Die genauen Ursachen für die hohe Sterblichkeitsquote wurden im vorangegangenen Artikel beschrieben. Schon 1974 veröffentlichte die britische Hilfsorganisation War on want die Studie: The baby killer. Sie enthielt alarmierende Daten: In vielen Teilen der Dritten Welt hatte das Stillen schon damals stark abgenommen. Extremstes Beispiel war Chile: 1950 waren noch 95 Prozent aller Einjährigen mit der Brust ernährt worden. 20 Jahre später wurden schon von den zwei Monate alten Babys nur noch 20 Prozent gestillt. In Jamaika, in der Gegend um Kingston, stellten fast 90 Prozent der Mütter ihr Kind vor Erreichen des sechsten Lebensmonats auf Flaschennahrung um. Nur 13 Prozent gaben das Stillen auf, weil sie arbeiteten; 14 Prozent sagten, die Krankenschwester habe ihnen zur Flasche geraten, und die meisten Frauen (43 Prozent) glaubten, nicht genug Milch zu haben – ein Argument aus der Werbung der Milchmultis (»Wenn sie nicht genügend Milch haben, …«), das auf sie, wie ärztliche Untersuchungen zeigten, überhaupt nicht zutraf.
Es ist wichtig zu wissen, dass die Weltgesundheitsorganisation eine Stilldauer von zwei Jahren (!) empfiehlt, um Kinder möglichst gesund und stabil ins Leben zu bringen. Das bedeutet, sechs Monate voll und die übrige Zeit durch Zufütterung fester Kost. Davon sind die westliche und auch die Dritte Welt aufgrund dauerhafter Falschinformationen inzwischen Lichtjahre entfernt: In Deutschland wie auch in den USA stillen lediglich ca. zehn bis zwölf Prozent der Mütter ihre Kinder sechs Monate lang. Würden jedoch 100 Prozent, also alle Kinder in Deutschland, auch nur sechs Monate lang voll gestillt werden, so würden die Kosten im deutschen Gesundheitswesen jährlich um eine zweistellige Milliardensumme entlastet werden können. In den USA bewegt sich diese Summe laut der aktuellen Harvard-Studie im Billionenbereich! Schöne Grüße an die Damen und Herren Gesundheitsminister!

Doch welche Politik dieser Erde hat schon ein Interesse an einer langen Stillzeit, wenn die moderne, emanzipierte, erwerbstätige Frau sie ohnehin nicht leisten kann, weil sie schnell an den Arbeitsplatz zurück soll und die Säuglinge in die Krippe gegeben werden. Und wenn darüber hinaus schließlich auch die Industrie ihr Recht auf den Verkauf des hocherträglichen Babypulvers durchsetzen will! Außer Indien, das im Jahr 2003 ein Werbeverbot für die Babynahrungsindustrie erließ, gibt es kaum weitere Beispiele für diese menschliche Haltung. Auf der Strecke bleiben – wie immer – die Kinder. Muss man sich über massiv ansteigende Krankheitsfälle aller Art wundern? Nein! Denn inzwischen ist es auch erwiesen, dass ein länger gestillter Mensch nachweislich gesünder, länger und glücklicher lebt, als ein nicht oder nur kurz gestillter, ehemaliger Säugling. Das Risiko für alle Krankheiten, ob es sich um Krebs, um Herz-Kreislauf-, um Magen-Darm-Erkrankungen handelt, um Alzheimer, Parkinson oder Infekte jeglicher Art: Ein gestillter Mensch erkrankt grundsätzlich seltener an Krankheiten aller Art, und zwar bis an sein Lebensende. Denn die Zusammensetzung der Muttermilch gleicht einem Zaubermix aus zahlreichen natürlichen Antibiotika, Vitaminen und Mineralien, sie ist eine Art Dauertropf voller Gesundheitsmittelchen, der bis zur letzten Stunde des Lebens wirkt. Länger gestillte Kinder sind nachweislich intelligenter, schöner, gesünder und fröhlicher. Warum nur erfährt man so gut wie nichts darüber? Warum wird fast ausschließlich künstliche Industriemilch propagiert?
Vieles wird zum Beispiel in den Medien über die ständig steigenden Brustkrebs- Neuerkrankungen berichtet. Doch über die Ursachen schweigen sich die Journalisten aus. Dabei steht inzwischen längst außer Frage, dass die signifikant ansteigenden Brustkrebsfälle in direkten Zusammenhang gebracht werden können mit dem Umstand des Nicht-gestillt-worden-seins. Das steht spätestens seit der als ausgesprochen treffsicher bekannten WHO-Metastudie 2007 zu diesem Thema fest. Bewiesen wurde dadurch u.a., dass Frauen, die ihre Kinder nicht oder nur kurze Zeit stillen, häufiger an Brustkrebs erkranken als jene, die ihre Kinder länger stillten. Frauen, die keine Kinder bekommen, erkranken wesentlich häufiger an Brustkrebs. Jedoch schneiden jene Frauen, die mehrere Kinder bekommen und diese stillen, am allerbesten ab. Eine Mutter, die insgesamt zwei Jahre über in ihrem Leben gestillt hat, gleichgültig, ob ein oder mehrere Kinder, senkt ihr Brustkrebsrisiko um über 50 Prozent!
Auch über die zunehmende Übergewichtigkeit von Kindern heutzutage liest und hört man eine Menge. Doch über die Hauptursachen wird nur spekuliert. Wer nur ein wenig recherchiert, stößt recht schnell auf den Hinweis, dass Kinder, die mindestens ein Jahr lang gestillt wurden (sechs Monate voll und die weitere Zeit unter der Zufütterung fester Beikost), zu nicht einmal mehr einem Prozent unter Übergewicht leiden werden. Dieses gilt übrigens unter Einhaltung normaler Lebensumstände bis zum Lebensende.
Als ich im Jahr 2003 auf diese und weitere wichtige Erkenntnisse stieß, die in der Öffentlichkeit jedoch so gut wie unbekannt waren, meldete ich mich bei der damaligen Verbraucherschutz-Bundesministerin der GRÜNEN, Renate Künast, an. Diese war gerade im Begriff, eine Kampagne gegen die Übergewichtigkeit von Kindern zu entwickeln, die »Dicke-Kinder-Kampagne«. Das Aktionsalter hatte sie allerdings ab dem dritten Lebensjahr festgesetzt, was eindeutig zu spät war. Der Versuch, ihr klarzumachen, dass sie mit der Aufklärung über die richtige Ernährung schon und gerade bereits bei den Säuglingen beginnen müsse, scheiterte. Es war ein Trugschluss zu glauben, dass eine GRÜNEN-Bundesministerin gleichzeitig an der natürlichsten Ernährung aller Kinder im Lande interessiert sein müsse. Nach einem mehrstündigen Gespräch in Berlin erhielt ich einen watteweichen Brief aus dem Ministerium, der klarstellte, wer die Hosen anhatte. Die Künast-Kampagne startete schließlich 2004 – ab dem dritten Lebensjahr. Auf den Erfolg dieses Feldzuges, der Millionenbeträge verschlang, wartet man bis heute vergeblich. Das Thema Stillen fand übrigens keinen Eingang!
»Gestillt zu werden ist ein Menschenrecht. Jedes Kind hat ein Recht auf Muttermilch, jede Mutter hat ein Recht, ihr Kind zu stillen.« So lauten die Grundsätze der WHO. Die Frage ist, wann entsprechende Richtlinien von Industrie, Politik und Medien umgesetzt werden, um die Menschen im In- und Ausland durch seriöse Informationen endlich vernünftig aufzuklären und den Babys zu diesem, ihrem natürlichsten Menschenrecht, zu verhelfen!
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