KOPP-EXKULSIV: USA errichten AFRICOM, Pentagon plant Strategie für Rohstoffkriege
Wegen des Chaos auf dem US-Finanzmarkt fand ein besonderes Ereignis kaum Beachtung: am 1. Oktober bildete das Pentagon offiziell ein neues militärisches Kommando, AFRICOM. Die Schaffung dieser besonderen Militäreinheit, die sich insbesondere auf die 53 Länder des afrikanischen Subkontinents konzentrieren wird, ist ein deutliches Zeichen für Washingtons Sorge, die wirtschaftliche Kontrolle über die Rohstoffe des vergessenen Kontinents zu verlieren. Der unausgesprochene Grund für das plötzliche Interesse der US-Militärs an Afrika ist allerdings China.
Das United States Africa Command (AFRICOM), das neue Unified Combatant Command (Einsatzkommando mit vereinigten Kompetenzen) des US-Verteidigungsministeriums, ist verantwortlich für die US-Militäroperationen in 53 afrikanischen Ländern – d.h. ganz Afrika, außer Ägypten – sowie für die militärischen Beziehungen mit diesen Ländern. AFRICOM wurde am 1. Oktober 2008 vollkommen eigenständig und übernahm offiziell das Kommando über die US-Militäroperationen in der genannten Region.
Vor und nach AFRICOM: der Pentagon-Plan für Rohstoffkriege gegen die »neu entstehenden fast ebenbürtigen Mächte« Russland und China.
Die Entscheidung, diese eigenständige Afrika-Division zu schaffen, war bereits im Juni 2007 von dem stellvertretenden Staatssekretär für politische Angelegenheiten im US-Verteidigungsministerium, Ryan Henry, bekanntgegeben worden. Er betonte damals, die Pläne sähen ein »aufgeteiltes, aber vernetztes Kommando« in mehreren Ländern statt eines einzigen Hauptquartiers für die Einsatzkommandos vor. Nach Angaben eines Pentagon-Sprechers solle das AFRICOM-Hauptquartier seinen Sitz in Stuttgart haben.
Warum behandelt Washington, das mehr als 50 Jahre lang Afrika – mit Ausnahme von Südafrika, Angola und Mosambik – sträflich vernachlässigt hatte, diesen Kontinent plötzlich jetzt so vorrangig und stellt die nötigen Finanzmittel bereit, um ein eigenständiges Militärkommando auf dem schwarzen Kontinent zu errichten?
Die Strategie zur Modernisierung der Armee 2008
Die Antwort liegt in dem soeben veröffentlichten Pentagon-Dokument namens 2008 Army Modernization Strategy[1] (zu deutsch: Strategie zur Modernisierung der Armee 2008). In diesem Dokument wird – vorsichtig ausgedrückt – die Umfassung des gesamten Universums, und nicht nur der ganzen Welt zum strategischen Ziel der US-Armee erklärt. Washingtons Strategen fordern »eine Armee, die wie eine Expeditionsstreitkraft in der Lage ist, sich kampagnenartig in allen Konflikten durchzusetzen, zu jeder Zeit, in jeder Umgebung und gegen jeden Gegner – und das auf lange Sicht«. Nur selten in der Geschichte hat eine Armee derart umfassende und weitreichende Ziele ausgegeben.
Es ist höchst bedeutsam, dass die Strategen dieses Dokuments davon ausgehen, dass die USA in den nächsten »30 bis 40 Jahren« an ständigen Kriegen zur Kontrolle der Rohstoffe beteiligt sein werden.
Unter eindeutigem Bezug auf China und Russland wird in dem Pentagon-Dokument erklärt: »Uns droht eine mögliche Rückkehr zu traditionellen Sicherheitsbedrohungen durch neu auftretende, fast ebenbürtige Mächte, und zwar jetzt, wo wir im weltweiten Wettstreit um knapper werdende Rohstoffe und Überseemärkte stehen.« Die einzigen »neu auftretenden, fast ebenbürtigen Mächte« auf der Welt sind heute China und Russland. China sucht derzeit überall auf der Welt nach sicheren Quellen für Öl, Metalle und andere Rohstoffe, um seine Wachstumsziele erfüllen zu können. Aber auch Russland spielt, wie ich in meinem Buch Apokalypse jetzt! dargelegt habe, eine strategische Rolle, nämlich als Lieferant großer Mengen wichtiger Ressourcen, von Öl und Gas bis hin zu praktisch allen Metallen und Rohstoffen, die für hochentwickelte Industrieländer wichtig sind. Russland spielt neben Südafrika und anderen Staaten des südlichen Afrika in dieser Hinsicht eine Schlüsselrolle, weil es über strategische Rohstoffe verfügt, die nicht unter der Kontrolle der USA stehen – das ist zweifellos ein wichtiger Faktor hinter Washingtons militärischer Konfrontationspolitik zur Einkreisung Russland unter Einsatz der NATO seit 1991.
Dies neue Pentagon-Dokument ist die Fortschreibung der Doktrin, die Andrew Marshall, der einsam und zurückgezogen wirkende Architekt der zukünftigen Pentagon-Strategie, entwickelt hatte. Marshall war 1973 von der RAND Corporation zum Pentagon gekommen und wurde vom damaligen US-Präsidenten Nixon zum Vorsitzenden eines eigens errichteten strategischen »Denkfabrik« im Pentagon, dem Office of Net Assessment, ernannt, das direkt dem Verteidigungsminister unterstellt ist.
Nach Aussagen von Bekannten, die Marshall begegnet sind, ist der heute 87-Jährige ein Mann, der selten spricht. Er hört lieber zu und kümmert sich darum, viele Schüler auszubilden, die seine sogenannte »Revoution in Militäry Affairs« (RMA, Revolution in militärischen Angelegenheiten) umsetzen sollen. Nein, die Altersangabe 87 Jahre ist kein Irrtum. Marshall wurde 1921 geboren, und seit 1973 hat ihn kein Präsident entlassen können, obwohl einige es durchaus versucht haben. Zu Marshalls Protégés gehören Dick Cheney und Donald Rumsfeld. Dieser Andrew Marshall überzeugte Rumsfeld und Cheney 2001 davon, dass die Stationierung von Anlagen zur strategischen Raketenabwehr an den Grenzen Russlands den USA die langersehnte atomare Vorherrschaft verschaffen würde, also die Fähigkeit, einen atomaren Erstschlag gegen Russland zu führen und die russische Verteidigung auszuschalten.
Ob in Zukunft Krieg oder Frieden in der Welt herrschen werden, liegt in jeder Hinsicht in Marshalls Hand. Das ist, vorsichtig formuliert, etwas beunruhigend. Marshall gilt als Pate der Neokonservativen und insbesondere seiner früheren Schützlinge Richard Perle, Paul Wolfowitz und den meisten, die für die Pentagon-Operationen der Regierung Bush–Cheney verantwortlich waren.
Andrew Marshall, der im Verborgenen operierende 87-jährige Mann im Pentagon, ist für »Rohstoffkriege« der USA und die Strategie von Bevölkerungskriegen verantwortlich.
Dieses Streben nach atomarer Vorherrschaft steht tatsächlich hinter der scharfen Reaktion Russlands auf scheinbar kleinere Provokationen wie in Südossetien oder dem Wunsch der USA, die Ukraine in die NATO zu integrieren. Marshall ist auch der Architekt von Rumfelds Strategie des Irakkriegs unter Miteinbeziehung des »elektronischen Schlachtfelds« und der »vernetzten«, mit dem Internet verbundenen Soldaten, also der GPS-Aufklärung.
US-Pläne für »dauerhaften Krieg« in Bezug auf Rohstoffe
Das Dokument gibt Einblick in eine Reihe höchst bedeutsamer – und alarmierender – strategischer Positionen, die bereits zur offiziellen Doktrin der US-Streitkräfte geworden sind. In der Präambel wird von der Zukunft eines Kalten Krieges gesprochen, der ein »dauerhafter Krieg« sein wird.
Der verantwortliche Beamte des Pentagons, General Stephen Speakes, erklärt in seinem Vorwort:
»Dieses Dokument 2008 unterscheidet sich grundlegend von dem früherer Jahre. In diesem Jahr kommen wir mit einer kurzen Beschreibung unserer Strategie zur Modernisierung direkt zum Kern der Sache – und beschreiben die Ziele, Wege und Mittel, wie wir das Army Equipping Enterprise nutzen wollen, um das gesetzte Ziel zu erreichen: Soldaten, die mit der besten verfügbaren Ausrüstung ausgestattet sind, was unsere Armee zur dominierenden Landstreitmacht der ganzen Welt macht, mit den umfassendsten Fähigkeiten.
Amerika befindet sich in einer Zeit dauerhafter Konflikte, die unsere Kräfte auch weiterhin beanspruchen werden. Um diesen Kampf zu gewinnen, brauchen wir eine Armee, die für einen langfristigen Kampf gerüstet ist – die mit allem ausgestattet ist, was die Soldaten brauchen, um ihre umfassenden Aufgaben erledigen zu können.«[2]
In dem Pentagon-Dokument heißt es außerdem: »Wir sind in eine Ära dauerhaften Konflikts eingetreten ... (wir befinden uns) in einer Sicherheitsumgebung, die weniger eindeutig und vorhersagbar ist als während des Kalten Krieges.«
Dann werden die Charakteristika dieser kommenden »Ära dauerhafter Kriegführung« beschrieben. Zusätzlich zu der üblichen Rhetorik über Terroristen, die Massenvernichtungswaffen einsetzen, erklärt die US-Armee bedeutsamerweise zum ersten Mal seit Henry Kissingers National Security Strategic Memorandum-200 unter Präsident Ford, dass zu ihrer offiziellen »Mission« die Kontrolle des Bevölkerungswachstums in rohstoffreichen Ländern gehört.
Das Dokument benennt »Bevölkerungswachstum« als herausragende Bedrohung der Sicherheit der USA und seiner Alliierten und ruft zu Kriegen in Bezug auf die Rohstoffkontrolle auf. Zwischen beiden bestehe ein Zusammenhang: Bevölkerungswachstum – besonders in den unterentwickelten Ländern – wird einen entstehenden »Jugendbuckel« regierungsfeindlichen und radikalen Ideologien aussetzen, die potenziell die Stabilität der Regierung bedrohen.
Der Wettstreit um Ressourcen, den wachsende Bevölkerungen und sich ausweitende Volkswirtschaften mit sich bringen, wird immer größere Mengen von Nahrungsmitteln, Wasser und Energie verbrauchen. Staaten oder Einheiten, die diese Ressourcen kontrollieren, werden sie als Hebel bei ihren Sicherheitsberechnungen einsetzen.[3]
Die zwei offiziellen Prioritäten des Pentagons, den »Jugendbuckel« in der Bevölkerung rohstoffreicher Entwicklungsländer unter Kontrolle zu halten, und zu verhindern, dass China und Russland den Bezug von Nahrungsmitteln, Wasser und Energie aus dem Entwicklungssektor kontrollieren, sind die wirklichen Gründe für die Einrichtung von AFRICOM. Bushs Präsidentenverfügung wurde nur wenige Wochen erlassen, nachdem die chinesische Regierung über 40 afrikanische Staatschefs nach Peking eingeladen hatte – was man in Washington nie für nötig befunden hatte. Von Dafur, wo China »zufällig« eine Konzession für die Erschließung großer Ölquellen von der sudanesischen Regierung erhalten hat, über Nigeria, den Tschad bis Südafrika bemüht sich Washington, dem wachsenden Einfluss Chinas und Russlands in Afrika entgegen zu treten.
In dem Maße, wie wachsende Bevölkerungen im Entwicklungssektor als Bedrohung ausgemacht werden, unterstreicht die neue Strategie des Pentagons verschiedene Paradigmenwandel darüber, wie zukünftige Kriege geführt werden sollen. Zu der darin enthaltenen Prognose gehört:
Die kürzlich von der [US-]Armee bekanntgegebenen neuesten Doktrin, FM 3-O Operations, enthält eine Anleitung zum Vorgehen in einer ungewissen Zukunft und dient als Haupttriebkraft für Veränderungen der Entwicklung unserer Organisation, unseres Trainings, der Entwicklung unserer Führung, der Personalpolitik und des Materials.
FM 3-0 legt fest, wie die Kommandeure offensive, defensive und stabilitätsbezogene oder zivile Operationen gleichzeitig durchführen sollen. FM 3-0 erkennt an, dass Operationen im 21. Jahrhundert Soldaten verlangen, die sich in verschiedenen Bevölkerungen und Kulturen aktiv engagieren, anstatt diesen möglichst aus dem Weg zu gehen.[4]
Die Kriege der Zukunft: Roboter, vernetzte Soldaten, Kriege im Weltraum
Der Rest des Dokuments widmet sich der detaillierten Beschreibung, wie eine verschlankte reine Freiwilligenstreitkraft der USA – die ungefähr eine Million Soldaten und Angehörige der Luftwaffe und Marine umfassen soll – in vielen Ländern unterschiedlicher Zeitzonen eine ständig präsente, internationale offensive Stellung halten kann. Es wird beschrieben, wie Informations- und Kommunikationstechnik sowie digitale Technik einen neuen »vernetzten« Soldaten schaffen werden – den »Krieger der Streitkräfte der Zukunft« –, der in der Zielbevölkerung eingesetzt wird und gleichzeitig entfernte unbemannte Waffensysteme in der Luft und am Boden bedient. Um dieses Ziel zu erreichen, weitet das US-Militär sein Inventar an computergesteuerten Waffen am Boden und unbemannten Flugkörpern rasch aus.
Nach Angaben des strategischen Dokuments wird die Ausstattung relativ kleiner US-Kampfeinheiten – in Brigadestärke – mit immer größeren Flotten ferngesteuerter unbemannter Waffensysteme Washington in die Lage versetzten, ihre verkleinerten Streitkräfte mit maximalem Effekt im d.h. gegen den entstehenden internationalen »Jugendbuckel« einsetzen können.
Wörtlich heißt es in dem Dokument: »Der Weltraum ist ein wichtiger Bereich einer gemeinsamen Entwicklung, die nicht nur die Aufmerksamkeit auf die Kriegführung im Weltraum lenkt; er liefert nicht nur das Rückgrat für den Aufbau der zivilen und militärischen Aufklärung, sondern bildet auch den bevorzugten Raum für kommerzielle breitangelegte Erkundungsaufgaben mit militärischer Nutzung.« Zusammen mit der US Missile Defence Agency (Amt für Raketenabwehr) entwickelt das US-Militär derzeit »weltraumgestützte Anlagen zur ständigen Beobachtung der Welt«. Dieselbe Missile Defense Agency betreut auch die Stationierung von Raketenstellungen in Polen und strategischen Radaranlagen in der Tschechischen Republik, die einen nuklearen Erstschlag der USA gegen Russland möglich machen sollen.
Der Report rechtfertigt die Weltraumkriegsführung damit, dass »Weltraumeinheiten der Armee global eingesetzt werden, um die Bemühungen der USA zu unterstützen, [den weltweiten Krieg gegen den Terror] führen und gewinnen zu können ... Die amerikanischen Operationen zur militärischen Kontrolle des Weltraums sichern den USA und ihren Alliierten die Handlungsfreiheit im Weltraum und verwehren, falls erforderlich, einer feindlichen Nation die Handlungsfreiheit im Weltraum.«
_______________
[1] Stephen M. Speakes, Lt.Gen., 2008 ARMY MODERNIZATION STRATEGY, 25. Juli 2008, Department of the Army, Washington D.C.
[2] Ebenda, Vorwort.
[3] Ebenda, S. 6.
[4] Ebenda, S. 7.
Freitag, 03.10.2008
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