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Hintergrund der russischen Langstreckenbomber in Venezuela: Strategie der Spannung

F. William Engdahl

Nach einem von NATO-Kampfflugzeugen begleiteten russischen Luftmanöver, zu dem auch Flüge nach Venezuela und Landungen in diesem lateinamerikanischen Land gehörten, sind russische atomwaffenfähige Langstreckenbomber zu ihren Heimatbasen zurückgekeht. Diese Manöver sind ein unmissverständliches Signal Moskaus, dass man die Versuche Washingtons und der NATO, Russland einzukreisen, nicht einfach hinnehmen wird. Die Welt nähert sich Schritt für Schritt einem möglichen Atomkrieg durch Fehlkalkulation.

Nach Angaben eines Sprechers der russischen Luftwaffe kehrten am 19. September zwei russische TU-160-Langstreckenbomber („Blackjack“) nach einem 15-stündigen Flug aus Venezuela zu ihren Heimatstützpunkten in Zentralrussland zurück. Bei ihrem Flug wurden sie 13 Stunden lang von NATO-Kampfflugzeugen eskortiert. Nach Aussage der russischen Flugleitung waren die Bomber mit Raketenattrappen bestückt, die keine Sprengköpfe trugen; angeblich bestand ihre Mission darin, Patroullienflüge im Tropenklima zu üben. Der Rückflug nach Russland war einer der längsten Flüge in der Geschichte der russischen strategischen Patrouillenflüge und führte über neutrale Gewässer über dem Atlantischen Ozean und dem Arktischen Meer. Während des Fluges wurden die Flugzeuge während der Nacht in der Luft aufgetankt – das erste Mal seit etlichen Jahren.

 

Russische Langstreckenbomber nach Abschluss eines Manövers in Venezuela. Ein klares Signal an Washington.

 

Im August 2007 hat Russland auf Befehl des damaligen Präsidenten Putin die Patrouillenflüge von Langstreckenbombern über dem Pazifik, dem Atlantik und dem Arktischen Meer wieder aufgenommen. Seither haben russische Langstreckenbomber über 90 strategische Patrouillenflüge durchgeführt, oft begleitet von NATO-Eskorten.

Russland hat wiederholt erklärt, alle strategischen Patrouillenflüge fänden unter strikter Beachtung internationaler Regeln zur Luftraumnutzung über neutralen Gewässern statt; Grenzen anderer Staaten würden nicht verletzt. Darüber hinaus gab das russische Außenministerium vor kurzem bekannt, die Landung der Langstreckenbomber in Venezuela bedeute nicht, dass Russland einen Militärstützpunkt in dem südamerikanischen Land errichtet hätte.


Russlands asymmetrische Antwort auf die NATO

Das gemeinsam mit dem antiamerikanischen Präsidenten Venezuelas, Hugo Chavez, durchgeführte provokative russische Manöver mit atomaren Langstreckenbombern scheint Teil einer russischen Strategie zur Rückkehr der „Strategie der Spannung“ aus der Zeit des Kalten Krieges zu sein, als Russland die Bedrohung seitens der USA dadurch beantwortete, dass es Probleme an den Schwachpunkten des nordamerikanischen Kontinents provozierte und so die amerikanischen Streitkräfte fern von Russland banden. Lateinamerika ist seit langem US-amerikanische Einflusszone – genauer gesagt, seit 1823, als der damalige US-Präsident James Monroe erklärte, die europäischen Mächte dürften sich nicht mehr in die Angelegenheiten der neuen unabhängigen Länder des amerikanischen Kontinents einmischen bzw. dort keine Kolonien mehr errichten. Diese Doktrin lief darauf hinaus, dass die Länder Südamerikas fortan als US-„Einflusssphäre“ betrachtet wurden.

Wenn Russland den USA nun in dem karibischen Hinterhof – Venezuela – Nadelstiche versetzt, dann zeigt Moskau damit, dass es den USA indirekt auch Probleme nahe der Heimat bereiten kann.

Moskau hat kein großes Interesse an den Rohstoffen aus Lateinamerika, da Russland über die meisten Rohstoffe der Welt verfügt. Allerdings kann Russland die Karte der antiamerikanischen Staatschefs spielen und eine ganze Riege von Präsidenten unterstützen, die von Hugo Chavez über den vor kurzem an die Macht zurückgekehrten Daniel Ortega in Nicaragua bis zu dem bolivianischen Präsidenten Evo Morales reicht, der jetzt versucht, durch neue Gesetze zugunsten der eingeborenen Armen die Unterstützung der überwiegend indianischen Bevölkerung seines Landes zu gewinnen. Sowohl Morales als auch Chavez haben jüngst die jeweiligen US-Botschafter des Landes verwiesen, weil sie angeblich an verdeckten Operationen zum Regimewechsel beteiligt waren. Im Fall von Bolivien ist dieser Vorwurf plausibel.

Der jetzt ausgewiesene US-Botschafter Philip Goldberg, der 2006 nach Bolivien entsandt wurde, kam damals direkt von einem Posten im ehemaligen Jugoslawien. Goldberg war an dem Bürgerkrieg in Jugoslawien von Anfang an beteiligt; von 1994 bis 1996 war er Leiter der Bosnien-Abteilung im US-Außenministerium, als der Konflikt zwischen albanischen Separatisten und serbischen und jugoslawischen Sicherheitskräften begann. Er war Assistent des damaligen US-Botschafters Richard Holbrooke, der den Plan zur Desintegration Jugoslawiens entworfen hatte. Von 2001 bis 2004 spielte Goldberg als Leiter der amerikanischen Mission im Kosovo eine entscheidende Rolle; damals wurde der Drogen-Warlord Hashim Thaci an die Macht gebracht, der nach Angaben amerikanischer Medien als Chef der UCK den Heroinhandel nach Westeuropa steuerte. Goldberg war auch der entscheidende Mann bei der umstrittenen Unabhängigkeitserklärung des Kosovo Anfang dieses Jahres. Es war ganz sicher kein Zufall, dass ihn die Bush-Regierung nach Bolivien entsandte, wo die USA auch an den riesigen Rohstoffvorkommen interessiert sind.

 

Der rätselhafte ehemalige jugoslawische Grundbesitzer Branko Marinkovic betreibt angeblich zusammen mit dem US-Botschafter den Sturz des bolivianischen Präsidenten Morales.


Drei Monate nach seiner Ankunft in Bolivien kam es in den wohlhabenderen Vierteln zu Aufständen von Separatistenbewegungen, die merkwürdigerweise ausgerechnet von einem jugoslawischen Geschäftsmann kontrolliert wurden. Das Zentrum der Separatistenbewegung ist die Stadt Santa Cruz, wo der ehemalige kroatische Geschäftsmann Branko Marinkovic eine föderalistische Bewegung mit dem Namen „Camba Nation“ gegründet und die Agitation gegen Morales angeführt hat.

Außerdem versucht Moakau, seine alten Verbindungen mit den Alliierten des Kalten Krieges in Nicaragua und Kuba wieder aufleben zu lassen. Nicaragua hat unter seinem neuen (alten) Präsidenten Daniel Ortega, dem ehemaligen Chef der amerikafeindlichen Sandinistenbewegung, vor Kurzem als einziges Land außer Russland die Unabhängigkeit von Südossetien und Abchasien im Kaukasus anerkannt – also von Gebieten, die Georgien für sich beansprucht, deren Einwohner jedoch seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verbissen um ihre Unabhängigkeit kämpfen.

In Kuba hat Russland sehr flink Nahrungsmittelhilfe an kubanische Opfer des Hurrikans „Ike“ geschickt und versucht nun, die alten Verbindungen, die mit dem Ende der Sowjetunion 1990 abgebrochen worden waren, neu zu knüpfen.

Russland verfolgt die Strategie, eine klare Botschaft an Washington zu senden: Sollten die USA weiterhin die Stationierung von Raketenbasen in Polen und der Tschechischen Republik betreiben oder weiterhin versuchen, Georgien und die Ukraine in die NATO zu ziehen, dann wird Moskau asymmetrisch reagieren, und Washington zwingen, mit kostspieligen Gegenmaßnahmen in ganz Lateinamerika – de facto dem „weichen Unterleib“ der USA – zu antworten.

Montag, 22.09.2008

Kategorie: Geostrategie, Politik

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