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Neda - die Märtyrerin mit dem Kreuz

Jürgen Elsässer

Widersprüche bei der Berichterstattung über den Mord an einer iranischen Studentin

»Eine junge Frau demonstriert gegen Wählfälschungen. Schüsse fallen. Sie stirbt. Ein erschreckendes Video ihres Todes steht auf Youtube und gibt der Weltgemeinschaft Bilder, die die Situation im Iran vorstellbar machen. Die Demonstranten haben eine Märtyrerin.« So beschreibt die Financial Times Deutschland die jüngste Etappe im Informationskrieg um die Ereignisse in Teheran, um die ermordete Studentin Neda Agha-Soltan. (1)

In den USA wurde die Tote instrumentalisiert, um die angeblich zu zurückhaltende Position des Präsidenten Barack Obama zu kritisieren. Senator John McCain, der im November beim Wettrennen um den Einzug ins Weiße Haus dem schwarzen Mitbewerber klar unterlegen war, bezeichnete die Erschossene als »eine tapfere junge Frau, die versuchte, ihre fundamentalen Menschenrechte auszuüben und auf den Straßen von Teheran getötet wurde«, als »eine Art Jeanne d'Arc«. Jetzt sei ein »entscheidender Moment im Kampf des iranischen Volkes«. (2) Reza Pahlevi, der Sohn des 1979 gestürzten Schahs, sagte auf einer monarchistischen Kundgebung in Washington unter Tränen, die »einzige Sünde« der Ermordeten sei ihre Forderung nach Freiheit gewesen. Schließlich nahm auch Obama Stellung: Das Video »breche einem das Herz«: »Ich glaube,  dass jeder, der das sieht, weiss, dass da etwas grundsätzlich Ungerechtes passiert.« (3)

Fakten! Fakten?

Das erste Video über die sterbende Frau ist knapp 40 Sekunden lang und wurde auf Persisch und Englisch in den Nachtstunden von Samstag, 20. Juni, auf Sonntag, 21. Juni über youtube ins Internet gestellt. Später folgte eine zweite Filmsequenz eines weiteren Handy-Kameramanns, der das grausige Geschehen leicht zeitlich und örtlich versetzt aufgezeichnet hat. Man sieht eine junge Frau auf der Straße liegen, zwei Männer beugen sich über sie. Einer drückt mit den Händen auf ihren Brustkorb, dann rinnt Blut aus ihren Mundwinkeln, schließlich über ihr ganzes Gesicht. Die Menschen rufen: »Bleib wach!« und »Hab' keine Angst!« Ihre Augen flackern, brechen.

Im Text zum ersten Video heißt es, die Aufnahme sei am 21. Juni um 19.05 Uhr am Karekar-Boulevard, Ecke Khosravi-Straße und Salehi-Straße gemacht worden. Dies und der Name des Opfers kann mittlerweile als gesicherte Tatsache gelten, nachdem die iranischen Behörden ihre Behauptung, das Video sei gefälscht, fallen gelassen haben. Aber alles Weitere ist ungesichert. »Überhaupt gibt es kaum belastbare Informationen über den Tod der jungen Frau, die über das hinausgehen, was auf dem Video zu sehen ist.«(4) Die Leute, die mit ihren Mobiltelefonen gefilmt haben, lassen sich jedenfalls nicht befragen. »Der Film wurde von meinem Freund aufgenommen, der neben mir stand«, schreibt die – anonyme – Person, die das erste Video ins Netz gestellt hat. Aber um Echtheit oder Nachprüfbarkeit geht es längst nicht mehr: »Ob wahr oder fingiert: Neda ist das Symbol der Protestbewegung geworden.«(5)

Widersprüche

Dass das Video nicht gefälscht ist, beweist nicht, dass das Sterben nicht zu einer medialen Inszenierung genutzt wurde. Die eilfertigen Filmleute waren jedenfalls bei ihren Aufnahmen bemerkenswert professionell. In der Berliner Zeitung heißt es dazu: »Wer schon einmal versucht hat, etwas mit der Handykamera einzufangen, weiß, wie schwierig das ist. Dass die Kamera überhaupt so genau Nedas Augen zeigen konnte, in dem Moment ihres Todes, ist entweder ein großartiger Zufall oder eventuell Teil einer Choreographie.«(6)

Über die Schussposition des Mörders gibt es zwei unterschiedliche Angaben der angeblichen Zeugen. »Zwei Basidschis – die gefürchteten 'Revolutionswächter' – fuhren mit ihren Motorrädern auf sie zu und erschossen sie mit einem Revolver. Andere Augenzeugen aus Teheran schreiben, 'sie wurde von einem Basidschi erschossen, der sich auf dem Dach eines Wohnhauses versteckt hatte'.«(7) Einmal heißt es, die Kugel sei von vorne über die Brust eingedrungen, ein anderes Mal, sie sei von hinten in den Schädel eingeschlagen.

Unklar ist, ob die Tote ein Kopftuch trug. Auf dem Video sieht man das schlecht, es könnte nach hinten gerutscht sein. Kommentatoren im Internet behaupten, sei sei barhäuptig gewesen und habe sich genau deswegen als Ziel für die 'Revolutionswächter' angeboten. Dieser Verstoß gegen die Kleiderordnung ihrer Religion wäre allerdings einigermaßen ungewöhnlich für eine Studentin der islamischen Philosophie.

Das größte Rätsel ist allerdings ein Foto der noch lebenden Neda, das unter anderen Spiegel Online präsentiert(8): Dort trägt sie erkennbar ein Kreuz an einer Halskette. Als Muslimin? Es ist höchst seltsam, dass dieser Widerspruch in den Mainstrem-Medien nicht diskutiert wird.

Die meisten Angaben über die 26jährige stammen aus Interviews, die Reporter der Los Angeles Times im Haus ihrer Eltern gemacht haben, wo sich zahlreiche Verwandte und Trauergäste versammelt hatten. Demnach war die eigentlich unpolitische Studentin aus Empörung über die angebliche Wahlfälschung am 21. Juni zu der angekündigten, aber verbotenen Demonstration gegangen. Kurz vor Erreichen des Kundgebungsorts kam das Auto in einen Stau, sie stieg aus – dann fiel der Schuss. Das klingt plausibel. Erklärungsbedürftig ist aber, warum in einer Situation, wo angeblich die Auslandspresse in Teheran vollständig unterdrückt wird, US-Journalisten zum Haus der Toten gehen und sich dort ungestört umhören können. Auch einer der Hauptinformanten der Westmedien, Nedas angeblicher Verlobter Caspian Makan, könnte mehr als persönliche Interessen haben: Nach Selbstauskunft ist er Fotojournalist. Er trägt ein Detail bei, das sich vorzüglich zur ikonenhaften Stilisierung der Getöteten eignet. Sie soll nämlich vor der Demonstration geradezu prophetisch gesagt haben, dass sie, »selbst wenn sie ihr Leben verlöre und eine Kugel ins Herz bekäme«, weitermachen würde.(9) Makan behauptet auch, dass Nedas Leiche vor der Beerdigung Organe herausgerissen worden seien – erwiesener Maßen eine Lüge!(10)

Die konträre Version

Seit Mittwoch, 24. Juni, haben die iranischen Behörden den Tod der Studentin eingeräumt. Sie gehen allerdings davon aus, dass es sich bei dem Täter um einen Provokateur bzw. einen regimefeindlichen Terroristen gehandelt habe. Dieser habe bei der Kundgebung am Sonnabend wild um sich geschossen, und eine der Kugeln habe Neda getroffen. Dies gehe aus Zeugenbefragungen und gerichtsmedizinischen Untersuchungen hervor. Die Polizei betonte, dass sie nicht auf die Demonstranten gefeuert habe, und geht davon aus, dass die tödliche Waffe aus dem Ausland eingeschmuggelt wurde.(11)

Auch diese Version kann Plausibilität beanspruchen. Fakt ist jedenfalls, dass bei der Demonstration am 20. Juni eine Moschee und zwei Tankstellen in Brand gesetzt wurden.(12) Von den zehn bis 19 Toten, die an jenem Tag zu beklagen waren, gehen mindestens zwei auf das Konto von Terroristen: Diese zündeten eine Selbstmordbombe vor dem Mausoleum von Ayatollah Chomeini. Die Behörden haben mittlerweile die Mausoleumsattentäter und etwa 50 weitere Terroristen, die Anschläge im Osten des Landes, in Tabriz und in Ahvaz geplant haben sollen, verhaftet.(13) Dabei handele es sich um eine »vom Ausland gedeckte anti-revolutionäre Gruppe«. In diesem Zusammenhang sei an die Recherchen des Pulitzer-Preisträgers Seymour Hersh erinnert, der ein 2007 von der Bush-Regierung aufgelegtes Programm zur Förderung subversiver und bewaffneter Gruppen im Iran aufgedeckt hat. Der 400-Millionen-Dollar-schwere Geheimfonds wurde angeblich von der Obama-Administration bisher nicht gestoppt.(14)  

Kann man den Teheraner Behörden trauen?  Der Arzt, der der sterbenden Neda Erste Hilfe leistete, bekräftigte gegenüber BBC, dass der Mörder ein Motorradfahrer der Basidsch-Miliz gewesen sei: »Die umstehenden Menschen hätten dem Mann den Ausweis abgenommen, ihn fotografiert und ihn dann aber laufen lassen, weil sie nicht wussten, was sie sonst mit ihm tun sollten.« Sollte er Recht haben und die iranische Regierung nicht, müsste die Opposition dieses Foto und diesen Ausweis leicht präsentieren können. Man sollte in den nächsten Tagen genaustens darauf achten, ob dies passiert. (15)

Beim gegenwärtigen Sachstand lässt sich die Frage nach Nedas Mörder und seinen Hintermännern nicht abschließend beantworten. Vorsicht ist jedenfalls aufgrund früherer Erfahrungen mit getürkten Propagandageschichten am Platze: So war der tränenreiche Bericht  einer Zeugin vor der UNO über Massaker irakischer Soldaten an Brutkästen-Babys in Kuweit-City ein entscheidender Katalysator bei der Vorbereitung des Irak-Krieges im Januar 1991. Ebenso folgenreich waren die Aufnahmen über eine Massenerschießung angeblicher albanischer Dörfler durch serbische Sonderpolizei im Kosovo-Dörfchen Racak als mediales Vorspiel zur NATO-Aggression gegen Jugoslawien im März 1999. In beiden Fällen ist mittlerweile die Manipulation erwiesen.


    (1) Kathrin Werner, So wurde Neda zur Ikone im Iran, FTD 22.06.2008
    (2) www.youtube.com/watch?v=irvwOHZS6mk
    (3) Nydailynews.com, 22.06.2009
    (4) Wolfgang Jaschensky, Nedas Stimme, SZ 22.06.2009
    (5) Kathrin Werner, a.a.O.
    (6) Hindeja Farah, Nedas Film, Berliner Zeitung 23.06.2009
    (7) Marco Dettweiler, Ich bin Neda, FAZ 23.06.2009
    (8) www.spiegel.de/img/0,1020,1564524,00.jpg
    (9) www.bloomberg.com/apps/news?pid=20601087&sid=aHvSY8wNfM_M)
    (10) vgl. Le Figaro, 23.06.2009
    (11) amz/dpa/AP/Reuters/AFP, Iranische Behörden: Neda-Schütze kein Polizist, Spiegel Online 24.06.2009
    (12) Press TV, Armed vandals »killed civilians« in Tehran, global research 22.06.2009
    (13) Press TV, Iran uncovers plots in presidential election, prisonplanet.com 24.06.2009
    (14) Simon Tisdall, Iran: fear of plotters may be justified, The Hindu 21.06.2009
    (15) Hasnain Kazim, »Neda starb in meinen Armen«, Spiegel Online 26.06.2009

Dienstag, 30.06.2009

Kategorie: Allgemeines, Enthüllungen, Akte Islam, Terrorismus

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