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Meteorit des Lebens – wieder im Gespräch

Andreas von Rétyi

1996 stieß eine Gruppe von Forschern auf sehr eigenartige Strukturen im Inneren eines Meteoriten, der unsere Erde ganz nach Art eines kosmischen Tennisspiels direkt vom Mars erreicht hatte. Ganz offenbar barg das Gestein nicht-irdische Mikroben. Die wissenschaftliche Gemeinde akzeptierte diesen Fund aus verschiedenen Gründen nicht. Jetzt aber gibt es neue Informationen, die es nötig machen, die so ungewöhnliche Entdeckung und die mit ihr verbundene Außenseiter-Theorie neu zu überdenken.

Wenn gewisse Museumsstücke gar nicht das sind, als was sie uns präsentiert werden, ist das im Mindesten ein ziemliches Ärgernis. So wie auch im aktuellen Fall des »Apollo-Brockens« vom Amsterdamer Rijksmuseum. Das vermeintliche Mondgestein, das eigentlich selbst  ein halbblinder Geologe beim ersten Blick schon aus zwei Metern Entfernung entlarven und bei nur etwas näherem Hinsehen als versteinertes Holz identifizieren können sollte, sorgte weltweit für einiges Furore – darüber wurde bereits auf diesen Seiten berichtet. Klarerweise hätte die NASA im Jahr 1969 und nur wenige Monate nach Apollo ohnehin niemals Mondgestein verschenkt! Natürlich gibt es international eine ganze Reihe kurioser Fälle völlig fehl gedeuteter Objekte, darunter auch Pseudo-Meteorite, die niemals nur einen Augenblick im All waren. Wie mittlerweile jedermann weiß, fallen dennoch genügend echte »Himmelssteine« herab, die tatsächlich von anderen Körpern des Sonnensystems abgesplittert sind und über Jahrmillionen durchs All zogen, bis ihnen die Erde in die Quere kam.

Der in der Antarktis aufgespürte Weltraumbrocken ALH 84001 ist etwas ganz Besonderes unter ihnen, denn er stammt von unserem Nachbarplaneten Mars und enthält Spuren, die von einstigem extraterrestrischem Leben herrühren könnten. Jetzt ist er wieder ins Gespräch gekommen. Insgesamt sind heute rund 70 verschiedene Meteoritenarten bekannt – einige sind vergleichsweise häufig, andere hingegen extrem selten und ein wahres Vermögen wert. Zu den ganz außergewöhnlichen und entsprechend wertvollen zählen diejenigen, die von Kometen stammen, vom Mond oder aber sogar vom Mars. Diese Objekte bergen viele Geheimnisse und weisen Unterschiede auf, die verraten, wer der individuelle Ursprungskörper war.

Mond- und Marsmeteorite erlebten eine rätselhafte Geschichte. Sie müssen bei gewaltigen Einschlägen von Asteroiden die Fluchtgeschwindigkeit ihrer Mutterwelt erreicht haben und somit ins All hinausgeschleudert worden sein. Warum die damit verbundenen energiereichen Katastrophen aber nicht die innere Gesteinsstruktur völlig veränderten, bleibt immer noch ein ungelöstes Rätsel. Vielleicht wurden die Steine von Orten kollidierender Dichtewellen ausgeschleudert, wo sich die Kräfte materialschonend vereinten, aber niemand kennt die wahre Antwort.

Das Innere von Meteoriten, wie sie auf unserem Planeten gefunden werden, bleibt im Normalfall »sauber«, denn in die unversehrten Bereiche der Stein- oder Eisenmassen kann keine Verunreinigung eindringen. Analysen der Isotopenzusammensetzung eingeschlossener Gase haben bei einigen Funden eine völlige Übereinstimmung mit der schon seit den Viking-Raumsonden exakt bekannten Zusammensetzung der Mars-Atmosphäre geliefert. Also stammen diese Steine mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit und lediglich einem »Anstandsprozent« an Unsicherheit von der Oberfläche des Roten Planeten. Andere Körper müssen nach ähnlicher Logik vom Mond stammen. Und wieder andere erweisen sich als lockere Konstrukte, wie sie nur auf Kometenoberflächen anzutreffen sind – wobei hier ebenfalls bereits Sonden vor Ort waren. Die Übergänge zwischen den so genannten C-Asteroiden und Kometen sind fließend, doch diese Objekte sind die »Eltern« der kohligen Chondrite, einer enorm seltenen, in drei Hauptklassen aufgeteilten Meteoritengruppe mit hohem Kohlenstoffanteil.

Im Mai 1864 gingen über der französischen Ortschaft Orgueil bei Montauban fast zwei Dutzend kopfgroße Kohlechondriten des ursprünglichsten Typs nieder – der CI-Gruppe. Was damals in Frankreich herabstürzte, war ein echtes Vermögen. Abgesehen vom Handelswert zeigen sich diese Steine als kostbare Zeitkapseln voller Geheimnisse. Sie enthalten präsolare Körner mit Isotopenanomalien vor allem des Xenons (Xenon-HL), die auf einen extrasolaren Ursprung hindeuten, ebenso wie winzige Diamanten im Größenbereich von 50 Mikrometer. Offenbar wurden diese Strukturen durch eine relativ nahe Supernova-Explosion in die primordiale Wolke unseres Systems injiziert – ein Ereignis, das die Entstehung unseres Sonnensystems einleitete. Die Energien waren gigantisch und sorgten dafür, dass aus einem Teil des meteoritischen Kohlenstoffs winzige Diamantenkörner wurden. Jene Steine aus dem All erzählen uns etwas über unsere früheste Vergangenheit. Aber sie verraten noch mehr. Wenn man kohlige Chondrite in abgeschlossenen Behältern aufbewahrt und nach einiger Zeit den Deckel abnimmt, dann sondern sie einen ganz spezifischen Geruch ab. Er stammt von den organischen Substanzen im Inneren – komplexe Moleküle, sogar Aminosäuren als Grundbausteine des Lebens. Ich habe einige Proben solcher kohliger Chondrite »archiviert«, darunter auch ein Stück des ebenfalls sehr ursprünglichen Murchison-Meteoriten, ein fast schwarzer, locker strukturierter und entsprechend empfindlicher Stein, der im denkwürdigen Jahr 1969 in Australien niederging. Nach längerer Zeit öffnete ich den Behälter, und mir strömte dieser charakteristische Geruch der »Grundbausteine des Lebens« entgegen.

Schon im Jahr 1961 kam es zu einer wissenschaftlichen Sensationsmeldung: Zwei amerikanische Forscher, George Claus und Bartholomew Nagy, hatten im Orgueil-Meteoriten noch etwas anderes, überaus Erstaunliches entdeckt. Im Inneren der Probe fanden sie ungewöhnliche Einschlüsse, die wie Mikroben aussahen. Schon länger existiert die, wenn auch in der Fachwelt sehr umstrittene Theorie, dass Leben in Kometenkernen entstehen konnte und sogar Abstürze auf die Erde überleben konnte. Kometen sollen die irdische »Ursuppe« mit organischer Materie und auch mit sehr primitiven, aber komplett entwickelten Lebensformen angereichert haben.

Während die meisten Kollegen von einem nicht-biologischen Ursprung der gefundenen »organisierten Elemente« ausgehen und sie eher als anorganische Kristalle interpretieren, blieben Claus und Nagy bei ihrer ursprünglichen Ansicht, vor allem, nachdem sämtliche Möglichkeiten einer Verunreinigung jener Proben untersucht und ausgeschlossen worden waren. Gegen Ende der 1970er-Jahre erhielt der auf älteste Lebensformen spezialisierte deutsche Paläontologe Prof. Dr. Dr. Hans D. Pflug eine Probe des Murchison-Meteoriten. Auch er fand seltsame mikrobenartige Einschlüsse und hält eine nicht-biologische Entstehung für ziemlich unwahrscheinlich. Professor Pflug übersandte mir damals etliche Unterlagen und Detailaufnahmen der organisierten Elemente, die er im Murchison-Stein entdeckt hatte, dazu auch Vergleichsbilder von irdischen Mikroben: organische Zellreste aus den uralten Isua-Sedimenten Grönlands und anderes Material.

Expeditionen in die Antarktis lieferten im ewigen Eis besonders gut konservierte Meteorite, darunter auch kohlige Chondrite und Stücke von Mond und Mars. ALH 84001 ist einer von ihnen, er stammt allen Indizien zufolge vom Mars und wurde 1984 in den ergiebigen Blaueisfeldern der Allan Hills gefunden. 1996 stießen NASA-Wissenschaftler um David S. McKay in diesem fast zwei Kilo schweren Brocken auf vergleichbare Einschlüsse, wie sie unter anderen auch Claus, Nagy oder Pflug gefunden hatten. Elektronenmikroskopische Aufnahmen zeigen offenbar Nanobakterien, viel kleiner als die auf der Erde bekannten Bakterienarten. Neben wahrscheinlich biogen entstandenem Magnetit enthalten die Proben polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAHs), die durch bakterielle Zerfallsprozesse entstehen können. Den Entdeckungen in ALH 84001 schlossen sich auch vergleichbare Funde in Marsgestein außerhalb der Antarktis an. So enthalten die Meteorite von Nakhla in Ägypten und Shergotty in Indien ebenfalls organismenartige Mikrostrukturen. Natürlich schlug der McKay-Gruppe ein ordentlicher Gegenwind ins Gesicht. Die wissenschaftliche Gemeinde übte starke Kritik an der Außenseitertheorie. Bis heute ist die Diskussion nicht beendet. Jetzt aber gibt es neuen »Nährstoff« für die Bakterientheorie. Ein Gegenargument war bisher, dass der Kohlenstoff des Meteoriten sich unter besonders extremen Bedingungen abgelagert haben dürfte – bei Temperaturen über 150 Grad Celsius. Zwar gibt es hitzeresistente Bakterien. Auf der Erde gehen aber alle bekannten Arten bei maximal 120 Grad Celsius den Gang des Vergänglichen.

Paul Niles vom Johnson Space Center (JSC) der NASA und der Mars Focus Group der Universität Arizona stieß aber auf eine Alternative. Um die Ablagerung von kalzium-, magnesium- und eisenreichen Mineralien in Marsgestein zu erklären, geht seine Forschungsgruppe davon aus, dass der betreffende Felsen nahe oder direkt auf der Marsoberfläche lag, während kohlendioxidreiches Wasser aus der Tiefe, vielleicht aus einer heißen Quelle, nach oben trat. Die relative Häufigkeit der drei Stoffe hängt von der Temperatur des Wassers ab, in dem sie in gelöster Form auftraten. Aus den vorhandenen Messdaten ermittelte Niles die Temperaturen. Sie müssen unter 100 Grad gelegen haben! Paul Niles erklärt: »Diese Mineralien wurden in einer sehr wahrscheinlich durchaus lebensfreundlichen Umgebung gebildet.«

Der JSC-Forscher nahm 1996 nicht an den ALH-84001-Untersuchungen McKays teil. Marc Fries vom Laboratorium für Strahlantriebe, Pasadena, arbeitet wiederum unabhängig von der Niles-Gruppe, prüfte aber ebenfalls Fragmente von ALH 84001 und bestätigt: Von diesem »in der Menschheitsgeschichte wohl am meisten untersuchten einzelnen Stein« lässt sich noch manches in Erfahrung bringen. Der nächste Schritt sind Gesteins-Rückholmissionen direkt von der Oberfläche des Roten Planeten, um in diesen Stücken dann nach Lebensspuren zu suchen.

 

Sonntag, 06.09.2009

Kategorie: Allgemeines, Wissenschaft

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