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Marionetten und Drahtzieher – Sauerland-Gruppe: Am 22. April beginnt der Prozess gegen die angeblichen Planer eines angeblichen 9/11-Anschlages in Deutschland

Jürgen Elsässer

Vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf beginnt am 22. April der größte Terroristenprozess seit den Tagen der Roten Armee Fraktion (RAF). Im Hochsicherheitstrakt am Kapellweg, zur abgeschirmten Festung ausgebaut wie damals Stuttgart-Stammheim, werden die vier Angeklagten der sogenannten Sauerland-Gruppe mindestens die nächsten zwei Jahre verbringen müssen – so lange soll das Verfahren wenigstens dauern. Allein die Bundesanwälte haben sich mit 521 Aktenordnern Beweismaterial munitioniert und wollen 219 Zeugen und Sachverständige aufrufen. (1)

Ob die vier verurteilt werden und dann noch länger hinter Gittern bleiben müssen, ist indes alles andere als ausgemacht: Anders als Ulrike Meinhof, Andreas Baader und ihrem Gefolge können dem Quartett keine Morde angelastet werden. Richter Ottmar Breidling wird immerhin zugetraut, die Maximalstrafe durchzusetzen. Sein Engagement im Anti-Terrorkampf bewies er zuletzt im Dezember 2008 bei der Verurteilung des sogenannten Kofferbombers Youssef Mohamad al Haj-dib zu lebenslänglicher Haft.

 

Rückblende

Von der Sauerland-Gruppe spricht man deswegen, weil der polizeiliche Zugriff auf  drei der jetzt Angeklagten am 4. September 2007 in einem Dörfchen im Sauerland erfolgte, in Oberschledorn. Dort hatten Fritz Gelowicz, Daniel Schneider und Adem Yilmaz  ein Ferienhaus gemietet, um – so die offizielle Version – eine Superbombe zu bauen, ausgerechnet aus dem handelsüblichen Wasserstoffperoxid. Einige Wochen später wurde Attila Selek als angeblicher Mithelfer in der Türkei festgenommen – er ist der vierte Beschuldigte im aktuellen Düsseldorfer Prozeß. 

Schon bald nach der damaligen Verhaftung des Trios versuchten sich die Medien in einem Täterprofil. »Der nette Junge von nebenan – der, der auch ein idealer Schwiegersohn hätte werden können, der ist nun auch ein vereitelter Terrorist: ein Sohn aus so genanntem gutem Hause, Bürgertum, Gymnasium und so weiter und so weiter. Und dann erfährt man, der Nachbar ist ein Bombenbastler, konvertierte zum Islam und hätte am liebsten Hunderte Landsleute in die Luft gesprengt. Sechs Jahre ist es heute her, dass junge Männer in die Türme des World Trade Centers flogen, sechs Jahre, in denen sich die Welt fundamental verändert hat und der Terror auch in manchen Köpfen hierzulande angekommen ist«, so begann im Zweiten Deutschen Fernsehen eine Reportage über Gelowicz. »Massenmord – wie damals am 11. September und am liebsten zum Jahrestag oder kurz danach, das, so glauben die Fahnder, war sein Plan«, so die Botschaft der TV-Journalisten für Millionen deutscher Haushalte. (2)

Wurde also ein deutsches 9/11 in letzter Minute abgewendet? Die FAZ präsentierte zum Beweis kürzlich Zitatfetzen der Angeklagten aus den Wochen vor dem Zugriff der Fahnder. »200 Kilogramm mit Splittern, inschallah, das macht ’nen Riesenbums«, sagt da einer. Und ein anderer stimmt ihm freudig zu: »Ja, inschallah, das würde wie’n zweiter 11. September.« (3)

Rechtsanwalt Michael Murat Sertsöz, Verteidiger des Angeklagten Yilmaz, konnte die Abhörprotokolle schon frühzeitig prüfen und bestreitet den kolportierten Inhalt nicht. Allerdings erhebt er Einspruch dagegen, dass die Tonbänder und Transkripte als Beweismittel in das Verfahren eingeführt wird: Die Rundumüberwachung seines Mandanten sei nämlich »eine Aushöhlung des Kernbereichs der Persönlichkeitsrechte«. Laut der geltenden Rechtsauffassung des Bundesverfassungsgerichts könne sich »hieraus ein Verwertungsverbot ergeben«. (4)

Außerdem gibt der Anwalt zu bedenken, dass die abgehörten Drohungen von den jungen Männern vielleicht nicht ernst gemeint waren. »Die drei redeten wie Geistesgestörte – obwohl sie wussten, dass sie abgehört wurden. Warum sollten sie dann so offen sprechen und auch noch in den brutalsten Redewendungen? Ich kann mir nur vorstellen, dass sie bestimmte überdrehte Formulierungen ganz bewusst gebrauchten, um dem Klischee ihrer Verfolger zu entsprechen und diese dadurch noch hektischer zu machen.« An einer Stelle sollen die Tatverdächtigen während einer Autofahrt sinngemäß gesagt haben: »Sollen wir denen mal zeigen, dass wir wissen, dass sie uns hören?« (5)

 

Phantom IJU

Die Anklage wackelt für Sertsöz schon deswegen, weil sie auf unsicherem Fundament steht. Vorgeworfen wird dem Quartett nämlich neben der Vorbereitung eines Sprengstoffanschlages und Mordversuch auch die »Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung«, nämlich der Islamischen Dschihad Union (IJU). 

Mit den Festnahmen von Oberschledorn begann der mediale Siegeszug dieser mysteriösen Organisation. Eine Gruppe mit diesem Kürzel veröffentlichte wenige Tage danach im Internet ein Bekennerschreiben. Darin hieß es: »Wir beten sehr für unsere Brüder und erklären uns zu ihrer Tatplanung und ihren Zielen. Die Islamische Dschihad Union hatte für Ende 2007 Operationen geplant. Am 5. September 2007 wurden im Land Oberschledorn drei unserer Brüder vom deutschen Geheimdienst festgenommen. Sie wollten die amerikanische Militärbasis Ramstein und usbekische und US-Konsulate angreifen.« (6) Ein seltsamer Text: Warum hatten die großartigen IJU-Kommandeure das Datum der Festnahme verwechselt – statt dem 4. also den 5. September angegeben? Warum wussten sie nicht, dass Oberschledorn kein »Land«, sondern ein Ort ist? Und überhaupt: Wieso veröffentlichte eine vermeintliche usbekische Terrorgruppe ihr Bekennerschreiben auf Türkisch?

Der Name IJU war erstmals 2004 aufgetaucht. Damals rühmte sich die vordem völlig unbekannte Gruppe mehrerer Selbstmordanschläge und Schießereien in den usbekischen Städten Taschkent und Buchara sowie, etwas später, Angriffen auf die Botschaften der USA und Israels. Craig Murray, von 2002 bis 2004 britischer Botschafter in Taschkent, schildert in seinem Buch Murder in Samarkand seine Beobachtungen nach den gerade erwähnten Terrorakten vom Frühjahr 2004. Unter anderem beschreibt er, dass er an Stellen, wo angeblich kurz zuvor schwere Sprengstoffanschläge stattgefunden hatten, keine entsprechenden Bombenschäden vor fand. »Diese Angriffe waren tatsächlich zum großen Teil vorgetäuscht und fast sicher das Werk usbekischer Sicherheitskräfte, so meine Untersuchungen vor Ort zu jener Zeit.« (7) Sein Urteil ist kategorisch: »Ich traf keinen in Usbekistan, auch keinen von islamischen Gruppen, der von der IJU gehört hatte. Ich erkundigte mich intensiv. Die IMU, von der sich die Gruppe angeblich abgespalten hat, hat sie niemals irgendwo erwähnt. Keiner in Islamistenkreisen in Großbritannien oder in usbekischen Exilkreisen auf der ganzen Welt hat je von der IJU gehört. Keiner kann ein Mitglied, geschweige denn eine Führungsfigur beim Namen nennen.« (8)

Die Frage, ob diese IJU wirklich existiert, wurde nach den Oberschledorner Festnahmen auch von einem Vertreter des deutschen Inlandgeheimdienstes negativ beantwortet. »Die Islamische Dschihad Union, so wie sie sich uns darstellt, ist erst mal eine Erfindung im Internet und hat nur eine Präsenz im Internet«, sagte Benno Köpfer, Islamexperte des baden-württembergischen Verfassungsschutzes, Anfang Oktober 2007 gegenüber dem ARD-Magazin Monitor. Köpfer machte stutzig, dass in dem Bekennerschreibens konkrete Anschlagsziele wie die US-Basis Ramstein genannt wurden. Seines Wissens seien aber die Verhafteten bis zuletzt unsicher gewesen, welches Objekt sie überhaupt angreifen sollten. Nach seiner Einschätzung wurde in der nachträglichen Kommandoerklärung nur die Medienberichterstattung gespiegelt. (9)

 

Zweifelhafte Zeugen

Laut Anklage wurde die Sauerland-Gruppe von zwei hochrangigen IJU-Kadern geführt, nämlich einem gewissen Gofir Salimov alias »Jaf« und einem gewissen Suhail Buranov alias »Sule«. Außer Emails, die man leicht fabrizieren kann, gibt es allerdings keinen Beweis für die Existenz von »Jaf« und »Sule« und ihre Verbindung mit den Angeklagten.

Waren die vier überhaupt Mitglieder dieser IJU? Dafür verweist die Bundesanwaltschaft auf zwei Zeugen: Surat J., nach Selbstauskunft früher die Nummer zwei der IJU, will Gelowicz und Yilmaz dreimal in IJU-Camps in Waziristan gesehen haben. Die Aussage hat ihre Tücken: Einer der Aufenthalte soll im März 2006 gewesen sein; zur selben Zeit, als die Angeklagten laut Chronologie der Bundesanwaltschaft (BAW) in Damaskus gewesen sein sollen. Wer hat also Recht: die Staatsanwälte – oder einer ihrer wichtigsten Zeugen? (10)

Ein zweiter Gewährsmann, der Gelowicz und Yilmaz bei der Terrorausbildung getroffen haben will, ist der Uzbeke Sherali A. Allerdings hat er in den Trainingslagern nichts von der IJU mitbekommen. Mehr noch: Er kennt diese Organisation überhaupt nicht. Auch er will die beiden Verdächtigen vor dem April 2006 am Hindukusch gesehen haben – als sie laut BAW noch im Nahen Osten waren. (11)

Für beide Zeugen gilt, dass ihre Einlassungen unter physischem Druck zustande gekommen sein könnten: Surat J. saß im autokratischen Kasachstan im Gefängnis, als die deutschen Ermittler ihn vernahmen, Sherali A. im Folterstaat Usbekistan. Die Verteidiger hatten keine Möglichkeit, ihrerseits diese wichtigen Zeugen zu befragen. Das mindert den Wert ihrer schriftlichen Aussagen vor Gericht, zumal sie persönlich wohl kaum erscheinen werden. (12)

 

Die Masterminds

Während die virtuellen IJU-Masterminds »Jaf« und »Sule« in der Tatversion der Anklage eine tragende Rolle spielen, werden die realen Drahtzieher ausgeblendet – weil sie für westliche Geheimdienste gearbeitet haben. Da ist zum einen Yehia Yousif, ein Hassprediger aus Ulm/Neu-Ulm und politisch-religiöser Ziehvater des dort lebenden Gelowicz. Er impfte den Teenager mit Fanatismus, gab laut Polizei sogar Tips zum Bombenbau weiter, führte aus dem Untergrund Regie – bis zuletzt. Johannes Schmalzl, Direktor des Verfassungsschutzes Baden-Württemberg, wurde nach den Oberschledorner Festnahmen zur Bedeutung von Yousif für die Ulmer Szene um Gelowicz. befragt: »Yousif zieht nach wie vor die Fäden, auch im Hintergrund«, urteilte er. (13)

Was Schmalzl nicht erwähnte: Drahtzieher Yousif war Mitarbeiter des baden-württembergischen Verfassungsschutzes gewesen, und zwar nicht nur kurzzeitig und nicht nur als kleine Nummer. Die Stuttgarter Behörde selbst mußte einräumen, dass sie den Agitator sechs Jahre unter Vertrag hatte, und beim

BKA kursieren offensichtliche  Anschuldigungen, dass der Zeitraum auch 15 Jahre betragen haben konnte. (14) Yousif war der Islamspezialist der schwäbischen Schlapphüte, sagen Kenner. Mittlerweile lebt Yousif  in Saudi-Arabien. Ein Interpol-Haftbefehl aus Deutschland ist nicht bekannt. (15) Der  Mann, der zu viel weiß, soll in Frieden gelassen werden.

Ein weiterer Geheimdienstler war auch operativ in die Anschlagsvorbereitungen von Gelowicz und Co. involviert – der türkische CIA-Mitarbeiter Mevlüt K. Das Magazin Stern berichtete Anfang Februar 2009: »Der mutmaßliche CIA-Informant aus Rheinland-Pfalz soll in den Attentatsvorbereitungen dieser Terrorzelle eine zentrale Rolle gespielt haben, wie aus Ermittlungsunterlagen des BKA hervorgeht. Demnach soll er die Person mit dem Tarnnamen ›sut‹ sein, über den die Beschaffung der 26 Sprengzünder maßgeblich gelaufen sein soll. Fritz Gelowicz soll mit ›sut‹ konspirativ kommuniziert haben.« (16) Wichtigster Helfer von Mevlüt K. bei der Terrorvorbereitung war nach BKA-Erkenntnissen der Somalier Ahmed H. aus Ludwigshafen. Pikant: Es handelt sich um jenen Ahmed H., der vor kurzem wegen dreifachen Mordes verurteilt wurde – zusammen mit einem Deutsch-Iraker, der als V-Mann jahrelang für das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz gearbeitet hat – und ausgerechnet auf den jungen Somalier Ahmed H. angesetzt war. Der Stern weiter: »Ahmed H., so geht aus BKA-Akten hervor, hatte in der Zeit der Anschlagsvorbereitungen regelmäßig telefonischen Kontakt zum ›Chef‹ Mevlüt K., der sich in der Türkei aufhielt. In den Gesprächen sei es immer wieder um die Zünder gegangen.« Am 3. August 2007 soll der Somalier, so der Stern, in Mannheim die sechs Sprengzünder an Gelowicz übergeben haben. Mit freundlichen Grüßen  von der CIA ...

Die Verteidigung soll dem Vernehmen nach planen, die beiden Geheimdienstmitarbeiter Yehia Yousif und Mevlüt K. als Zeugen zu laden. Man darf gespannt sein, ob das klappt.

 

 

__________

Fußnoten:

 

(1) Vgl. Yassin Musharbash/Marcel Rosenbach, »Sauerland Cell in the Dock«, Spiegel Online, 16.04.2009.

(2) Daniela Bach/Elmar Theveßen/Rolf Peter Weißhaar, »Angriffsziel Terrorismus – Bedrohung durch Terrorismus«, Frontal 21 (ZDF) 11.09.2007.

(3) Peter Carstens/Reinhard Müller, »200 Kilogramm mit Splittern, inschallah, das macht 'nen Riesenbumms«, FAZ 17.04.2009.

(4) Telefon-Interview mit Sertsöz am 02.11.2007.

(5) Telefon-Interview mit Sertsöz am 02.11.2007

(6) Z. n. Annette Ramelsberger, Der deutsche Dschihad. Islamistische Terroristen planen den Anschlag, Berlin 2008, S. 38

(7) Craig Murray, »The Mysterious Islamic Jihad Union«, craigmurray.com 08.09.2007 (http://www.craigmurray.org.uk/archives/2007/09/the_mysterious.html).

(8) Craig Murray, »German Bomb Plot: Islamic Jihad Union«, craigmurray.com, 12.09.2007 (http://www.craigmurray.org.uk/archives/2007/09/islamic_jihad_u.html).

(9) N. N., Verfassungsschutz zweifelt an Bekennerschreiben, ARD-Tagesschau 04.10.2007.

(10) Vgl. Yassin Musharbash/Marcel Rosenbach, a.a.O.

(11) Vgl. Yassin Musharbash/Marcel Rosenbach, a.a.O.

(12) Vgl. Yassin Musharbash/Marcel Rosenbach, a.a.O.

(13) Daniela Bach/Elmar Theveßen/Rolf Peter Weißhaar, »Angriffsziel Terrorismus – Bedrohung durch Terrorismus«, Frontal 21 (ZDF), 11.09.2007.

(14) Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, Brief an Bundeskriminalamt 53340 Meckenheim, 22.12.2004

(15) Bernd Schlecker, Ex-Imam aus Islamistenszene aufgetaucht, SWR-4, 25.06.2008.

(16) Rainer Nübel, »Mutmaßlicher CIA-Mann war ›der Chef‹«, Stern, 04.02.2009, http://www.stern.de/panorama/:Sauerland-Zelle-Mutma%DFlicher-CIA-Mann-der-Chef/653678.html.

 

 

Jürgen Elsässer (www.juergen-elsaesser.de) hat sich ausführlich mit der Sauerland-Gruppe und der Islamisten-Szene in Ulm in seinem Buch Terrorziel Europa. Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste beschäftigt (Residenz Verlag, 2008, 344 Seiten, 21,90 Euro).

 

Dienstag, 21.04.2009

Kategorie: Gastbeiträge, Terrorismus

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