Unglaublich: Berliner Justizskandal – Freiheit für Bombenbauer?
Ein Berliner narrt die deutschen Sicherheitsbehörden. Er vertreibt detaillierte Anleitungen zum Bombenbau. Bei mehreren Hausdurchsuchungen hat man schon Komponenten zur Herstellung von Sprengstoffen bei ihm gefunden. Dennoch läuft er weiterhin frei herum – und macht unbeirrt weiter. Der Mann ist nach Auffassung der Sicherheitsbehörden brandgefährlich. Das ist die eine Seite der Justiz. Die andere: Ein Versicherungskaufmann, der Gummibärchen geklaut hatte, muss jetzt sechs Monate ins Gefängnis. Das ist Deutschland im Februar 2010.
Ein 27 Jahre alter Berliner hat ein seltsames Hobby: Er will möglichst viele Menschen mit der Herstellung von Sprengstoffen vertraut machen. Und deshalb veröffentlicht er detaillierte Anleitungen, mit deren Hilfe schon Zehnjährige in Schritt-für-Schritt-Anleitungen darüber in Kenntnis gesetzt werden, wie man unter Verwendung frei zugänglicher Chemikalien in Muttis Küche in der Rührschüssel hochexplosive Sprengsätze herstellt, die es wahrlich in sich haben. Nicht nur der deutschsprachige Freundeskreis von Al Qaida kann sich hier kostenlos Anleitungen besorgen, die es sonst im deutschsprachigen Raum nirgendwo gibt. Und für all jene, die nicht Lesen können, hat der Berliner sogar zusätzlich noch viele Videos ins Internet hochgeladen, auf denen die unglaublichen explosiven Anleitungen auch noch filmisch vorgeführt werden. So erfährt jeder, der es wissen will beispielsweise, wie die Handgranaten der Bundeswehr zusammengesetzt sind und wie man solche daheim nachbaut. Auch der Sprengstoff, mit dem der islamische »Schuhbomber« Richard Reid unbemerkt an Bord eines Flugzeuges kam, wird ebenso in Schritt-für-Schritt-Anleitungen zum Nachbau empfohlen wie weite Teile grauenvoller Kriegswaffen. Die Berliner Videos dürften sich inzwischen in aller Welt verbreitet haben und bei Terrorgruppen größter Beliebtheit erfreuen.
Was wie ein verfrühter Aprilscherz klingt, ist seit Langem schon bittere Realität. Das alles verstößt gegen eine ganze Palette deutscher Straftatbestände. Am Montag hat der Autor dieses Berichtes zunächst mit einem Rechtsanwalt über die unglaublichen Aufforderungen zum Bau von Sprengsätzen gesprochen, dann mit einer Staatsanwaltschaft, diese verwies an ein Polizeipräsidium. Dort erkannten die Sprengstofffachleute des Kommissariats 15 (die ihren Augen beim Blick auf die Webseiten nicht trauten) zwar die Brisanz der Darstellungen, sind jedoch machtlos, weil die Berliner Justiz auch schon auf den Mann aufmerksam geworden ist und das Verfahren schon vor Längerem an sich gezogen hat.
Drei Mal schon hat es bei dem Berliner Hausdurchsuchungen gegeben. Man beschlagnahmte Komponenten zum Bau von Sprengsätzen – und ließ den Mann auf freiem Fuß. Der hat daraus offenkundig nur eine Lehre gezogen: Er bietet jetzt auch telefonisch (»von 8 bis 22 Uhr«) Unterstützung beim Bombenbau an. Jeder, der mit der Herstellung von Sprengsätzen ein Problem hat, kann sich telefonisch kostenlosen Rat bei ihm holen.
Ein Sprecher der Berliner Polizei bestätigte uns am Dienstag, dass der Mann »behördlich bekannt« sei. Seine Webseiten kann man allerdings offenkundig als deutsche Sicherheitsbehörde nicht so einfach abstellen, denn seine .de-Domains scheinen auf einem ausländischen Server gehostet zu werden. Bis die entsprechenden internationalen Rechtshilfeersuchen irgendwann einmal Erfolg haben, kann man weiterhin die Berliner Anleitungen zum Bombenbau bei ihm herunterladen oder im Film anschauen (wir verzichten hier ausdrücklich nicht nur aus juristischen Gründen auf die Verlinkung der entsprechenden Seiten!).
Doch selbst wenn eine seiner Domains endlich einmal gelöscht sein wird, steht nach Erkenntnissen der Ermittler schon wieder die nächste Ersatzdomain im Ausland bereit – es ist offenkundig ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Militante Links- und auch Rechtsextremisten nutzen die Tipps zum Bombenbau (und auch radikale Islamisten). So steht es jedenfalls in entsprechenden Foren, die sich ausdrücklich bei dem Berliner bedanken. Die Berliner Justiz scheint das alles – außerhalb der Polizei – nicht weiter zu stören. Man lässt den polizeibekannten Bombenbauer offenkundig gewähren.
Und wenn dann eines Tages alle seine Internetseiten gelöscht sein werden, dann gibt es da noch ein weiteres Problem: Der Mann verkauft seine Anleitungen inzwischen in Deutschland für zehn Euro auch in Buchform (Zitat aus der Werbung für das Buch: »Nachdem Sie dieses Buch gelesen haben, können Sie Initialsprengstoffe synthetisieren« – sprich herstellen und zünden). Seit Februar 2009 ist das 64 Seiten umfassende Buch sogar beim Versandhändler Amazon gelistet. Als wir den polizeilichen Ermittlern darüber berichteten, fielen sie aus allen Wolken. Diese Dreistigkeit hatte man bis dahin nicht für möglich gehalten.
Nach drei Hausdurchsuchungen und einer kaum zu glaubenden Zahl der Veröffentlichung von Anleitungen zum Bombenbau läuft der Mann voller Tatendrang frei herum und sucht auf seiner Internetseite nun allen Ernstes eine Frau, die Verständnis für sein explosives Hobby haben soll und gern mitzündeln möchte. Er sucht auch Geldgeber, die sein Hobby finanzieren und Anwälte, die ihm weiterhin den Rücken freihalten. Bei allen bisherigen Ermittlungsverfahren hat das offenkundig gut geklappt.
Wie viel anders ergeht es da doch in diesen Tagen einem Düsseldorfer Versicherungskaufmann. Der hat in einem Laden einige Gummibärchen mitgehen lassen. Und er hatte (wie der Berliner Bombenfachmann) zuvor schon vorm Amtsrichter gestanden. Doch der Gummibärchenklauer muss nun sechs Monate ins Gefängnis – ohne Bewährung. Vielleicht sprengt ihn der Berliner, der immer wieder wegen verbotenen Waffen- und Sprengstoffbesitzes auffällt, ja einfach frei. Die Berliner Justiz scheint jedenfalls das Bauen von Bomben als Kavaliersdelikt zu betrachten.
Die Reaktion des Berliners auf seinen bisherigen Kontakt mit der Berliner Justiz: Er bietet zu den Belästigungen durch diese inzwischen dreist Interviews an – in der Zeit von »8 bis 22 Uhr«. Auch seine Rufnummer hat er im Internet veröffentlicht. Der Hammer: Der Mann macht das alles schon seit 2007 – ohne erkennbare strafrechtliche Folgen. Ist Deutschland vielleicht inzwischen eine Bananenrepublik, zumindest in der Bundeshauptstadt?
Das alles hat inzwischen unglaubliche Folgen: Eine solche Bombenbauanleitung wird jedenfalls dazu verwendet, um explosive Implantate herzustellen: Britische Geheimdienste warnen jetzt weltweit vor Frauen mit Sprengstoffimplantaten in den Brüsten.
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Dienstag, 09.02.2010
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