Schock: Die »US Army« erwartet mittelfristig schwere Unruhen in den Vereinigten Staaten
Der amerikanische Bürgerkrieg (1861 bis 1865) gehört zu den wichtigsten Ereignissen der amerikanischen Geschichte. Er hat sich tief in das Bewusstsein der Amerikaner eingeprägt. Nie wieder – so die vorherrschende Auffassung der nachfolgenden Administrationen – soll es auf amerikanischem Boden unter Amerikanern einen Bürgerkrieg geben. Das »US Army War College« ist eine der renommiertesten Bildungseinrichtungen des Heeres und bildet Offiziere aus. In einer soeben veröffentlichten, aber weithin unbeachteten Studie spricht man von einem neuen Bürgerkrieg, von schweren inneren Unruhen, die die Vereinigten Staaten angeblich schon »mittelfristig« treffen werden.
Das US Army War College ist in Carlisle/Pennsylvania ansässig. Auf dem historischen Gelände der Carlisle Barracks, die ihre Geschichte bis 1770 zurückführen, lernen derzeit rund 600 Studenten künftige Führungsaufgaben in der Armee zu übernehmen. Sie sollen mit den erworbenen Fähigkeiten internationale Operationen leiten können, aber auch die sicherheitspolitische Entwicklung in der Heimat im Auge behalten.
Das Institut für strategische Studien (Strategic Institute) des US Army War College erstellt vor diesem Hintergrund regelmäßig Prognosen und Studien, die zukünftige Ereignisse abbilden sollen. Mithilfe solcher Erkenntnisse sollen sich die Militär-Studenten auf absehbare Entwicklungen vorbereiten. Im November 2008 hat nun der am Institut arbeitende Wissenschaftler Nathan Freier eine auf den ersten Blick langweilig klingende Studie des Instituts veröffentlicht. Sie trägt den Titel Known Unknowns: Unconventional Strategic Shocks in Defense Strategy Development und ist im Internet für jeden offen einsehbar. Die Studie hat es in sich. In ihr heißt es etwa: »Widespread civil violence inside the United States would force the defense establishment to reorient priorities in extremis to defend basic domestic order and human security.« Mit »widespread civil violence« sind dabei jene Straßenschlachten gemeint, die man jüngst etwa in Athen gesehen hat – bürgerkriesähnliche Unruhen. Und die soll es angeblich in absehbarer Zeit auch in den Vereinigten Staaten geben. Und zwar flächendeckend.
Nathan Freier prognostiziert in der Studie zunächst den Zusammenbruch eines über Nuklearwaffen verfügenden fremden Staates (etwa Pakistan), einen Bürgerkrieg in diesem fernen Staat, den Verlust der Kontrolle dieses Staates über einen Teil der Nuklearwaffen, den Einsatz dieser Waffen an unbekannten Orten in der Welt, daraufhin in den Vereinigten Staaten ausbrechende Unruhen und den völligen Kontrollverlust von Regierung und Sicherheitskräften über die dann entstehende Lage. Er behauptet, dass die unter Barack Obama antretende neue Regierung sich auf eine plötzlich entstehende Unruhelage in den Vereinigten Staaten vorbereiten müsse, die es erforderlich machen werde, schnell weite Teile der bei Auslandseinsätzen verwendeten amerikanischen Soldaten in die Heimat zurückzuholen und dort gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen – um die Lage überhaupt wieder unter Kontrolle zu bringen. Auf Seite 18 der Studie wird die neue Administration gewarnt, dass diese Entwicklung schon »kurz- bis mittelfristig« bevorstehen könne. Nathan Freier warnt die Leser zudem vor der Auffassung, es handele sich bei diesen Prognosen um »Fantastereien«. Auch die Bush-Regierung habe bei Amtsantritt nicht die geringste Vorstellung vom 11. September 2001 und den folgenden Ereignissen und Kriegen gehabt. Ebenso werde die neue US-Administration von dieser abzusehenden Entwicklung überrollt werden – mit schlimmen Folgen.
Erstaunlicherweise sprechen ranghohe amerikanische Politiker wie der Senator Jim DeMint aus South Carolina schon jetzt von bevorstehenden schweren inneren Unruhen in den Vereinigten Staaten. Und zwar vor dem drohenden Kollaps der amerikanischen Autoindustrie. Jim DeMint sagte am 10. Dezember 2008: »We’re going to have riots. There are already people rioting because they’re losing their jobs when everybody else is being bailed out.« Vielleicht wird Nathan Freier mit seiner Studie also schon viel eher Recht bekommen als erwartet.
Nun kann man diese Entwicklung sehen, wie man will. Man kann das alles glauben oder auch nicht. Aber man muss zur Kenntnis nehmen, dass auch auf der von Washington aus gesehen gegenüberliegenden Seite der Welt ähnliche Szenarien mit sich ausbreitenden schweren Unruhen schon mittelfristig für durchaus realistisch gehalten werden. So berichtet die renommierte Zeitung Asia Times gerade in einem langen Beitrag über künftige »failed states«. Und das heißt es etwa, dass Pakistan, die Islamische Republik Iran und auch die Türkei unweigerlich mittelfristig zu »failed states« und Unruhegebieten werden, weil sie nicht die geringsten Chancen hätten, ihre finanziellen und demografischen Probleme in den Griff zu bekommen. Ein »failed state« (gescheiterter Staat), das ist derzeit etwa Somalia, ein Hort von Piraterie, Terrorismus und diktatorisch-undemokratischer Herrschaft. Die Asia Times schreibt über Pakistan, den Iran und die Türkei: »The lights are going out across the Middle East; states are failing, and it is not in the power of the West to make them whole again.« Die Lichter werden dort also ausgehen – die Staaten werden scheitern. Die jüngsten Terroranschläge von Bombay waren demnach angeblich nur ein erster Vorgeschmack – ein Test – auf das, was von den Protagonisten der »failed states« derzeit vorbereitet wird.
Für Europäer mag es auf den ersten Blick ungewöhnlich wirken, dass auch die angeblich auf dem Weg in die EU gut voranschreitende Türkei in Wahrheit angeblich auf dem Weg zu einem »failed state« sein soll. Mann muss dazu wissen, dass die türkische Währung in den letzten Monaten schon um mehr als ein Drittel abgewertet wurde. Und die Zentralbank hält die Leitzinsen bei 20 Prozent, um eine große Kapitalflucht ins Ausland aufzuhalten. Aber die Türkei braucht immer wieder kurzfristig Kredite, um das Handelsbilanzdefizit auszugleichen und das Land halbwegs stabil zu halten. Die internationale Finanzkrise hat der Türkei nun den internationalen Finanzteppich unter den Füßen weggerissen. Sie hat nur noch geringe Chancen, jene Gelder, die sie zur Finanzierung des Haushaltsdefizits und der zunehmend unzufriedenen Massen benötigt, irgendwo aufzunehmen. Die Finanzkrise der Türkei hat nach Angaben von Deutschlandradio auch eher ungeahnte Folgen: die Türken werden depressiv und haben keinen Sex mehr. Der Internationale Währungsfonds (IWF) will der Türkei nun kurzfristig mit einer finanziellen Milliardenspritze helfen – mittel- bis langfristig aber sind die Perspektiven düster: 22 Prozent Einbruch bei den türkischen Exporten. Streiks der Gewerkschaften. Belegschaften, die von sich aus Gehaltskürzungen vorschlagen, um die Jobs ihrer Freunde und Kollegen zu retten. Das ist sicherlich dennoch kein Beleg für den kompletten Niedergang der Türkei – immerhin hat die Türkei im Jahre 2001 eine ähnlich schwere Finanzkrise überwunden. Allerdings schwebte damals wie heute das Damoklesschwert eines Militärputsches über dem Land. Im US Army War College wird man das alles aber dennoch aufmerksam zur Kenntnis nehmen.
Dienstag, 16.12.2008
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