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Schweinegrippentheater, Gas und Kredite – Protokoll einer Aufführung

Niki Voigt

Verlassene Straßen in Kiew, leere Regale in den Apotheken und Drogeriemärkten, geschlossene Schulen und ein Schrei des ukrainischen Präsidenten um Hilfe gegen die Schweinegrippe in Richtung NATO. 200.000 Erkrankte und 64 Tote in der Ukraine verkünden die Boulevardzeitungen in allen Ländern in dicken Buchstaben auf Seite eins.

In einem dramatischen Appell wandte sich Präsident Viktor Juschtschenko vor einigen Tagen an das Ausland und rief nach Beistand. Die Ukraine brauche jede mögliche Hilfe. Das Schweinegrippenvirus stelle eine massive Gefahr für die nationale Sicherheit dar. Allein werde das Land nicht mehr fertig mit der tödlichen Seuche, die die Ukraine überrolle. Schulen, Kindergärten und Universitäten seien schon geschlossen. Das Fernsehen in Deutschland zeigte Menschen, die verängstigt mit Atemschutzmasken herumlaufen. Europa hält den Atem an. Ist es jetzt doch so weit? Haben wir uns alle getäuscht? Kommt jetzt doch der Killervirus?

Regierungschefin Julia Timoschenko hatte allerdings ungerührt noch ein paar Tage vorher große Parteikundgebungen veranstaltet – trotz »Pestilenz«gefahr.

Mittlerweile ist die ukrainische Bevölkerung im Panikmodus. Der Volkszorn wächst, denn in den Apotheken gibt es nur noch unbrauchbares Zeug. Das Gesundheitsministerium sattelt noch einen drauf: Das Schweinegrippenvirus sei möglicherweise mutiert, der Killervirus, vor dem die WHO und die Pharmaindustrie schon lange gewarnt haben, sei nun über die Ukraine gekommen. Die Krankenhäuser der Regionen Ternopil und Lwow sind mit Hilfesuchenden, Kranken und panischen Menschen überfüllt. Das Militär soll gerufen werden, um mit Feldlazaretten der Not Herr zu werden. Man zieht sogar eine Landesquarantäne in Betracht.

In einem Telegramm an die polnische Nachrichtenagentur PAP verlautbarte der Gesundheitsminister Vasyl Kniazewycz, dass das mutierte Schweinegrippenvirus elf bis 37 Todesopfer gefordert habe. Der Minister riet Ausländern dringend, die Ukraine nicht zu besuchen. Die Ministerpräsidentin Timoschenko verhängte in neun Regionen des Landes die Quarantäne. Im ganzen Land wurden Kinos, Diskotheken, Theater, Schulen und Kindergärten geschlossen. Familien schlossen sich zu Hause ein. Not drohte, denn entweder fallen die Menschen der Schweinepest – äh – dem Virus zum Opfer oder sie verhungern, denn Geld bei Nichterscheinen am Arbeitsplatz gibt es nicht. Und trotz eisiger Kälte flohen ganze Familien zu Verwandten aufs Land, um dem Schweinegrippenvirus mit knapper Not zu entkommen.

Der Westen lässt sich nicht lange bitten, Juschtschenko ist ihr Mann, und so landete kurz darauf eine Sondermaschine in Kiew und brachte – man lässt sich ja nicht lumpen – 16 Tonnen Tamiflu ins bedrängte Land. Der Schwarzmarktpreis für eine Packung Tamiflu liegt in der Ukraine über einem monatlichen Durchschnittsgehalt. In den Apotheken ist es, wenn überhaupt, nur unter dem Ladentisch zu bekommen. Das ist zwar verboten, und der Geheimdienst geht angeblich dagegen vor, aber es nützt nichts. Panik und die Gier sind stärker.

Frau Ministerpräsidentin empfing die Sondermaschine aus der Schweiz und die Hilfsgüter. Sie versicherte nun überraschenderweise, dass es gar keine Schweinegrippen-Seuche in der Ukraine gebe. Tatsächlich gebe es nur einen offiziell gesicherten A/H1N1-Todesfall. Die anderen Ukrainer seien allerdings an einem sehr aggressiven Grippevirus gestorben. Die 191.000 Erkrankten leiden an verschiedenen Erkältungskrankheiten. Es gebe aber nur 22 Schweinegrippe-Infizierte.

Man habe eine sehr schwerwiegende Grippewelle, aber keine Schweinegrippe-Epidemie.

Für die epidemologische Warnstufe in Europa ist es ein himmelweiter Unterschied, ob es sich um Schweinegrippentote handelt oder um »normale Grippetote«. Für den einzelnen Betroffenen sicher nicht. Eine normale Grippewelle hätte nicht diesen Medien-Tsunami ausgelöst.

Nun, hier haben sich ein paar Interessen ideal ergänzt. In der Ukraine ist gerade Wahlkampf, und Herr Juschtschenko in der Rolle des Retters der Nation stemmt sich medien- und wahlwirksam gegen die Bedrohung von Leib und Leben der Bevölkerung. Da muss dann auch ein Appell an die NATO her.

Und zufällig hat die ukrainische Regierung in diesem Moment mal wieder horrende Gasschulden bei Russland, und Putin hatte bereits mehrfach angekündigt, dass, wenn nicht bald mal bezahlt würde, Russland den Gashahn wieder einmal zudrehen könnte. (Wir erinnern uns an das Theater um die Gaslieferungen im letzten Winter). Sollte der finstere Putin tatsächlich so grausam sein können, ausgerechnet jetzt den armen grippenverseuchten Ukrainern auch noch die Heizung im bitterkalten Winter abzudrehen? Die Welt würde aufschreien, und Putin stünde wieder einmal als eiskalter Buhmann da.

Jetzt können EU und NATO die Gelegenheit nutzen und weltweit beweisen, wer hier die Guten sind.

Dummerweise hat die EU zurzeit auch ein kleines Problem: Die Regierungen haben für Zig-Milliarden Impfdosen bei den Pharmariesen gegen Schweinegrippe eingekauft. Das Zeug muss an den Mann gebracht werden. Leider ist durchgesickert, dass das Serum fürs einfache Volk nicht gerade bekömmlich ist und überdies kaum ausgetestet. Die Menschen wollen sich damit nicht impfen lassen. Auch die Ausrufung der höchsten Pandemiestufe durch die WHO hat das verstockte Volk nicht besonders beeindruckt. Der Schweinegrippenvirus macht bis jetzt nicht so richtig was her. Etwa 90 Prozent wollten sich nicht impfen lassen, auch wenn die Zahl derjenigen, die nun doch zur Impfung rennen, zunimmt. Der Grippe-Hilferuf der Ukraine kommt hier wie gerufen und als Steilvorlage für Panikmache in Westeuropa. Grippeepidemie in der Ukraine, 200.000 Erkrankte und 64 Tote – und ratzfatz ist eine Schweinegrippenepidemie ausgerufen. Damit ist den leidigen Warnern und Bedenkenträgern doch endlich mal das Wort entzogen worden!

Die Richtigstellung der Frau Ministerpräsidentin wurde daher nur sehr verhalten, wenn überhaupt in den Medien berichtet. Eigentlich wurde das Thema eher sang- und klanglos beerdigt. Wird ja schon keiner nachfragen. Bekanntlich ist ja nichts älter als die Zeitung von gestern.

Aber auch die Ukraine hat sich verkalkuliert. Einen weiteren Kredit an die Ukraine für ihren Gaskonsum wird es wahrscheinlich nicht geben. Die Liste der Länder am Rande des Staatsbankrotts ist lang, die Kassen sind leer und letztendlich würde der Gaskredit an die Ukraine ja doch gleich weitergereicht an Russland.

Nachdem die Schweinegrippenkarte hüben wie drüben nun nicht gezogen hat, wird es sicher interessant sein zu beobachten, wie der Wahlkampf in der Ukraine weitergeht und womit Juschtschenko die Gasrechnung bezahlen will, falls er es nicht doch noch schafft, der EU irgendwelche Rettungsgelder abzunötigen.

Und ein neuer Panik-Popanz in unseren Medien, um doch noch die Giftspritzen ans Volk zu verkaufen, wird nicht lange auf sich warten lassen. Viel Zeit ist ja nicht mehr. Der Winter hat schon fast angefangen, und was in den nächsten Wochen nicht verspritzt werden kann, wird wie Blei in den Lagern liegen.

Erst ab Spätsommer nächsten Jahres kann man dann die nächste Version auflegen. Nach der Vogelgrippenpanik und der Schweinegrippenhysterie kommt dann vielleicht die Katzengrippe oder Insektengrippe. Falls das keinen hinterm Ofen mehr hervorlockt, könnte man auch mit der nächsten Stufe beginnen und das Affix »-pest« aus dem Gruselkeller holen.

Das Schlimme ist nur, dass dem, der dreimal falsch ruft »Der Wolf kommt!« beim vierten Mal keiner mehr glaubt. Selbst dann, wenn der Wolf kommt. Leider haben die großen Pharmariesen theoretisch durchaus die technische Ausstattung, tatsächlich einen Wolf zu erschaffen.

 

Freitag, 13.11.2009

Kategorie: Allgemeines, Gastbeiträge, Enthüllungen, Wirtschaft & Finanzen, So lügen Journalisten, Politik

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