Kriegspropaganda – Das verzerrte Gesicht des Terrors
Weil die angekündigten Erfolge beim Anti-Terror-Krieg nicht im gewünschten Umfange vorgewiesen werden können, bedient man sich eines Propaganda-Tricks: Man zeichnet ständig neue Gesichter des Terrors – und lenkt so von den tatsächlichen Entwicklungen ab …
In diesen Tagen wird innerhalb der Nato darüber diskutiert, ob und welche Verbündeten sich verstärkt am Anti-Terror-Kampf in Afghanistan beteiligen sollten. Auch die Bundeswehr ist angesprochen – die Amerikaner erwarten Kampfeinsätze. Je nach Standpunkt kann man nun für oder gegen Kampfeinsätze der Bundeswehr in Afghanistan sein, allein die tatsächliche Entwicklung auf dem Schlachtfeld sollte man zuvor realistisch einschätzen.
Auf pakistanischer Seite der afghanisch-pakistanischen Grenze liegt die Provinz Waziristan. Sie ist der wichtigste Rückzugsraum jener Al-Qaida- und Taliban-Kämpfer, die in Afghanistan auch im siebten Jahr des Anti-Terror-Krieges einfach nicht aufgeben wollen. Im Gegenteil. Sie rüsten sich beständig für neue Schlachten und bereiten sich auf eine Frühlingsoffensive vor. Nun tut es den Kämpfern gut, sich vor einer erwarteten größeren Schlacht auszuruhen. Und so haben die pakistanischen Sicherheitsbehörden und die afghanischen Terror-Krieger in der vergangenen Woche in Waziristan offiziell einen Waffenstillstand vereinbart. Nun soll es eine freundschaftliche Gesprächsrunde der Stammesführer geben, die man in Afghanistan wie auch in Pakistan „Jirga“ nennt. Das ist ein Palaver, das beiden Seiten eine Verschnaufpause bei Kampfhandlungen gewährt – bis man dann später einmal möglicherweise wieder gegeneinander auf dem Schlachtfeld antritt.
In Deutschland wird zwar darüber berichtet, dass die Terror-Krieger in Pakistan einen Rückzugsraum haben. Dass man diesen auf pakistanischer Seite allerdings Verschnaufpausen und direkte Gespräche anbietet, ist eher weniger bekannt. Im September 2006 hatte es in der pakistanischen Provinz Nord-Waziristan schon einmal einen solchen Waffenstillstand bei der Anti-Terror-Jagd gegeben, der in Deutschland nur den wenigsten bekannt sein dürfte. Die Folgen davon aber dürften vielen geläufig sein: Von April 2007 bis zum Herbst griffen Al Qaida und die Taliban die westlichen Truppen in Afghanistan mit nie geahnter Wucht an. Sie hatten den Waffenstillstand genutzt, um sich neu zu gruppieren und neue Kräfte zu schöpfen. Eher weniger bekannt dürfte auch sein, wie „Waffenstillstände“ in Pakistan vorbereitet werden: Zum Zeichen des guten Willens geben pakistanische Sicherheitsbehörden den Terroristen die sichergestellten Waffen zurück. Damit gibt man den Männern, mit denen man sich zu einer Jirga treffen will, symbolisch ihre Männlichkeit und Ehre zurück, die man in dieser Weltgegend mit einer Waffe verbindet.
Die Bundesregierung sollte also im Umfeld ihrer Entscheidung über den deutschen Afghanistan-Einsatz wissen, dass es „befreundete“ Staaten wie Pakistan im Einsatzgebiet gibt, die eine andere Auffassung vom Anti-Terror-Krieg haben.
Und sie sollte sich zudem in aller Ruhe noch einmal jene Bilder vom Einsatzgebiet vor Augen halten, mit denen der Einsatz gemeinhin begründet wird. Vor mehr als einem halben Jahrzehnt war es Usama Bin Laden, der in einer entlegenen afghanischen Berghöhle zum gefährlichsten Mann der Welt stilisiert wurde. Als abzusehen war, dass man ihn nicht so schnell werde ergreifen können, da stilisierte man Ayman al-Zawahiri, Bin Ladens Stellvertreter, in der Kriegspropaganda zum gefährlichsten Mann der Welt. Doch auch al-Zawahiri verbirgt sich weiterhin und da man Erfolge vorweisen musste, stilisierte man 2004 und 2005 Abu Musab al-Zarqawi zum größten Bösewicht der Welt. Allein, die Sache hatte einen Schönheitsfehler, der den Durchschnittsbürgern im Beipack der Kriegspropaganda nicht aufgefallen sein dürfe: Al-Zarqawi war weder Mitglied der Führungsriege von Al Qaida noch Anhänger der Taliban. Als „Terror-Mastermind“ bezeichnete ihn die amerikanische Propaganda. Dabei war dieser Mann ein erbitterter Gegner der Vereinigung schiitischer und sunnitischer Terroristen im Irak – wie sie Al Qaida wünschte. Im Juni 2006 wurde Al-Zarqawi, der keinesfalls zum Führungskreis von Al Qaida gehörte, getötet. Und Präsident George Bush sprach davon, die „Nummer Eins“ des Terrornetzwerkes sei „vernichtet“ worden.
In diesen Wochen nun wird einem gewissen Mullah Baitullah Mehsud das Preisschild des meistgesuchten Terroristen der Welt von den Propaganda-Abteilungen westlicher Militärs auf den Kopf geklebt. Nigel Inkster, ehemaliger stellvertretender Chef des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6, sagte vor wenigen Tagen gar öffentlich, Mullah Baitullah Mehsud habe Usama Bin Laden vom ersten Platz der Terror-Hintermänner verdrängt. Der pakistanische Mullah soll nun also der meistgesuchte Terror-Hintermann der Welt sein. Es dürfte nicht schwer sein, zu erraten, wo er sich befand und befindet: Die pakistanischen Zeitungen berichten darüber, er habe einen vorübergehenden Friedensvertrag mit den pakistanischen Sicherheitsbehörden abgesprochen und es werde eine Jirga geben. Wenn nun sogar die renommierte Zeitung „Asia Times“ darüber berichtet, wo dieser "Super-Terrorist" sich aufhält, dann kann es doch nicht gar so schwer sein, den neuen „meistgesuchten Mann der Welt“ aufzufinden....
Montag, 11.02.2008
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