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Geologie, Energetik und Gold – eine Vision

Jürgen Müller

Lieber Leser, Sie kennen aus meiner Feder eher sachliche und nüchterne Artikel. Erlauben Sie mir heute eine Art menschliche Vision vor Ihnen auszubreiten, die ich persönlich für unsere Zukunft und die von Gold sehe.

Peter Boehringer führte vor ca. zwei Wochen in einem Vortrag in Gerstetten anschaulich aus, welche Auswirkungen das Ende des billigen, leicht zu fördernden Öls auf unser aller Leben haben wird. Alle Formen von Kultur und Freizeitaktivitäten, die wir heute kennen und als selbstverständlich erachten, beruhen einzig darauf, dass wir seit ca. 100 Jahren eine lächerlich billige Energiequelle zur Verfügung haben, die es uns erspart, die daraus gewonnene Energie selbst körperlich erbringen zu müssen.  

Einige Beispiele von Peter Boehringer: Der Energiebedarf zur Herstellung des jährlichen Nahrungsmittelbedarfs eines US-Bürgers entspricht dem Energiegehalt von ca. 1.500 Litern Benzin. Energetisch entspricht dies jedoch 75.000 Stunden harter Arbeit oder der Arbeitsleistung von 25 »Mitarbeitern«, die an 250 Tagen je zwölf Stunden lang arbeiten müssten. In Deutschland bräuchte jeder Bürger über 14 »Mitarbeiter«, in China zwei und in Indien einen. Und wie gesagt, diese Mitarbeiter wären nur für unsere Lebensmittelproduktion zuständig. Weitere zehn Mitarbeiter wären in der westlichen Welt für die Stromerzeugung verantwortlich, weitere für die Mobilität, Kunststoffe, Beheizung unserer Wohnungen etc. pp. Fällt das billige Öl weg, fallen diese virtuellen Mitarbeiter weg. Und fallen die Mitarbeiter aus, muss der Chef bekanntermaßen selbst die Ärmel hochkrempeln. Mit anderen Worten: Im Laufe der Zeit müssen immer mehr Menschen, die sich die teurer werdenden Mitarbeiter nicht mehr leisten können, deren Arbeit irgendwie selbst im Alltag erledigen. Die gesellschaftlichen Folgen überlasse ich Ihrer Fantasie. Ich für meinen Teil sehe diese zukünftige Entwicklung nicht nur negativ. Wir werden wieder lernen, wie man Kartoffeln anbaut, werden wohl insgesamt gesünder leben (z.B. Abbau von Übergewicht, mehr Luft, mehr körperliche Bewegung) und werden wohl auch wieder mehr mit unseren Mitmenschen leben, statt neben ihnen her. Themen wie »Germany next top model« oder »… next superstar« oder »… next Politschwätzer« werden niemanden mehr interessieren.

Energie wird knapper, teurer und wertvoller. Insoweit könnten auch alle menschlichen Aktivitäten auf den energetischen Prüfstand kommen. Aktivitäten wie z.B. der Goldbergbau. Seien wir ehrlich: Brauchen wir wirklich Gold? Die Antwort ist natürlich nein. Technisch betrachtet spielt Gold als Rohstoff für jedwede Produkte eine sehr kleine Rolle. (Anmerkung: Der World Gold Council meldete kürzlich, dass sich die Nachfrage im Augenblick radikal von Schmuck zum Investment wandelt. Beides ist aber nicht wirklich lebensnotwendig.) So könnte also auch Gold in der Zukunft auf dem Altar der Energetik geopfert werden müssen, will heißen, dass den derzeitigen Beständen von ca. 150.000 oder 160.000 Tonnen keine weiteren mehr hinzugefügt werden würden (ggf. nur, wenn der Goldpreis dem zukünftigen Wert der Energie folgen würde). Alle aktuellen Zahlen laufen in diese Richtung: Die Erzgehalte werden kontinuierlich geringer, das Verhältnis Abraum zu Erz immer größer und trotz stark steigender Exploration werden immer weniger wirtschaftlich interessante Goldvorkommen gefunden.

Meine Vision des Goldpreises lässt sich daher in folgender Darstellung veranschaulichen:

Diese Grafik entstammt im Original einer Studie des World Gold Council aus dem Jahre 1998. In ihr wurde untersucht, wie sich die Kaufkraft von Gold in den letzten 200 Jahren in verschiedenen Ländern entwickelt hatte (England, USA, Frankreich, Deutschland und Japan; Quelle der Studie: www.gold.org). Die Zeitachse meiner Ergänzung erhebt natürlich keinen Anspruch auf Korrektheit. Ich denke jedoch, dass – wie in der Vergangenheit – die Kaufkraft von Gold im Zuge der aktuellen Neuordnung des monetären Systems in eine temporär völlige Übertreibung geraten dürfte (Hysterie der Menschen, die wertloser werdendes Papiergeld in real Werte tauschen möchten). Nach Abbau dieser Übertreibung werden wir uns qualitativ jedoch in einer Phase wiederfinden, in der Gold aufgrund der Geologie, der oben beschriebenen Energetik und der noch einige Jahrzehnte weiter wachsenden Weltbevölkerung beständig und nachhaltig weiter an Kaufkraft hinzugewinnen sollte. Gold sollte also nach meinem Dafürhalten nicht wie in der Vergangenheit wieder zu einem ursprünglichen Ausgangswert der Kaufkraft (im Graph beim Ordinatenwert 100) zurückkehren.

 

Sonntag, 29.03.2009

Kategorie: Gastbeiträge, Wirtschaft & Finanzen

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