Fritzi und das IJU-Gespenst: Zu den Geständnissen im Prozess gegen die »Sauerland-Gruppe«
Seit Ende April 2009 wird vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf der größte Terrorprozess seit dem Deutschen Herbst 1977 geführt. Den vier Angeklagten – Fritz Gelowicz, Daniel Schneider, Adem Yilmaz und Attila Selek – wird vorgeworfen, im September 2007 – passend zum Jahrestag von 9/11 – ein »entsetzliches Attentat« mit einer »riesigen Zahl von Toten« (»Spiegel-Online«) vorbereitet zu haben.
Seit dem Tag der Verhaftung am 4. September 2007 hat das Quartett gemauert und geschwiegen, doch im Juli 2009 kündigte sich die Wende an: Die Angeklagten wollen nicht nur aussagen, sondern sogar gestehen. Was mochte die plötzliche Offenherzigkeit bewirkt haben? Die Frankfurter Allgemeine Zeitung weiß, dass ihnen »der Vorsitzende Richter Ottmar Breidling eine unbestimmte Haftbeschränkung in Aussicht gestellt, wenn sie sich der Anschlagspläne bezichtigen würden« (1).
Den Anfang machte am 10. und 11. August der als Rädelsführer beschuldigte Gelowicz. »Fritzi« – so der Rufname des Ulmers in unbeschwerten Jugendtagen – trat mit 16 Jahren zum Islam über und radikalisierte sich über den Antiterrorkrieg der US-Amerikaner nach dem 11. September 2001. Als Khaled el-Masri, der in der Moschee immer drei Meter neben ihm betete, zu Jahresanfang 2004 nach Afghanistan verschleppt wurde, entschloss sich der junge Mann zum bewaffneten Kampf. Um Anschläge in Deutschland ging es ihm und seinen drei Freunden dabei nicht: Er wollte sich vielmehr im Irak den Aufständischen anschließen, und erst als die Einreise ins Zweistromland scheiterte, ließ er sich in das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet schleusen, nach Waziristan. Dort angekommen, wollte er noch immer nichts anderes, als vor Ort gegen die US-Armee zu kämpfen. Doch dazu ist es nie gekommen, denn die Instrukteure im wazirischen Ausbildungslager »hätten andere Pläne für sie gehabt und sie regelrecht damit überrumpelt«. Diese seien es gewesen, »die einen Terroranschlag in Europa ins Spiel brachten« (2).
Die Neuankömmlinge erinnerten sich, »dass sie darauf nicht vorbereitet gewesen seien«. Eigentlich hätten er und seine Freunde sich für »nicht besonders geeignet gehalten«, erinnert sich Gelowicz heute. Auch Yilmaz will zunächst um Bedenkzeit gebeten haben. Erst nach einem Vieraugengespräch sahen die beiden ein, dass sie »sich dem Auftrag nicht entziehen … können« – eine Formulierung, die die massive Beeinflussung durch die Instrukteure verdeutlicht. (3)
Die übrigen beiden Novizen waren noch ablehnender. »So habe Attila Selek noch im … Lager Skepsis geäußert, was den Anschlagsplan anging. (…) Später kontaktierte er Gelowicz und sagte diesem, er wolle aussteigen.« (4) Auch Schneider verabschiedete sich von der Gruppe, kam dann aber später zurück. Im Unterschied zu ihm machte Selek mit dem Ausstieg ernst, reiste bereits zu Jahresanfang 2007 in die Türkei und tauchte bis zur Verhaftung des Rest-Trios im September 2007 nicht mehr in Deutschland auf. Dass er trotzdem angeklagt wurde, ist der größte Witz des Verfahrens: Die Bombenzünder, die er aus der Ferne vermittelt haben soll, beschaffte nämlich ein ganz anderer – die geheimnisvolle Nummer 5 des Plots, von der noch die Rede sein wird.
Mit den Grünschnäbeln aus Deutschland spielte man am Hindukusch Blindekuh. »Wo genau sie waren, wo sich die Front befand, welcher Gruppe sie sich hier anschlossen: Gelowicz suggeriert, dass sie das alles nicht gewusst hätten. Auch nicht wissen wollten. Mehr als einmal stellte er in seiner Aussage klar, dass ›in diesen Kreisen‹ nicht unnötig nachgefragt werde: Kein Name stimme, die Herkunft werde nicht unnötig verraten, keine Details ausgeplaudert, die der andere nicht wissen muss.« (5) Erst später wurde den deutschen Rekruten beigebracht, dass sie in einem Camp der Islamischen Dschihad Union (IJU) gelandet waren.
Vor diesem Hintergrund zeugt es von beachtlicher Naivität, wenn Gelowicz vor Gericht versicherte: »Ich habe die Tat nicht gemacht, weil ein Geheimdienst es wollte«, niemand aus der Vierergruppe sei »vom Geheimdienst ferngesteuert« worden. (6) Denn wenn auch noch vieles unklar ist, eines ist klar: Die IJU – das IST der Geheimdienst.
Geisterstunde in Taschkent
Die These von der IJU als Bastard des westlichen Geheimdienstes wurde zum ersten Mal vom britischen Diplomaten Craig Murray formuliert. Er war 2004 Botschafter seines Landes in Usbekistan – zu der Zeit, als unter dem Label IJU die ersten Anschläge in Taschkent und Samara verübt wurden. Seine Kernthese: »Diese Angriffe waren tatsächlich zum großen Teil vorgetäuscht und fast sicher das Werk usbekischer Sicherheitskräfte, so meine Untersuchungen vor Ort zu jener Zeit.« (7)
Zweifel an der Existenz der IJU als Terrororganisation äußerte sofort nach den Festnahmen der Sauerländer auch der Baden-Württembergische Verfassungsschutz (siehe dazu ausführlich mein Artikel auf dieser Website vom 21. April 2009).
Die Bundesanwaltschaft geht trotzdem im Prozess gegen Gelowicz und Co. unverdrossen von der Existenz der IJU und der Mitgliedschaft der Angeklagten aus. Unterstützung erhält sie vom Bundesnachrichtendienst (BND), der ebenfalls die Anschlagswelle in Usbekistan im Jahr 2004 als Geburtsstunde der Terrorgruppe bezeichnet.
Pech nur, dass ein Zeuge aufgetaucht ist, der nicht nur – wie Murray und die Stuttgarter Verfassungsschütze – aufgrund von Indizien an der offiziellen Darstellung der IJU zweifelt, sondern aus eigener Tatbeteiligung weiß, dass es sich dabei um ein Geheimdienstkonstrukt handelt. Der Mann heißt Ikrom Yakubov, war zehn Jahre Mitarbeiter des usbekischen Geheimdienstes und lebt heute in London. Im Interview mit dem ARD-Magazins Monitor sagte er: »Die Bombenanschläge 2004 in Taschkent wurden von der usbekischen Regierung organisiert, von den Sicherheitsbehörden, und zwar vom usbekischen Geheimdienst. Ich hatte ein Gespräch mit der Person, die 2004 für die Anschläge verantwortlich war.« (8) Yakubov kennt auch den Trick, mit dem Gelowicz und Co. getäuscht wurden: »Die Mitglieder, die eine führende Rolle spielten, kamen vom usbekischen Geheimdienst. Aber die Leute um sie herum waren einfache Muslime.« Die meisten Mitglieder der IJU seien ahnungslose Mitläufer gewesen, ohne Kenntnis der wirklichen Auftraggeber – so wie 2006/2007 die ebenso fanatischen wie blinden Rekruten aus Deutschland.
Auch die seltenen Gelegenheiten, zu denen sich die IJU seither wieder bemerkbar gemacht hat, sprechen dafür, dass es sich bei der Gruppe um ein Kunstprodukt handelt, das von den Geheimdiensten am Leben gehalten wird. Ein Beispiel aus dem Jahr 2008: Am 3. März sprengte sich »der erste Selbstmordattentäter, der aus Deutschland kam« (Spiegel) im ostafghanischen Khost in die Luft. Cüney Ciftci, ein Islamist aus dem bayrischen Ansbach, hinterließ eine Botschaft auf Video, die im April 2008 von der IJU im Netz verbreitet wurde. Doch seltsam: »Einen Teil der Aufnahmen spielte die Propagandaabteilung der Taliban Spiegel Online bereits Ende März zu«, berichtet das Internetportal stolz. (9)] Taliban? Nicht IJU? Auf dem ersten Band, dem von der Taliban, fehlt jedenfalls der Bezug zur IJU, wie auch Spiegel Online einräumt. Erst auf der Internet-Veröffentlichung der IJU ist zu sehen, wie Ciftci vor einem schwarzen Banner der Organisation sitzt und religiöse Gesänge anstimmt. »Diese Passage scheint allerdings hineinmontiert worden zu sein«, gibt Spiegel Online zu. Trotzdem schlussfolgern die Medienmacher ganz frivol: »Die Tatsache, dass Ciftci auf dem neuen Video vor einem IJU-Banner zu sehen ist, erhärtet die These, dass die IJU eine reale und aktive Organisation ist.«
Die Aussage Gelowiczs, dass seine Instrukteure im Ausbildungslager aus der IJU kamen, wurde ausgerechnet von einem Gewährsmann der Bundesanwaltschaft dementiert, der zu Prozessbeginn im April 2009 der geneigten Presse den Aufenthalt des damals noch nicht aussagewilligen Sauerländer Quartetts am Hindukusch bezeugen sollte. Das tat der Usbeke Sherali A. damals auch – allerdings mit der heute sehr brisanten Einschränkung, dass er in den Trainingslagern nichts von der IJU mitbekommen, ja diese Organisation überhaupt nicht gekannt habe. (10)
Der CIA-Bomber
Denn Gelowicz versichert, niemand aus der Vierergruppe sei »vom Geheimdienst ferngesteuert« worden, ist das auch deswegen drollig, weil er gleichzeitig vor Gericht den fünften Mann durchaus richtig einschätzte: Mevlüt K., der den Sauerländern die Zünder für die noch zu bauenden Bomben besorgte – also Hardware, ohne die nichts geht –, arbeitete seit 2004 für den türkischen Geheimdienst MIT und hatte auch Kontakte zur CIA. Zu diesem sehr frühen Zeitpunkt traf er auch das erste Mal Gelowicz in Istanbul. Der Ulmer sagte dazu vor Gericht, »K. habe Informationen aus dem Geheimdienst bezogen«. Und weiter: »„Ich war davon überzeugt, dass er auf unserer Seite war.« Aber: »Im Nachhinein könne er nicht sagen, ob K. ein doppeltes Spiel gespielt habe.« (11) Das jedoch ist eine ganz entscheidende Frage, und es ist kein Wunder, dass die Bundesregierung nicht durch einen Auslieferungsbefehl an die Türkei für die Überstellung von K. sorgt: Er ist ein Mann, der zu viel weiß.
__________
(1) Peter Carstens, »Eine kleine Bombe für den Flughafen«, FAZ Online, 12.08.2009
(2) Yassin Musharbash/Marcel Rosenbach, »Explosionen im Sand«, Spiegel-Online, 10.08.2009
(3) Yassin Musharbash/Marcel Rosenbach, a.a.O.
Yassin (4) Musharbash, Sauerland-Anführer schildert Fluchtpläne der Zelle, Spiegel-Online, 10.08.2009
(5) Yassin Musharbash, Angeklagter gibt Details der Terrorplanung preis, Spiegel-Online, 10.08.2009
(6) dpa/AP/afp/ddp/woja/jhh/woja, Zweiter Angeklagter legt Geständnis ab, Süddeutsche Zeitung, 12.08.2009
(7) Craig Murray, The Mysterious Islamic Jihad Union, craigmurray.com, 08.09.2007 (http://www.craigmurray.org.uk/archives/2007/09/the_mysterious.html).
(8) Ralph Hötte und Monika Wagener, »Terror in Deutschland«, Monitor, 25.09.2008
(9) Matthias Gebauer/Yassin Musharbash, »Bayrischer Selbstmordattentäter buhlte um Nachahmer«, Spiegel-Online,16.04.2005.
(10) Vgl. Yassin Musharbash/Marcel Rosenbach, »Sauerland Cell in the Dock«, Spiegel-Online, 16.04.2009
(11) dpa/AP/afp/ddp/woja/jhh/woja, »Zweiter Angeklagter legt Geständnis ab«, Süddeutsche Zeitung, 12.08.2009
Freitag, 14.08.2009
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