vor-industriellen Klassenkampf von Gläubigern gegen Schuldner. Sein Leitmotiv ist der Grundsatz ›Die großen Fische fressen die kleinen Fische‹, und zwar hauptsächlich durch die Schuldenpyramide, die die versprochene freie Wirtschaft verdrängt.
… Keine Volkswirtschaft in der Geschichte war jemals in der Lage, ihre Schulden zurückzuzahlen. Das ist der Kern der ›Magie des Zinseszinses‹. Schulden wachsen unerbittlich, in einem Prozess, bei dem die Gläubiger reich werden und die Volkswirtschaft verarmt, sodass ihre Zahlungsfähigkeit zerstört wird. In Anerkennung dieser finanziellen Dynamik haben die meisten Gesellschaften die einzig logische Antwort gewählt. Von den Sumerern im dritten Jahrtausend vor Christus und den Babyloniern im zweiten vorchristlichen Jahrtausend über die Griechen und Römer im ersten Jahrtausend vor Christus und dann dem feudalen Europa bis hin zu den Schulden der Alliierten untereinander nach dem Ersten Weltkrieg, war die Antwort immer die gleiche: Die Schulden müssen auf ein Maß zurückgeführt werden, so dass sie bezahlt werden können.
Das kann aber nur durch die ersatzlose Streichung der Schulden geschehen, die nicht zurückgezahlt werden können. Die Alternative ist Schuld-Knechtschaft. In fast der gesamten Geschichte mussten Länder immer wieder feststellen, dass der Bankrott – d.h. die Löschung der Schulden – der einzige Weg war, Volkswirtschaften zu befreien: Aus einer Situation zu befreien, in der ein wirtschaftlicher Überschuss wirklichen Neuinvestitionen vorenthalten wird, damit Bankiers bezahlt werden können. Die klassische Idee freier Märkte besteht darin, privatisierende Monopole zu verhindern, wie z.B. das einzigartige Privileg von Privatbankiers, Bankkredite zu schöpfen und darauf auch noch Zinsen zu verlangen.«5
Bailout oder Einsetzung eines Konservators?
Nach geltendem US-Recht ist das Office of Federal Housing Enterprise Oversight, die Regulierungsbehörde der GSEs, bevollmächtigt, in dem Fall, wenn das Kapital der GSE zu weit unter den Mindestreservesatz fällt, die Institute zu übernehmen und einen »conservator« einzusetzen, also ein ordentliches Bankrottverfahren durchzuführen. In einem Artikel, der am 23. Juli erschien, schrieb der ehemalige Berater der Federal Reserve Walker F. Todd:
»Traditionsgemäß werden durch die Einsetzung eines Konservators die Bankkonten eingefroren; daraufhin können nur noch begrenzte Abbuchungen bzw. Abhebungen vorgenommen werden, bis die Behörden entschieden haben, wie viele der eingefrorenen Gelder anteilsmäßig an die Anspruchsberechtigten verteilt werden. Nach der Ernennung eines Konservators werden neue Einlagen und andere erhaltene Gelder sowie Investments umfassend geschützt.«6
Frühere Anspruchsberechtigte sichern ihre Ansprüche auf vorhandene Vermögen nach dem Senioritätsprinzip, wobei die Kreditgeber gegenüber den Anteilseignern bevorzugt werden. Die Einkünfte aus neuen Geschäften werden separat behandelt. Die Investoren von Fannie und Freddie würden sicherlich einige Verluste hinnehmen müssen, aber der vorhandene Topf, aus dem die Ansprüche bezahlt werden müssen, ist ziemlich groß. Hudson dazu:
»[N]icht alle Hypotheken, die diese beiden Institute gekauft oder für die sie gebürgt haben sind Ramsch. Die meisten sind authentisch und werden auch bezahlt … Man muss dafür sorgen, dass diese Hypotheken die existierenden Anleihen von Fannie Mae und Freddie Mac zu dem Grad decken, dass sie tatsächlich den Schuldendienst der Hypotheken einbringen. Sollte es eine Deckungslücke geben, dann müssen die Anteilseigner den normalen Sicherheitsabschlag hinnehmen, der mit einem derartigen Risiko einhergeht … Diesem Gesetz müssen sich alle Anteilseigner unterwerfen, wenn der Wert ihrer Investitionen abstürzt. Warum sollte man bei den Beteiligten an der Immobilienblase eine Ausnahme machen? … Damit Fannie und Freddie weiter arbeiten können, sollte man ihnen gestatten, eine neue Serie von Anleihen auflegen zu können – die Serie mit der Aufschrift: ›Wir werden nicht mehr betrügen.‹«
Nouriel Roubini, Professor für Wirtschaftswissenschaften an der New York University, der eine populäre Internetseite namens Global EconoMonitor eingerichtet hat, schätzt, dass der Sicherheitsabschlag für Wertpapierbesitzer nur mäßige fünf Prozent betragen würde (250 Milliarden Dollar einer Gesamtsumme von fünf Billionen Dollar). Die Besitzer der Wertpapiere von Fannie und Freddie werden im Vergleich zu dem, was sie bei Investitionen in US-Schatzpapieren verdient hätten, mit einer Summe von etwa 50 Milliarden Dollar pro Jahr unterstützt, insbesondere deswegen, weil sie bei Fannie und Freddie ein größeres Risiko eingehen; Risiko ist aber gleichbedeutend mit einem gelegentlichen Sicherheitsabschlag. Roubini schließt daraus:
»Es ist … Zeit, der kommenden ›Mutter aller Bailouts‹ einen Riegel vorzuschieben, indem wir Nein sagen zu der Rettungsaktion von Freddie und Fannie auf Kosten der Steuerzahler, denn diese beiden Institute haben sich in den letzten Jahren mit ihren leichtsinnigen Fremdfinanzierungen und gewagten Finanzaktivitäten wie die ›Mutter aller fremdfinanzierten Hedge-Fonds‹ verhalten.
»…[W]ir sollten die ungeschminkte, blutige Wahrheit sagen: Freddie Mac und Fannie Mae müssen verstaatlicht werden. Sie hätten gar nicht erst privatisiert werden dürfen … Man erhöhe die Steuern oder kürze andere öffentliche Ausgaben, um dieses Unterfangen zu finanzieren. Aber Schluss mit der Heuchelei. Schluss mit den Lügen über die finanzielle Lebensfähigkeit von Institutionen, die so konzipiert sind, einer favorisierten Klientel Vergünstigungen zukommen zu lassen.«7
Verstaatlichung ohne Steuern: Erfolgreiche historische Modelle
Roubini ist der Ansicht, eine Verstaatlichung von Fannie und Freddie werde entweder Steuererhöhungen oder Kürzungen bei anderen öffentlichen Ausgaben erfordern, doch es sind auch andere Finanzlösungen möglich, und zwar solche, die auch recht erfolgreiche historische Vorbilder haben. Wenn die verschiedenen Gruppen von Profiteuren und Spekulanten sowie von Derivaten, Prämien, Gebühren und Betrügereien aus der ganzen Sache eliminiert würden, dann könnte sich eine verstaatlichte Fannie/Freddie-Institution selbst finanzieren. Das wurde in den 1930er-Jahren mit der Errichtung der Home Owners Loan Corporation (HOLC, Kreditbank der Eigenheimbesitzer) bewiesen, einem regierungseigenen Finanzinstitut, das damals gegründet worden war, um der katastrophalen Welle von Zwangsversteigerungen von Eigenheimen begegnen zu können. Finanziert wurde die HOLC durch die Reconstruction Finance Corporation (RFC, Finanzinstitution für Wiederaufbau), einem anderen Finanzinstitut, das sich vollständig im Besitz der US-Regierung befand und die Funktionen einer öffentlichen Bank wahrnahm. Die RFC finanzierte nicht nur erfolgreich den »New Deal«, sondern auch Amerikas Beteiligung am Zweiten Weltkrieg. Im Februar 2008 empfahl Alan Binder in einem Artikel in der New York Times die Rückkehr zu dem HOLC-Modell als Ausweg aus der gegenwärtigen Hypothekenkrise. Er schrieb:
»Die HOLC wurde im Juni 1933 errichtet, um verzweifelten Familien zu helfen, die Zwangsversteigerung zu vermeiden, indem die Hypotheken, die entweder fast oder völlig notleidend waren, durch neue Kredite ersetzt wurden, die sich die Eigenheimbesitzer auch leisten konnten. Die HOLC tat das, indem sie alte Hypotheken von Banken aufkaufte … und dann den Eigenheimbesitzern neue Kredite gab. Die HOLC finanzierte sich selbst, indem sie sich Gelder auf den Kapitalmärkten und vom [US-]Finanzministerium lieh.
Die Größe des gesamten Unterfangens war beeindruckend. In zwei Jahren vergab die HOLC mehr als eine Million neue Hypotheken. (Würde man diese Zahl nur an die jetzige Bevölkerungsgröße anpassen, entspräche das heute fast 2,5 Millionen Hypotheken.) Fast jede fünfte Hypothek in den USA wurde damals von der HOLC vergeben. Die gesamte von ihr verliehene Geldmenge betrug 3,5 Milliarden $ … (Das entspräche heute einer Zahl von 750 Milliarden Dollar.)
Als öffentliches Unternehmen mit dem Auftrag, einem öffentlichen Zweck zu dienen, war die HOLC ein geduldiger und sogar nachsichtiger Geldverleiher … Aber die Zeiten in den 1930er-Jahren waren hart und fast 20 Prozent der Kreditempfänger der HOLC gingen trotzdem bankrott. Dadurch wurde dies Finanzinstitut am Ende Eigentümer von rund 200.000 Häusern, die bis 1944 fast alle verkauft waren. Als die HOLC 1951 ihre Tätigkeit einstellte, und zwar 15 Jahre, nachdem ihre letzte Hypothek im Jahre 1936 abbezahlt worden war, konnte sie sogar einen kleinen Profit vorweisen. Die damalige Aufgabe war gewaltig, aber die unglaubliche HOLC hatte diese Aufgabe bewältigt.
Die heutige Aufgabe wäre ungleich einfacher zu bewältigen … Bei den jetzigen niedrigen Zinsraten könnte sich eine neue HOLC billig Geld leihen und aufgrund der Spanne zwischen den Zinsraten für das Borgen und den Zinsen für das Verleihen ohne Schwierigkeit einen zweistelligen Prozentsatz verdienen und dadurch vielleicht pro Jahr einen Bruttogewinn zwischen vier Milliarden bis acht Milliarden Dollar erzielen.«8
Die RFC hat der HOLC anfänglich dadurch Kapital zugeschossen, indem sie all ihre Aktien für 200 Millionen Dollar aufkaufte. Durch ihr Statut war die HOLC ermächtigt, anschließend das Zehnfache dieser Summe (also zwei Milliarden Dollar) in Form von steuerfreien Anleihen auszugeben. Auf die gleiche Art und Weise schuf und finanzierte die RFC in den Jahren 1937 und 1938 den Hypothekenfinanzierer Fannie Mae, der im vollständigen Besitz der US-Regierung war. Diese Maßnahme hatte den Zweck, Geld in das Bankensystem zu pumpen, damit die Banken das Volumen der Haushypotheken vergrößern konnten. Die RFC und ihre Institute finanzierten ihre Geschäftstätigkeit durch den Verkauf ihrer Anleihen zu mäßigen Zinsen an das Finanzministerium und die Öffentlichkeit und den anschließenden Wiederverleih der dadurch erhaltenen Gelder zu einem etwas höheren Zinssatz. Die »Spanne« war groß genug, um die Betriebskosten decken, Verluste aus notleidenden Krediten ausgleichen und trotzdem noch einen bescheidenen Profit erwirtschaften zu können.
Wie hat die HOLC es geschafft, damals eine viel größere Krise von Zwangsversteigerungen als die heutige zu meistern und sogar noch einen Profit zu erzielen, wenn Fannie und Freddie – die auch ihr Kreditgeld durch den Verkauf von Wertpapieren an Investoren verdienen – bei dieser Tätigkeit hoffnungslos bankrott gegangen sind? Der Unterschied scheint zu sein, dass die HOLC eine öffentliche Institution war, die als öffentlicher Dienstleister operierte. Fannie und Freddie sind dagegen private, profitorientierte Unternehmen, die für ihre Investoren und die sie kontrollierenden politischen Interessengruppen Geld verdienen müssen. Wie Professor Roubini schreibt: »Diese GSEs waren so konzipiert, dass sie Verluste machten. Es wird sogar erwartet, dass sie Verluste machen. Wenn Sie keine Verluste machen, dienen sie nicht ihrem politischen Zweck.« Wenn aber die Profitmacherei aus der Gleichung entfernt und das Geschäft als öffentliche Dienstleistung getätigt wird, dann geht die Rechnung auf.
Es gibt auch ein anderes amerikanisches Modell, das noch älter ist als die HOLC und das sogar noch aufregendere Möglichkeiten bietet. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts finanzierte die Provinz Pennsylvania ihre gesamte Regierungstätigkeit ohne Steuern oder Schulden, und zwar mithilfe einer Bank im Besitz der Öffentlichkeit, die Papiergeld herausgab und an die Farmer verlieh. Die Bank brauchte sich kein Kapital zu leihen, bevor sie Kredite vergeben konnte; sie schöpfte das Geld selbst, indem sie ihre eigenen Währungsnoten druckte. Das Geld wurde an die Wirtschaft vergeben und nicht etwa nur ausgegeben, so dass es in Form eines Zirkulationsprozesses an die Regierung zurückfloss; dadurch wurde eine Inflation vermieden. Außerdem reichten die Zinsen der vergebenen Kredite aus, um die Regierungstätigkeit bezahlen zu können, ohne Steuern erheben zu müssen. Solch eine öffentliche Bank könnte heute nicht nur die Krise auf dem Häusermarkt lösen, sondern auch eine Reihe anderer drängender Probleme, inklusive Infrastruktur- und Energiekrise. (Siehe E. Brown, »Sustainable Energy Development: How Cost Can Be Cut in Half – Entwicklung nachhaltiger Energieformen: Wie die Kosten halbiert werden können –, webofdebt.com/articles, 5. November 2007.)
Sobald bankrotte Unternehmen wieder liquide geworden sind, werden sie gewöhnlich erneut in private Hände übergeben; im Falle von Fannie und Freddie wäre es jedoch besser, sie einfach als öffentliche Institutionen zu behalten. In der Londoner Zeitung Tribune schlug der britische Unterhausabgeordnete Michael Meacher am 8. August diese Alternative für Northern Rock, eine große britische Bank, vor die nach ihrem Bankrott kürzlich verstaatlicht worden war. Er schrieb:
»[N]achdem die Banken das öffentliche Interesse so stark enttäuscht haben und jetzt immer noch so engstirnig das Ziel verfolgen, ihre Gewinne zu privatisieren und ihre Verluste zu sozialisieren, wäre dann nicht eine Bank in öffentlichem Eigentum der effektivste Weg, um die gegenwärtige zerstörerische Finanzkultur der Kurzsichtigkeit, niedrigen Investitionsraten, Inflation der Häuserpreise und Insider-Bereicherung mit der Gefahr einer systemischen Brüchigkeit für jeden anderen zu ändern? Vielleicht sollten wir Northern Rock überhaupt nicht wieder an den privaten Sektor zurückgeben.«9
Vielleicht sollten wir auch Fannie und Freddie nicht wieder zurückgeben.
________________
Quellen:
(1) Martin Weiss, »The Greatest Bailout of All Time«, Money and Markets (25. August 2008).
(2) »Fannie Mae and Freddie Mac. End of Illusions«, Economist (17. July 2008).
(3) Nouriel Roubini, »How to Avoid the ›Mother of All Bailouts‹«, Global EconoMonitor (11. Juli 2008).
(4) Kevin Hamlin, »Freddie, Fannie Failure Could Be World ›Catastrophe‹, Yu Says«, Bloomberg (22. August 2008).
(5) Michael Hudson, »Why the Bail Out of Freddie Mac and Fanny Mae is Bad Economic Policy« Counterpunch (15. Juli 2008).
(6) Walker Todd, »Receivership or Conservatorship for Fannie Mae, Freddie Mac, and Failing Banks«, American Institute for Economic Research (23. Juli 2008).
(7) N. Roubini, a.a.O.
(8) Alan Blinder, »From the New Deal, a Way Out of a Mess«, New York Times (24. Februar 2008).
(9) Meacher, »A Bank Too Far?«, The Tribune (8. August 2008) (Hervorhebung E. B.).
Montag, 08.09.2008
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