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Steckt China hinter dem jüngsten Anstieg des Dollars?

F. William Engdahl

In den letzten Tagen, als die Olympischen Spiele noch im Gange waren, stieg der Dollar plötzlich und unerklärlicherweise gegenüber dem Euro und anderen Währungen an. Die Grundlagen der US-Wirtschaft, der verheerende Zustand des US-Finanzsystems und die Aussicht auf Haushaltsdefizite, die wegen der Rettung großer Banken außer Kontrolle geraten waren, ließen doch eigentlich einen dramatischen Absturz des Dollars erwarten. Doch das passierte nicht. Berichte gut informierter Quellen aus London und von anderen Devisenmärkten deuten auf eine einfache Lösung hin. Mit einem Wort: China.

Die Chinesische Zentralbank, die Central Bank of China, hält mit Abstand die größten US-Dollarreserven der Welt. Die genaue Höhe der Devisenreserven Chinas ist ein offizielles Staatsgeheimnis, aber fundierte Schätzungen belaufen sich auf erstaunliche 1,7 Billionen Dollar. Da die USA der größte Handelspartner Chinas sind, gehen informierte Schätzungen davon aus, dass wahrscheinlich 60 Prozent dieser Devisenreserven in Dollar gehalten werden. Das wären etwa eine Billion Dollar in US-Anlagewerten. Wie die meisten Zentralbanken der Welt, so investiert auch die Bank of China die Dollars aus dem Handelsüberschuss mit den USA, die sie von chinesischen Firmen erhält, in sichere US-Anlagen – zumeist amerikanische Schatzanleihen und -anweisungen –, die Zinsen einbringen und als vollkommen sichere Anlagen gelten.

 

China ist durch die US-Hypothekenschulden gefährdet

Doch die chinesischen Banken und die Bank of China haben angeblich auch größere Mengen der Anleihen und Schuldverschreibungen der halbstaatlichen Hypothekenriesen Freddie Mac und Fannie Mae. Im Juli musste US-Finanzminister Henry Paulson den Kongress um eine Sondervollmacht bitten, um die beiden größten Hypothekenfinanzierer des Landes vor dem Konkurs zu retten. Von beiden Finanzinstituten wird stets behauptet, sie seien so groß, dass ihr Bankrott eine kettenreaktionsartige Bankenkrise auslösen würde. Der Kongress stimmte damals zu und Paulson hat die Sondervollmacht erhalten, muss sie aber noch ausüben. Sein Ministerium behauptet, allein die Tatsache, dass die Regierung durch diesen Schritt die Verantwortung für Freddie Mac und Fannie Mae übernommen habe, sollte ausreichen, das Vertrauen in die beiden Finanzriesen wiederherzustellen. Das ist aber nicht passiert. Wie ich in einem früheren Artikel bereits beschrieben habe, ist genau das Gegenteil geschehen.

 

Die Bank von China hält die größten Dollarreserven der Welt und hat heimlich weitere Dollars aufgekauft.

 

Jetzt zeigen sich Kreise im Umfeld der Bank of China höchst besorgt über den Zustand von Fannie Mae und Freddie Mac. Und das aus gutem Grund. Chinas langfristige US-Schulden in Höhe von 376 Milliarden Dollar sind hauptsächlich in Papieren von Fannie und Freddie angelegt, so jedenfalls die Angaben von James McCormack, dem Chef der Asien-Rating-Abteilung bei Fitch Ratings Ltd. in Hong Kong. Die chinesische Regierung hält davon laut McCormack wahrscheinlich den Löwenanteil. Auch die Industrial & Commercial Bank of China meldete gestern US-Anlagen in Höhe von 2,7 Milliarden Dollar. Die Bank of China Ltd. hält vielleicht 20 Milliarden Dollar, nach Einschätzung von CLSA Ltd., der in Hong Kong ansässigen Investment-Tochter der französischen Credit Agricole SA. CLSA beziffert die Anleihen der sechs größten chinesischen Banken auf 30 Milliarden Dollar. Das alles zusammen ergäbe über 400 Milliarden Dollar, eine stattliche Summe.

Vor diesem Hintergrund müssen wir eine Regeländerung analysieren, die die Bank of China den chinesischen Banken jüngst auferlegt hat. Die neue Regelung zeigt nach Angaben einer soeben veröffentlichten Studie der britischen HSBC-Bank, dass Chinas Zentralbank de facto Geschäftsbanken zwingt, große Dollarreserven aufzubauen, um diese dann als unabhängige Bevollmächtigte in einer erneuten Runde von Devisenkurs-Interventionen einsetzen zu können. Mit dieser Maßnahme reagiert Peking auf den Druck, den US-Finanzminister Paulson wiederholt auf China ausgeübt hat, den relativ billigen Renminbi aufzuwerten, der seit der asiatischen Währungskrise im Jahre 1998 gegenüber dem Dollar stabil gehalten wird. Seit über zwei Jahren hat Peking mit den USA Katz-und-Maus gespielt und dem Renminbi erlaubt, gegenüber dem Dollar zu steigen, und sei es noch so geringfügig.

Das jetzige Problem besteht darin, dass Chinas größter Exportmarkt, die USA, in eine tiefe Rezession abgleitet, die sich zu einer Depression auswachsen wird; und diese Entwicklung beeinträchtigt natürlich die Verkäufe chinesischer Waren in den USA. Da die Kosten für Öl Rekordstände erreicht haben, würde sich ein wirtschaftlicher Abschwung für China zu einem politischen und ökonomischen Desaster auswachsen.

Deshalb wird der Renminbi zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit nicht offen abgewertet; vielmehr dienen die neuen Regeländerungen für Geschäftsbanken als Deckmantel für eine Währungskursintervention. Dabei bedient Peking sich der Taktik, unsichtbar in die Währungsmärkte zu intervenieren, Dollars zu horten und andere indirekte Mittel anzuwenden, um den Yuan bzw. Renminbi niedrig zu halten und gleichzeitig den mit großen Schwierigkeiten kämpfenden chinesischen Exporteuren zu Hilfe zu kommen, während der weltweite Abschwung auch Chinas Wirtschaft erfasst.

 

US-Finanzminister Paulson hat vergeblich versucht, China zur Aufwertung seiner Währung zu bewegen.

 

Im gesamten Monat Juni hat die Bank of China US-Schatzanleihen netto verkauft und damit zur Schwäche des Dollars beigetragen. Das hat sich nun geändert. Unklar ist, für wie lange. Nach Ansicht von  Rolf Nef, einem gewöhnlich gut unterrichteten Schweizer Manager des in Zürich ansässigen Tell Gold and Silver Fund, waren die chinesischen Verkäufe der Hauptfaktor hinter dem außerordentlich starken Rückgang des Silberpreises in der letzten Woche. Man nimmt an, dass Chinas Zentralbank über große Silberreserven verfügt. Fallende Preise für Edelmetalle und ein steigender Dollar würde das chinesische Finanzsystem kurzfristig etwas entlasten. Längerfristig sehen sich China, die EU und andere Länder damit konfrontiert, dass sich New York von seinem Status als weltweites Finanzzentrum verabschiedet. So etwas kommt einmal in einem Jahrhundert vor und entspricht dem Verlust der Führungsrolle der City of London in der Zeit zwischen 1939 und 1945. Was allerdings den Dollar als Welt-Leitwährung ersetzen wird, ist noch überhaupt nicht klar.

 

Freitag, 29.08.2008

Kategorie: Geostrategie, Wirtschaft & Finanzen, Politik

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