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Inflation war gestern – nun droht die viel schlimmere Deflationsspirale

Günter Hannich

Während alle Welt sich heute noch vor der Inflation fürchtet, bahnt sich aufgrund der Banken- und Finanzkrise ein ganz neues, viel schlimmeres Phänomen an: die Deflation.

Banken trauen sich gegenseitig nicht mehr

Durch die Bankenkrise wächst permanent die Furcht davor, dass eine Bank insolvent werden könnte. Deshalb leihen sich seit einem Jahr Banken untereinander kaum noch Geld. Früher war es üblich, dass Kreditinstitute überschüssige Liquidität durch den Geldmarkt an andere Banken weiterverliehen. Seit einem Jahr jedoch ist dieser Markt praktisch ausgetrocknet. Interbankengeschäfte für drei Monate laufen gar keine mehr und für wenige Wochen nur noch sporadisch. Inzwischen ist die Angst vor Pleiten so groß, dass nicht einmal mehr Tageskredite untereinander vergeben werden.*

 

Deflation – Geld fließt zur Notenbank zurück

Da die Banken das Ausfallrisiko von Konkurrenzbanken enorm hoch einschätzen, bringen sie heute übriges Geld lieber niedrigverzinst zur Notenbank zurück, als es einem anderen Institut zu leihen. Das führt dazu, dass die Geldversorgung der Notenbanken nicht mehr funktioniert. Normalerweise kommt neues Geld der Notenbanken dadurch in Umlauf, indem diese Kredite an Geschäftsbanken vergibt – der Geldfluß geht also von der Zentralbank zu den Geschäftsbanken und damit in die Wirtschaft.

Nun weisen Experten darauf hin, dass beispielsweise die Europäische Zentralbank (EZB) dadurch handlungsunfähig wird, weil sie kein Geld mehr emittieren kann, das nicht gleich wieder zu ihr zurückfließt. Im Ernstfall kann also die Zentralbank den Markt nicht mehr wie bisher mit zusätzlichem Geld versorgen und damit Krisen verhindern.

Es bahnt sich damit eine Krise ungeahnten Ausmaßes an, gegen die bisherige Geldrezepte der Notenbanken nicht mehr helfen.

 

Parallele Weltwirtschaftskrise

Das letzte Mal passierte so ein umgedrehter Geldfluss in den 1930er-Jahren zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. Damals hatten wir einen Goldstandard und dieser besagte, dass in der damaligen »Dritteldeckung« ein Drittel des Geldvolumens durch hinterlegtes Gold »gedeckt« sein musste. Nach dem Aktiencrash vom Oktober 1929 in den USA kam es dazu, dass Amerika sein Gold von Europa abzog. Nun musste die damalige Reichsbank – um die Golddeckung beibehalten zu können – für jedes abfließende Gramm Gold die dreifache Menge Geld einziehen. Die Folgen waren verheerend und äußerten sich in einer massiven Deflationsspirale, die durch ein schwindendes Geldvolumen verursacht wurde. Erst die Abkehr vom fatalen Goldstandard brachte Linderung und bewirkte gar in einigen Ländern einen Wirtschaftsaufschwung.

 

Ein Crash verursacht eine drastisch schwindende Geldmenge – »Angstsparen«

Was angesichts der vergangenen Preiserhöhungen immer wieder übersehen wird: Jede Inflation kippt früher oder später in eine Deflation um. Jeder Ballon, der aufgeblasen wird, verringert sein Volumen drastisch, wenn er platzt. Ebenso sinkt das umlaufende Geldvolumen, wenn ein Crash eintritt und Geld bei Bankenpleiten vernichtet wird.

Aus der Geschichte wird deutlich, dass ein Crash zusätzlich zur schwindenden Geldmenge auch die Konsumbereitschaft der Menschen dämpft. Ein Crash führt zum »Angstsparen«, also zu dem Zustand, dass die Verbraucher aus Unsicherheit und Angst vor einer Verschlimmerung der Lage ihren Konsum einschränken.

Nicht umsonst ist beispielsweise der Automarkt für  Neuwagen, die an Privatpersonen verkauft werden, inzwischen fast völlig zusammengebrochen.

Noch niemals hat ein Crash dazu geführt, dass die Menschen sofort ihr ganzes Geld ausgegeben hätten. Rein psychologisch führt also eine Krise immer zu rückläufigem Konsum und damit zu einer Deflation.

Wie oben beschrieben kann dagegen inzwischen auch die Europäische Zentralbank nichts mehr machen, da das Geld vermehrt zu ihr zurückfließt und damit die Geldemission unterbunden ist. Eine Inflation ist in solch einem Stadium sehr unwahrscheinlich, während die Bedrohung der Deflation zunimmt.

Spätestens seit dem Beginn der Finanzkrise vor einem Jahr ist die deflationäre Richtung nicht mehr zu leugnen, was an den schnell fallenden Immobilien- und vor allem Industriemetall-Preisen ersichtlich wird.

 

Abb. 1: Schnell verfallende Industriemetalle – hier Nickelpreis

 

Niedriges Zinsniveau zeigt Deflation an

Was auch gegen eine Inflation spricht, ist das niedrige Zinsniveau im Anleihenmarkt. Jede Inflation ist mit steigenden Zinsen für Anleihen verbunden, da der Gläubiger über einen höheren Zins sich gegen eine Inflation absichern will.

Unsere Zinsen im Anleihenmarkt sind jedoch nach wie vor sehr niedrig – das schließt praktisch eine richtige Inflation in nächster Zeit aus.

 

Abb. 2: Umlaufrendite für festverzinsliche Wertpapiere und Inflationsrate

 

Die steigenden Zinsen im kurzfristigen Bereich sind auf die höheren Risikozuschläge durch die Finanzkrise begründet – ebenso die steigenden Zinsen für Tagesgeld. Die Banken sind so knapp an Geld, dass sie dem Anleger immer mehr Zins bieten müssen (bei steigendem Risiko!), damit er überhaupt noch anlegt.

 

George Soros warnt vor Deflation

Der bekannte Finanzspekulant George Soros hat nun ebenfalls vor einer Deflation gewarnt. Er hält einen Zusammenbruch des Finanzsystems wegen der jüngsten Krise für möglich. Europa steuere angesichts der wieder sinkenden Rohstoffpreise auf eine »Phase der Deflation« zu, der letztlich die heimische Wirtschaft unter Druck setzt und zu steigender Arbeitslosigkeit führe.

Diese Warnung ist sehr ernst zu nehmen, da Soros die meisten Krisen bisher als Insider treffend vorausgesagt hat. Er hat beispielsweise bereits vor zehn Jahren in seinem Buch Die Krise des globalen Kapitalismus beschrieben, dass die damaligen Finanzkrisen in den aufstrebenden Ländern (Asienkrise, Rußlandkrise) früher oder später das Zentrum des Kapitalismus, die USA und das Bankensystem, treffen werden.

Auch kam es nur kurze Zeit, nachdem Soros auf den überbewerteten Rubel hingewiesen hatte,  zur Rußlandkrise.

Wenn er nun vor einer Deflation insbesondere in Europa warnt, dann können Sie die »Inflationswarnungen« der heutigen Zeit schnell vergessen – die Gefahr kommt ohnehin meist aus einer Richtung, die die Masse der Leute nicht sehen will.

 

Eine Deflation ist weitaus schwieriger zu überleben, als jede Inflation

Dabei ist auch für den Anleger eine Deflation weitaus schwieriger zu überstehen, als eine Inflation. In einer Inflation reicht es, Gold und Immobilien zu kaufen und zu warten, bis die Schulden inflationär entwertet werden.

Für eine viel schlimmere Deflation gehört schon weitaus mehr Wissen dazu, um sie ungeschoren zu überleben.

In der Deflation werden Schulden aufgewertet, während alle Sachkapitalien von Immobilien bis Edelmetallen drastisch im Preis verfallen. Dazu kommt, dass Geld auf der Bank schnell von Bankenpleiten betroffen wird und verloren geht.

Die letzte Deflation der 1930er-Jahre dauerte in den USA zehn Jahre und führte direkt zum Zweiten Weltkrieg.

Inflation war gestern – bereiten Sie sich auf eine Deflation vor! (Mehr dazu auch im Buch Deflation – die verheimlichte Gefahr.) 

 

Sonntag, 05.10.2008

Kategorie: Allgemeines, Gastbeiträge, Wirtschaft & Finanzen

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