Mit Brot, Milch und – Pistole
Aufgrund der anhaltenden Rezession bewaffnen sich immer mehr Amerikaner. Sie haben Angst vor Plünderungen und dem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung.
Viele Menschen haben Angst davor, dass der neue US-Präsident Barack Obama die steigende Kriminalität zu nachgiebig bekämpft und sorgen sich, der anhaltenden Rezession könnte ein wirtschaftlicher und sozialer Zusammenbruch folgen, bei dem Lebensmittelgeschäfte beraubt und geplündert würden. »Wir müssen darauf vorbereitet und bewaffnet sein!«
Tom Power von der Texas Gun Collectors Association sagt, seit Obama Präsident ist, würden immer mehr Menschen Mitglieder in seiner Waffenvereinigung. Fürwahr, die Amerikaner sind im wahren Waffenrausch: Waffenhersteller sind für Monate ausgebucht, Munition ist ausverkauft und Waffenhändler können die Nachfrage kaum noch bedienen. Zudem erlauben immer mehr US-Bundesstaaten nun auch das »versteckte« Tragen von Waffen: so etwa Ohio, Kentucky, Arizona, North Carolina und Montana. In allen Staaten stiegen im letzten Quartal die Genehmigungen für Waffenlizenzen; in Ohio sogar um 139 Prozent.
Sturmgewehre für jedermann
»Ich esse, deshalb muss ich jagen«, heißt es auf einem T-Shirt, das man in Gun City, dem größten Waffenladen der USA, kaufen kann. Die Militär-Sturmgewehre AR-15 und AK-47 in den Vitrinen und die halbautomatischen Handfeuerwaffen auf den Tresen deuten jedoch nicht darauf hin, dass die Gun-City-Kundschaft nur zum »Spaß« schießen will.
Das kommt nicht von ungefähr: Selbst in der Rezession boomt der Laden: »Es war noch nie besser«, sagt Dan McGlamery, der freundliche Verkäufer, der selbst 90 Waffen besitzt und eine Kaliber 45 an seinem Gürtel trägt, »für alle Fälle«, meint er ernst. »In schweren Zeiten wie diesen brauchen die Menschen vor allem Brot, Milch, Wasser und Waffen, um sich zu verteidigen.«
In Tennessee scheint man diese Worte sehr ernst zu nehmen, denn der US-Bundesstaat ist mit Gewehren und Handfeuerwaffen geradezu überflutet. Mehr als 1.300 lizensierte Anbieter verkaufen Waffen. Alle Einwohner des Staates, die nicht vorbestraft sind, dürfen sich mit Pistolen und Revolvern auf den meisten öffentlichen Plätzen sehen lassen. Ob sie ihre Waffen dabei verdecken oder nicht spielt keine Rolle. Einzige Voraussetzung: Man muss zuvor einen Sicherheitskurs absolviert haben. Alles ist legal, alles ist öffentlich.
Ein kürzlich erlassenes Gesetz verbietet nur die Veröffentlichung der Namen von Waffenlizenzbesitzern, nachdem eine Zeitung darunter eine Reihe von Schwerverbrechern enthüllt hatte. Man befürchtete Lynchjustiz.
Waffentragen in Restaurants, Gerichtssälen und Kirchen
Letzten Monat besaßen 222.000 »Tennesseans« die Lizenz, Waffen zu tragen. Ein Jahr zuvor waren es noch 181.000, das ist eine Steigerung von 18 Prozent.
Im Frühjahr wurde ein Gesetzentwurf im Parlament eingebracht, nachdem das Tragen von Waffen auch in jenen öffentlichen Bereichen erlaubt sein soll, in denen es zuvor verboten war. Etwa in Bars und Restaurants, so lange die Waffenbesitzer keinen Alkohol trinken, oder in lokalen Parks. Ein anderer Vorschlag, der noch zur Abstimmung ansteht und der gute Chancen hat angenommen zu werden, soll Richtern im Gerichtssaal das Tragen von Handfeuerwaffen ebenfalls erlauben.
Phil Bredesen, der Gouverneur, ist davon nicht begeistert. Er legte sein Veto ein. Das war mutig, denn rund ein Viertel der Abgeordneten besitzen selbst Waffen-Lizenzen und so wurde sein Veto sehr schnell wieder außer Kraft gesetzt.
Gegner der neuen Gesetze argumentieren, die Erlaubnis Waffen in Restaurants und Bars zu tragen, würde die Gewaltbereitschaft noch erhöhen. Die Statistik des National Centre for Injury Prevention and Control gibt ihnen recht, denn im letzten Jahr sind 950 Menschen alleine in Tennessee durch Waffengewalt getötet worden.
Dagegen argumentiert Andrew Arulanandam, der Sprecher der National Rifle Association of America (NRA), also der nationalen Waffenvereinigung, die bereits 1871 gegründet wurde und heute rund vier Millionen Mitglieder zählt: »Der einzige Mensch, die einen Verbrecher mit einer Waffe stoppen kann, ist ein Mensch, der ebenfalls eine Waffe besitzt.« Dwayne Hayes, ein anderer Waffenlobbyist, pflichtet ihm bei: »Meiner Meinung nach sollte der einzige Ort, wo keine Waffen getragen werden dürften, das Gefängnis sein. In Restaurants und Kirchen sehe ich dagegen kein Problem.«
Dienstag, 16.06.2009
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