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Titanische Verschiebung der Machtverhältnisse auf den globalen Finanzmärkten

F. William Engdahl

Die schlimmste Finanzkrise in der Geschichte der USA wird erst jetzt in ihren wahren Ausmaßen erkennbar. Sie läutet das Ende New Yorks als global herrschende Finanzmacht, das Herz der Macht des Amerikanischen Jahrhunderts, ein. Es handelt sich um eine Verschiebung, deren eigentliche Bedeutung noch nicht richtig erkannt wurde. Aber das wird sich bald ändern.

Wir stehen inmitten der politisch bedeutendsten Verschiebung der globalen Kapitalflüsse seit 1919, als New York nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges die City von London als das dominante globale Kapitalzentrum ablöste. Die Bedeutung dieser Machtverschiebung, die durch die ständige Krise der Banken, Finanzinstitute und Versicherungsgesellschaften der USA als Folge der gescheiterten »Securitization revolution« (Verbriefungsrevolution) dramatisch beschleunigt wird, besteht darin, dass sie de facto das Ende der Vorherrschaft der USA in der Weltpolitik ankündigt.

In der Ausgabe der Financial Times vom 15. Januar schreibt der Finanzjournalist GillianTett: »Die USA scheinen aufgrund eines schnellen Anstiegs der Tiefe und des Verfalls der Märkte in Europa ihre Bedeutung als der beherrschende globale Finanzmarkt zu verlieren, wie eine Studie ergeben hat.«

Tett fährt fort: »Der Wandel ist vielleicht schon eingetreten, nicht zuletzt weil die US-Märkte mit Kreditschwierigkeiten zu kämpfen haben, wie durch eine Untersuchung des McKinsey Global Institutes festgestellt wurde.« ›Wir gehen davon aus, dass die unterschiedlichen Wachstumsraten so signifikant sind, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass Europa die USA überholt hat‹, sagte Diana Farrell, Autorin des Berichts. ›Sie liegen jetzt Kopf an Kopf, und das bedeutet, dass die Wechselkurse sehr wichtig sind. Es ist ein wirklicher Umschwung.‹«

Die Einschätzung von McKinsey unterschätzt eigentlich noch die Intensität der globalen Verschiebung, die gerade im Gang ist, weil die Pleite von Enron und die amerikanischen Gesetze zur Offenlegung von Firmenunterlagen, besonders der »Sarbanes-Oxley Act«, den Standort New York für größere internationale Firmen zur Kapitalaufnahme durch Börsennotierungen unattraktiv gemacht hat. Als die Krise von Juli und August 2007 auf den amerikanischen Märkten für die Verbriefung von Sub-Prime-Kreditforderungen offenbarte, dass größere Finanzinstitute in Großbritannien ebenfalls durch die Probleme der USA betroffen wurden, lief London New York zum ersten Mal seit dem Ersten Weltkrieg den Rang als Börsenplatz ab. London war, was das Volumen betrifft, jahrelang das weltweit bedeutendste Zentrum für Devisenhandel, weit vor Frankfurt, Tokio und New York.

 

Götterdämmerung der amerikanischen Finanzmacht

Die Krise in den USA entwickelt sich mit einer solchen Geschwindigkeit und Intensität, dass ein panischer Präsident Bush gezwungen war, einen Haushalt von 140 Milliarden Dollar zum Ankurbeln der Konjunktur vorzulegen, sowie Steuersenkungen vorzunehmen, um zu verhindern, dass es bis zu den Wahlen im November zu einer Rezession oder schlimmerem kommen könnte.

Traditionell verliert immer die Partei, die während einer wirtschaftlichen Rezession gerade an der Macht ist. Die Pläne von Bush, die unzureichend sind und zu spät kommen, wie z.B. der Vorschlag seines Finanzministers Henry Paulson, des ehemaligen Bankers bei Gold Sachs, die Neufestsetzung der Regulierung für Milliarden von Dollar der Sub-Prime- und ähnlicher Haushypotheken für »fünf Monate« zu verschieben – das ist gerade Zeit genug, um sich an den Wahlen vom November vorbei zu mogeln, aber nicht mehr – ist ein Zeichen für den zunehmenden Pessimismus, der im Weißen Haus und an der Wall Street herrscht.

 

 

 

 

 

 

Bankenkrise 1931 in Deutschland. Wird die des Jahres 2008 anders verlaufen?

 

Die Probleme mit der sinkenden globalen Bedeutung des Dollars und der globalen Macht der US-Banken auf den führenden Kapitelmärkten sind katastrophal. In den letzten Wochen mussten einige der größten amerikanischen Banken praktisch mit dem Hut in der Hand bei verschiedenen Sovereign Wealth Funds im Mittleren Osten und in Asien betteln gehen, damit diese Kapital beisteuern würden, um die Banken vor dem Bankrott zu retten. Das letzte Mal war die Citigroup 1989 in solch einer Klemme. Damals war sie praktisch zahlungsunfähig und musste von einem sagenhaft reichen saudischen Investor, Prinz Walid bin Talal, gerettet werden. Der Prinz hat angekündigt, dass er noch mehr gutes Geld in die schlechte Citigroup stecken würde. Aber das könnte jetzt zu spät kommen.

 

Verbriefungsversicherung – die nächste Krise

Die nächste Welle der sich verschlimmernden amerikanischen Asset-Securitization-Krise begann am 18. Januar, als die Firma Fitch Ratings ankündigte, dass es der zweitgrößten Versicherungsgesellschaft, der Ambac Financial Group Inc., dem zweitgrößten amerikanischen Aktienvesicherer, die AAA-Bewertung wieder aberkennen würde. Ohne die AAA-Bewertung ist Ambac nicht in der Lage, die hochbewertete Anleihenversicherung zu verkaufen, die 74 Prozent ihres Einkommens ausmacht. Diese Abwertung lässt Zweifel an den Bewertungen von 556 Milliarden Dollar für die von der Ambac verbürgten Gemeinde- und strukturierten Finanzschulden aufkommen. Der Marktanalyst Matt Fabian von der Firma Municipal Market Advisor bemerkte dazu: »Damit wird Ambac ins Abseits gedrängt. Der Markt hat kein Mitleid mit Versicherern, denen die Bewertung aberkannt wurde.«

Die Abwertung von Ambac ist erst der Anfang der nächsten Welle der Abwicklung in der US-Finanz.

Bei den Bewertungen werden potentielle Verluste aus durch Hypotheken unterlegte Wertpapiere berücksichtigt, einschließlich besicherte Schuldtitel, sagte Moody’s. Und Moody’s sollte es wissen. Ihre Bewertungen waren erst die Ursache für den ganzen Sub-Prime-Betrug, wie wir später noch detailliert darlegen werden.

Hinter der ganzen Sache der letzten Jahre, in denen die Banken und Finanzgiganten der Wall Street buchstäblich Hunderte von Milliarden an Gebühren und Handelsprofiten einheimsten, stand die Fähigkeit, niedrige Haushypothekenkredite, die sogenannten Sub-Prime- und Alt-A-Kredite, zu »verbriefen« und die von Moody's, Fitch und Standard & Poors als AAA bewerten zu lassen. Die AAA-Bewertung war wichtig, damit Pensionsfonds die verbrieften Obligationen kaufen konnten, die von Firmen wie Merrill Lynch, Morgan Stanley, Goldman Sachs und den andere großen Finanzplayern der Wall Street und der City von London ausgegeben wurden.

Die Antwort darauf, wie Moody’s und andere solche zweifelhaften Hypotheken mit AAA bewerten konnten, liegt in der Versicherungsgarantie, die im Falle eines Hypothekenverzugs durch die neue Gruppe spezialisierter Finanzversicherer an der Wall Street erteilt wird. Daher der Name »Monoline« – sie alle hatten nur eine Versicherungssparte. Da die Zahl der Nichtzahlungen bei Sub-Prime- und Alt-A-Hypotheken in den USA jede Woche steil in die Höhe geht, ist die Fähigkeit der Monoline-Vesicherer, wie z.B. Ambac und MBIA, ihren Versicherungsforderungen nachzukommen, in Frage gestellt.

Bei der MBIA Inc. und der Ambac Financial Group Inc., den beiden größten Wertpapierversicherern, besteht ein mehr als 70-prozentiges Risiko, bankrott zu gehen, wie die Kreditverzugs-Swaps zeigen. Die Preise für Verträge, nach denen Investoren bezahlten werden, falls die MBIA ihren Verpflichtungen nicht nachkommen kann, implizieren nach dem Bewertungsmodell der J.P. Morgan Chase & Co. eine 71-prozentige Chance, dass das Unternehmen in den nächsten fünf Jahren seinen finanziellen Verpflichtungen nicht nachkommen können wird. Bei Ambac liegen die Risiken bei 72 Prozent.

Wertpapiere im Wert von mindestens 2,4 Billionen Dollar, das sind 2400 Milliarden Dollar (1,64 Billionen Euro) stehen auf dem Spiel bei den Monoline-Abwertungen der Finanzversicherungen. Es handelt sich um die erste Phase der schwersten Finanzkrise, die die Vereinigten Staaten in ihrer Geschichte jemals erlebt haben, und die selbst die Krise von 1929 in den Schatten stellt. Es ist jetzt unvermeidlich, dass die US-Regierung bald gezwungen sein wird, ins »Finanzgarantie«geschäft einzusteigen und die Verbindlichkeiten der »Monolines« und der von Hypotheken gestützten Wertpapierversicherungen zu übernehmen. 

 

Katastrophal fehlerhafte Modelle und Greenspan

Die katastrophal fehlerhaften Modelle, die hinter so vielen Strategien stecken, die die »zeitgenössische Finanzwelt« bestimmen, sind vollkommen zusammengebrochen. Die Strategien von Tausenden von Finanzinstituten – großen und kleinen – haben sich als undurchführbar erwiesen.

Die Risikovermittlung der Wall Street, die »Verbriefungsrevolution«, ist mehr oder weniger zusammengebrochen, und die Risikomärkte sind im wesentlichen festgefahren. Die größeren Risikooperator bemühen sich intensiv, möglichst wenig Risiken einzugehen.

Hunderte von amerikanischen Finanzjongleuren – von den Hedge Fonds bis zu den großen Banken – mit komplexen Büchern mit Derivativen haben jetzt ein sehr ernstes Problem. Ihre »Hedgebücher« enthalten vorgeblich verrechenbare Risiken, die ein angemessenes Risikoprofil für ihr Portefeuille schaffen sollten. Der Zusammenbruch der Wall Street hat diese mit hohem Kredit finanzierten »Bücher« in einen weitgehend unkontrollierbaren »Giftmüll« und finanzielle Landminen verwandelt. Der Kern der Verbriefungen bestand darin, das finanzielle Risiko weniger und weniger transparent zu machen. In guten Zeiten haben sich wenige darüber den Kopf zerbrochen. Jetzt hat jeder Probleme. Aus Angst vor unbekannten Risiken trauen sich die Banken nicht, mit anderen Banken zu handeln.

 

Neue Zentren tauchen auf

Was wird wohl aus der Asche der US-Securitization-Krise entstehen? Dank der Inkompetenz der gegenwärtigen Bush-Cheney-Regierung, die versucht, die Realität zu verleugnen, indem sie auf eine brutale Machtpolitik setzt, ist es wahrscheinlich, dass in der Zukunft mehrere globale Finanzzentren entstehen, anstatt nur ein einziges Zentrum, so wie wir es nach den Napoleonischen Kriegen mit der City von London und nach 1919 mit der Wall Street erlebt haben.

Ein Zentrum wird sich um die wachsenden Euro-Kapitalmärkte entwickeln. Hier hat die Entscheidung der Engländer, Großbritannien aus der Eurozone herauszuhalten, sowie die Pfundkrise von 1992 der City von London einen klaren Nachteil gebracht, obwohl riesige Mengen von Pfandbriefen und Aktien in Euro durch Londoner Banken gehandelt werden. Das Problem mit dem Zentrum der Eurozone ist, dass es geopolitisch nicht geeignet ist, die Supermacht USA zu ersetzen. Es benötigt dringend Rohstoffe, und dafür sind Russland, der Mittlere Osten und Afrika wichtig. China wird wichtig in Bezug auf Verkaufsniederlassungen, um den US-Markt zu ersetzen. Die führenden Politiker der Eurozone haben ihre neue geopolitische Realität erst unzureichend wahrgenommen. Aber das wird sich bald ändern.

Das zweite Zentrum, das entstehen wird, wird auf den immensen Kapitalakkumulationen der Länder basieren, die, speziell seit 2001, über Dollarüberschüsse verfügen, sowie auf den Ölpreisen, die sich gegenwärtig auf einer Rekordhöhe befinden. Dazu gehören die sogenannten Sovereign Wealth Funds, die staatlichen Investment-Fonds, ähnlich dem norwegischen Petroleum-Fond, mit ihren Milliarden Dollar (und zunehmend auch Euros) Kapital, das nur darauf wartet, auf der ganzen Welt investiert zu werden. Der größte ist bisher der der Emirate, einschließlich Dubai. Angeblich sollen sie über ein Vermögen von mehr als 800 Milliarden Dollar verfügen. Saudi-Arabien plant, einen ähnlichen Wealth-Fond einzurichten. China kündigte letzten Sommer seinen SWF von 200 Milliarden Dollar an, und Russland, das jetzt über Dollarreserven von mehr als 400 Milliarden Dollar verfügt, ist eine weitere große Kapitalquelle.

Der rasante Kurssturz an den globalen Aktienmärkten am Montag, dem 21. Januar, ist ein kleiner Hinweis darauf, was noch kommen wird. Der Verursacher ist die von den USA geschaffene Kreatur der sogenannten »finanziellen Verbriefung«. Sie wurde in Billionen von Dollar bewertet und durch eine Koalition von Interessen genährt und gestützt, zu denen Alan Greespans Federal Reserve gehört, sowie das US-Finanzministerium, die Bewertungsagenturen, die Monoline-Versicherer der Wall Street, die Hedge-Fonds und die Banken, die dahinter stehen. In weiteren Meldungen auf dieser Seite werde ich mich weiterhin ausführlich mit dem finanziellen Tsunami beschäftigen (siehe Teil I und bald auch Teil II), mit dessen Geschichte und mit dem Umfang von dem, was für viele als die größte Finanzkrise – mindestens seit 1929 bis 1931 – angesehen wird,  meiner Meinung nach jedoch die größte Krise aller Zeiten ist.

Mittwoch, 23.01.2008

Kategorie: Allgemeines, Geostrategie, Wirtschaft & Finanzen

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