Osteuropa hängt am seidenen Faden
Kreditausfälle, Insolvenzen und schrumpfende Wirtschaftsleistungen: In Osteuropa droht ein Flächenbrand – und selbst Förderbanken sind in Schwierigkeiten. Als »Lösung« schlägt der Chef der Europäischen Bank für Wiederaufbau vor, ausgerechnet diese maroden Länder in die Euro-Währungsgemeinschaft aufzunehmen – welch ein Irrsinn!
Die Weltwirtschaftskrise nimmt für die osteuropäischen Länder immer bedrohlichere Formen an. Um eine Insolvenzwelle zu vermeiden, will die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, kurz EBRD, klammen Unternehmen nun unter die Arme greifen, d.h. sie mit zusätzlichen Krediten versorgen. So hat die EBRD Finanzierungspakete etwa für die Bank of Georgia, die ukrainische Raiffeisen-Bank Aval und die rumänische Banca Transilvania geschnürt und ist insgesamt an rund 100 Banken in Osteuropa beteiligt. Wurden 2004 noch Kredite in Höhe von 4,1 Milliarden Euro vergeben, werden es bis Ende 2009 rund acht Milliarden, also rund das Doppelte sein.
Es ist noch lange nicht vorbei
Die Wirtschaftskrise ist in Osteuropa noch lange nicht vorbei, darauf hat EBRD-Chef Thomas Mirow immer wieder hingewiesen, und in der jüngsten Wachstumsprognose kommt die Bank sogar zu dem Schluss, dass die Wirtschaft in diesen Ländern bis Ende des Jahres um durchschnittlich 6,3 Prozent schrumpfen wird.
Mirow sagte gegenüber dem Handelsblatt: »Osteuropa leidet weiter unter einer strukturellen Kreditverknappung, die die Realwirtschaft vor erhebliche Probleme stellt. Wenn es uns nicht gelingt, die Unternehmen ausreichend zu stabilisieren, ist der wirtschaftliche Aufschwung in Osteuropa gefährdet«.
Schon im Frühjahr hatte Mirow gewarnt: »Wenn sich die lokalen Banken nicht zu verträglichen Konditionen am Kapitalmarkt refinanzieren können, müssen Osteuropabank und andere internationale Finanzinstitutionen weiter mit Hilfspaketen einspringen.« Das aktuelle Programm sieht mit 25 Milliarden Euro für den Bankensektor die Stärkung von Bilanzstrukturen und die Förderung von Investitionsvorhaben vor. Dieses Milliardenprogramm könne aber nur »eine zeitliche befristete Finanzierungsbrücke sein«.
Und auch die Geschäftsbanken stellen sich langsam darauf ein, dass sie im einst »goldenen« Osten weniger verdienen werden. Andreas Treichl, Chef der österreichischen Erste Bank, warnte: »Die Krise ist noch lange nicht zu Ende«. Auch bei den vermeintlich stabileren Ländern wie Tschechien oder der Slowakei gebe es noch keine Gewissheit dafür, dass sich die Krise nicht doch wieder verschärfen würde.
Selbst Banken, die Osteuropa helfen wollen, geht das Geld aus
Auch die Wiener Erste Bank, die Nummer drei der Kreditgeber in Osteuropa, ist gezwungen, durch das Auflegen neuer Aktien eine Kapitalerhöhung durchzuführen, weil dem Geldinstitut immer mehr Forderungsausfälle und Kreditverluste große Schwierigkeiten bereiten.
Eine Katastrophe für die EU
Mirows Lösung für die drohenden Insolvenzen in ganz Osteuropa wäre in meinen Augen eine Katastrophe für die gesamte EU und würde einen Zusammenbruch noch beschleunigen. »Die EU-Kommission sollte klare Signale der Solidarität an die osteuropäischen Länder aussenden. Wünschenswert wäre beispielsweise, die Warteschleife zur Aufnahme in die Euro-Zone unter Einhaltung der Schuldenkriterien des Stabilitätspaktes von zwei auf ein Jahr zu verkürzen«, sagte Mirow dem Handelsblatt. Durch einen solchen Schritt könne Osteuropa insgesamt stabilisiert werden. Mirow spricht sich ebenfalls dafür aus, dass mit Tschechien, Ungarn und Polen »möglichst bald« eine klare inhaltliche und zeitliche Planung für den Beitritt zur Währungsgemeinschaft erarbeitet wird.
Zwar würde Osteuropa dadurch stabilisiert, die EU hingegen destabilisiert, weil immer mehr Länder mit maroden Wirtschaften und katastrophalen Verschuldungen aufgenommen würden, für deren Ausgleich die Staaten sorgen müssen, denen es (noch) nicht so schlecht geht.
Stellen Sie sich einmal vor, Sie wissen selbst nicht genau, wie Sie finanziell über die Runden kommen sollen, nehmen aber noch zwei weitere, hochverschuldete Personen in ihren Haushalt auf und ernähren sie in der Hoffnung, damit würde sich Ihre finanzielle Lage verbessern. Welch ein Irrsinn!
Freitag, 13.11.2009
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