Geheime Dokumente beweisen: Großbritannien an libyschem Öl interessiert
Vor Kurzem wurde der verurteilte libysche Lockerbie-Bomber, Abdelbaset al-Megrahi, aus einem britischen Gefängnis in Schottland entlassen. In Libyen wurde er wie ein Held empfangen. Die Freilassung hat allerdings eher mit der Öl-Diplomatie der britischen Regierung zu tun als mit Gnade oder Recht. Überall finden sich Spuren der schmierigen Hände von »Shell« und »British Petroleum«; der »Preis« sind die riesigen unerschlossenen libyschen Ölreserven.
Wie die britische Zeitung Sunday Observer berichtet, liegen der Redaktion Dokumente vor, aus denen hervorgeht, dass sich britische Minister und hohe Staatsbeamte mit Vertretern des britisch-niederländischen Ölriesen Shell zu Gesprächen über die Entwicklung der libyschen Öl- und Gasvorkommen, an denen Shell interessiert ist, getroffen haben. In den vergangenen vier Jahren soll es bis zu 26 solcher Treffen gegeben haben. Aus dem Bericht geht weiter hervor, dass Außenminister David Miliband und der ehemalige Vorsitzende der Labour-Partei Lord Kinnock an den Treffen mit Shell teilgenommen haben, bei denen es um die Geschäfte des Unternehmens in Libyen und Ägypten ging.
Die Veröffentlichung hat einen Proteststurm gegen die Regierung von Premierminister Gordon Brown von der Labour Party ausgelöst, auch Präsident Obama meldete sich zu Wort. Brown hat versichert, er habe mit der Veröffentlichung nichts zu tun, doch nach Aussage von Regierungskritikern zeigen die Informationen, die eine Nicht-Regierungs-Organisation erhalten hatte, dass die britische Regierung Shell nachdrücklich und schon lange in dem Bemühen unterstützt hätte, mit Libyen ins Geschäft zu kommen.
Shell gehörte zu den ersten westlichen Ölgesellschaften, die nach Libyen – einem der potenziell größten Öllieferanten der Welt – zurückgekehrt sind, nachdem die Vereinten Nationen 2004 infolge einer Einigung mit dem libyschen Staatsführer Muammar Gaddafi die Sanktionen aufgehoben hatten.
Am 25. März 2004 hat Shell eine Vereinbarung über eine »langfristige strategische Partnerschaft« zwischen der Ölgesellschaft und der staatlichen libyschen Energie-Gruppe getroffen. Das Abkommen wurde bei einem Besuch des damaligen Premierministers Tony Blair unterzeichnet.
Von Shell gab es dazu »keinen Kommentar«. Eine Regierungssprecherin dementierte, dass britische Ölinteressen bei der Freilassung des Lockerbie-Bombers eine Rolle gespielt hätten.
In dem winzigen libyschen Fischerdorf Marsa El-Brega an der Mittelmeerküste soll mithilfe von Shell eines der größten Energieterminals der Welt gebaut werden, von wo aus riesige Mengen Gas nach Großbritannien exportiert werden können; damit kann die Liefermenge von Flüssig-Erdgas (LNG) von 500.000 Tonnen jährlich auf 3,2 Millionen pro Jahr gesteigert werden. Shell hat bereits das erste von einem Dutzend geplanter Bohrlöcher angelegt.
Im Dezember 1988 stürzte ein amerikanisches Flugzeug über Lockerbie ab; Libyen wurde für den Anschlag verantwortlich gemacht.
Wenn Obama laut gegen die Freilassung des Gefangenen protestierte, dann hat das wohl mehr mit angloamerikanischer Öl-Rivalität zu tun als mit Rechtsfragen. Die Vereinbarung mit Shell hat dem Vernehmen nach die großen amerikanischen Ölkonzerne in Aufruhr versetzt, denen Kontakte mit Libyen von der Regierung untersagt sind. Besonders empört zeigt sich ExxonMobil, weil dieses Unternehmen in den 1970er-Jahren die LNG-Anlage in Marsa El-Brega betrieben hat.
Die britischen Ölinteressen haben in Libyen noch einen weiteren »Preis« errungen, nämlich die Rechte für Erkundung und Erschließung für BP. Dieser Öl-Deal wurde im Mai 2007 am Rande eines zweiten Besuchs von Blair unterzeichnet. Über 900 Millionen Dollar sollten ursprünglich in Libyen für Onshore- und Offshore-Bohrungen auf einem Gebiet, das größer ist als Kuwait, investiert werden, doch die Gesamtausgaben könnten in den nächsten 20 Jahren auf bis zu 20 Milliarden Dollar steigen. Zurzeit ist es das größte Erschließungsprojekt der BP. Tony Blair unterhielt während seiner Amtszeit als Premierminister so enge Beziehungen zu dem Chef der BP, dass die Engländer das Unternehmen schon spöttisch »Blair Petroleum« nannten. Dem Vernehmen nach hat auch BP 2003 Blair dazu geraten, bei Bushs Irak-Invasion mitzumischen, um die riesigen Ölkonzessionen für BP zu sichern.
Aber nicht nur die USA wollen den Zugang nach Libyen, sondern auch China, Russland und andere Länder, deren staatliche Ölgesellschaften auf der Suche nach neuen Quellen sind. Dass die Nordsee-Reserven langsam zur Neige gehen, war Berichten zufolge ein wichtiger Beweggrund für die Freilassung des Gefangenen durch die Regierung. Marsa El-Brega würde nämlich Brennstoff für britische Kraftwerke liefern und damit verhindern, dass Großbritannien von Gaslieferungen aus Ländern wie Russland abhängig wird.
Freitag, 25.09.2009
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