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Neu entdeckte Öl- und Gasvorkommen machen Südamerika zum Faktor in der Geopolitik

F. William Engdahl

In einem Bericht des Handelsmagazins der internationalen Ölindustrie »Oil and Gas Journal« wird bestätigt, dass in Argentinien ein großes neues Erdgasfeld identifiziert worden ist. Somit zählt jetzt auch Argentinien zu den Ländern, in denen in den vergangenen Monaten große neue Öl- und Gasvorkommen entdeckt wurden. Denn bereits vor mehr als einem Jahr hatte Brasilien riesige Ölvorkommen etwa 200 Meilen vor seiner Küste bestätigt, durch die das Land zu einem der großen Öllieferanten werden könnte. Diese beiden Funde machen diese gesamte Region Lateinamerikas zur geopolitischen Zielscheibe der US-Außenpolitik, die heute alle großen Ölvorkommen auf der Welt unter ihre Kontrolle bekommen müssen, wenn sie ihr Energiemonopol behalten wollen.

Südamerika ist zu einer der vielversprechendsten Öl- und Gasregionen der Welt geworden. Sieben der zehn größten im Jahre 2008 entdeckten Öl- und Gasvorkommen liegen in Lateinamerika. Zu diesen sieben gehören fünf in Brasilien sowie je eines in Peru und Bolivien. Jetzt kommt das neue Gasfeld in Argentinien hinzu.

Wie ich in meinem früheren Buch Mit der Ölwaffe zu Weltmacht ausführlich dargelegt habe, steht die Kontrolle über die wichtigsten Ölreserven der Welt seit über einem Jahrhundert im Mittelpunkt zuerst der britischen und später der amerikanischen Geopolitik. Ein Krieg nach dem anderen ist um diese Kontrolle geführt worden. Jetzt hat man in Argentinien – einem Land, dessen Landwirtschaft schon im Visier von Monsanto und den amerikanischen Agrobusiness-Unternehmen ist, die es auf die Landwirtschaft des Landes abgesehen haben – eine potenziell riesige neue Energiereserve entdeckt. Wenn man sich dieses Potenzial für die wirtschaftliche Entwicklung zunutze machen könnte, dann würde der wirtschaftliche Druck auf das Land deutlich gesenkt. Genauso zeichnen sich in Brasilien, wo der populäre Präsident Lula vorsichtig versucht, das Land aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Washington herauszuführen, durch die neu entdeckten Ölvorkommen grundlegende politische Veränderungen ab.

Nach dem Bericht der Geologen verfügte Argentinien im Januar 2008 nachweislich über Gasreserven in Höhe von 1,8 Billionen Kubikfuß (Tcf; rund 51 Milliarden Kubikmeter; d. Redaktion) Gasreserven, und damit über die drittgrößten Gasreserven in Lateinamerika. Die Erdgasproduktion des Landes ist in den letzten zehn Jahren beständig gestiegen: 2006 hat Argentinien fast das Doppelte der Menge von 1996 produziert. Auch der Erdgasverbrauch in Argentinien ist in den letzten 20 Jahren deutlich gestiegen, Erdgas ist zur Haupttreibstoffquelle geworden. Im Jahr 2005 stammten 51 Prozent des argentinischen Primärenergieverbrauchs aus Erdgas.

Argentinien ist Netto-Exporteur von Erdgas, das meiste davon geht nach Chile. Doch diese Beziehung ist seit 2004 schwieriger geworden, denn Argentinien hat wiederholt die Lieferungen nach Chile eingeschränkt, um Engpässe in der eigenen Versorgung zu überbrücken. Argentinien ist die einzige Quelle der chilenischen Erdgasimporte; deshalb sieht sich Chile wegen der ständigen plötzlichen Unterbrechungen gezwungen, sich nach anderen Quellen für zukünftige Importe umzusehen.

Argentinien hat 1989 im Rahmen der Privatisierung des staatlichen Energiemonopols YPF mit der Deregulierung der Erdgasproduktion begonnen. Wie bei der Ölindustrie, so hat auch YPF (heute der spanische Konzern Repsol-YPF) seine dominierende Position im Upstream-Sektor behalten. Der zweitgrößte Erdgasproduzent in Argentinien ist der französische Konzern Total. Zwei Unternehmen, die Transportadora de Gas del Sur (TGS) und die Transportadora de Gas del Norte (TGN) kontrollieren das argentinische Erdgas-Transportsystem. Das von der brasilianischen Erdölgesellschaft Petrobas kontrollierte Unternehmen TGS ist die größte Pipeline-Gesellschaft in Südamerika; sie transportiert das meiste in Argentinien selbst verbrauchte Erdgas. Die Verteilung des Gases am argentinischen Markt liegt in den Hängen von MetroGas SA, Gas Natural Ban SA, Camuzzi Gas Pampeana SA und Camuzzi Gas de Sur SA. Viele der großen Verteilerfirmen sind zumindest teilweise in ausländischer Hand.

Die Erdgasproduktion in Argentinien konzentriert sich auf die Regionen Neuquen, Salta, Tierra del Fuego und Santa Cruz. Allein in Neuquen werden 50 Prozent des argentinischen Gases produziert. Wie beim Ölsektor, so untersucht man in Argentinien jetzt auch beim Erdgas die Offshore-Vorkommen, denn die alten Produktionsstätten sind allmählich erschöpft. Bei der Gründung des staatlichen Energiekonzerns ENARSA im Jahre 2004 übertrug die argentinische Regierung dem neuen Unternehmen alle noch nicht vergebenen Erschließungs-Blocks offshore und ermächtigte den Konzern auch, Partnerschaften mit ausländischen Unternehmen einzugehen.

 

Die neu entdeckten Öl- und Gasvorkommen in Südamerika sind ein heißes Thema

Diese neu entdeckten Vorkommen sind insbesondere für Brasilien ganz  wichtig, denn wenn diese Felder erschlossen und entwickelt werden, können sie das Land zum größten Produzenten in ganz Lateinamerika machen und Venezuela und Mexiko von der Spitze verdrängen. Brasilien könnte dann zu den zehn größten Produzenten der Welt gehören.

Auch für die staatliche Ölgesellschaft Petroleos Brasileiro – kurz Petrobras – sind die neuen Vorkommen von größter Bedeutung, denn sie besitzt große Anteile an diesen Feldern.

 

Neu entdeckte Öl- und Gasfelder wie dieses vor der Küste Brasiliens machen Südamerika zum geopolitischen Krisenherd.

 

Zu den größten neu entdeckten Feldern zählen drei im Santos Bassin vor der Küste Brasiliens, in denen Ölreserven von mehreren Milliarden Barrel vermutet werden, obwohl offizielle Schätzungen noch ausstehen. Laut geopolitischen Untersuchungsberichten sind die Vorkommen in Peru und Bolivien – ausschließlich Erdgaslager – größer als die 2008 entdeckten siebt-, acht- und neuntgrößten Ölfelder der Welt im Iran, in Australien und Ägypten. Mexiko, Venezuela, Ecuador und Kolumbien liefern seit Jahrzehnten Öl an die USA. Die amerikanischen Multis ExxonMobil und ConocoPhillips sowie andere große internationale Ölgesellschaften waren bis vor wenigen Jahren führend an großen Projekten in Venezuela beteiligt. Dann änderte die Regierung von Hugo Chávez die Vertragsbedingungen und übertrug mehr Kontrolle auf die staatliche venezolanische Ölgesellschaft PDVSA.

Zu ähnlichen Entwicklungen ist es in den vergangenen Jahren auch in Ecuador und Bolivien gekommen, was zu einem Rückgang der Investitionen der internationalen Ölgesellschaften geführt hat.

 

Die Energiesektoren von Argentinien und Bolivien (rechts im Bild Präsident Evo Morales) werden besser integriert.

 

Im Jahr 2007 gab die Regierung von Brasilien bekannt, dass Geologen in Tulpi die größten Ölvorkommen der Welt seit sieben Jahren entdeckt hatten. Neben Petrobras gehören Chevron, Shell, Exxon, Devon Energy und andere Energieriesen zu den internationalen Unternehmen, die in mehrere der dortigen Erschließungs-Blocks investiert haben. Man schätzt, dass Brasilien in etwa zehn Jahren seine Öl- und Gasproduktion verdoppeln könnte.

Die neuen Entdeckungen führen dazu, dass in Brasilien über erhöhte Lizenzgebühren für die Öl- und Gasproduktion nachgedacht wird. Eine Arbeitsgruppe der Regierung untersucht die Möglichkeit zur Änderung der brasilianischen Ölgesetze, die dem Staat mehr Kontrolle verschaffen soll. Die Betreiber in Brasilien stehen auch vor technischen Herausforderungen. Petrobras schätzt, dass die Entwicklung der Felder etwa 500 Milliarden Dollar kosten wird; die Produktion wäre ab einem Ölpreis von 50 Dollar pro Barrel wirtschaftlich. Der drastische Verfall des Ölpreises, der sich jetzt um die Marke von 40 Dollar bewegt, und die Unsicherheit über die neuen brasilianischen Ölgesetze könnte die Inbetriebnahme der Offshore-Felder verzögern. Klar ist lediglich, dass die geopolitische Bedeutung Südamerikas auf den Radarschirmen in Washington genau zu dem Zeitpunkt wächst, wo die anti-amerikanische Stimmung in der Gesamtregion von Venezuela über Brasilien bis nach Bolivien, Argentinien und Ecuador steigt. Für die Regierung Obama bedeutet dies eine erhebliche neue Herausforderung.

 

Mittwoch, 25.02.2009

Kategorie: Geostrategie, Wirtschaft & Finanzen, Politik

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