Tötete Shiva die Dinosaurier?
Vor 65 Millionen geschah etwas Unvorstellbares. An der Grenze zwischen Kreidezeit und Tertiär endete urplötzlich die Ära der Riesenechsen. Doch warum? Bestimmt nicht, weil die Saurier immer trauriger wurden! Neben vielen Thesen und Theorien kam immer wieder auch ein Asteroiden- oder Kometeneinschlag zur Diskussion. Was folgte, war natürlich die Suche nach dem »Dino-Killer« – jetzt gibt es dafür einen neuen Kandidaten: Shiva!
Dank der Filmindustrie, aber dank auch der spektakulären paläontologischen Funde, können wir uns die Dimensionen der Dinosaurier selbst heute noch recht plastisch vorstellen. Weniger vorstellbar ist, was diese Giganten dann eigentlich vom Antlitz der Erde hinweggerafft hat, und zwar ganz offenbar recht zügig. Heute gilt allerdings als recht wahrscheinlich, dass ein riesiger Treffer aus dem All für das Massensterben verantwortlich war. Eine texanische Geologengruppe glaubt nun auch den wahren Ort der einstigen Weltkatastrophe ausfindig gemacht zu haben. Die Forscher konzentrieren sich jetzt auf einen kreisrunden Krater, der großteils im kontinentalen Schelf Indiens versunken ist und als Shiva-Basin bezeichnet wird.
Immerhin herrschten die Urweltmonster beinahe 170 Millionen Jahre über weite Kontinente. Doch am Übergang von der Kreidezeit zum Tertiär war buchstäblich urplötzlich Schluss damit. Die Fachleute kamen zu den unterschiedlichsten Überzeugungen – man könnte auch sagen: Schluss-Folgerungen – zum Ende der Dinos. Zuerst waren das noch sehr irdische Ideen.
Nachdem die ersten Prototypen der Großechsen vor zirka 230 Millionen Jahren aufgetaucht und im Laufe der nicht ganz knappen Zeit zur »Serienreife« gelangt waren, schossen sie dann mehr und mehr übers Ziel hinaus und entwickelten körperliche Anomalien, die nur noch hinderlich zu sein schienen: seltsame Knochenkämme, beinerne Aufstülpungen der Schädel, Wülste und alle möglichen und unmöglichen Schnörkel. Manche Experten sahen darin bedrohliche Zeichen für ein »stammesgeschichtliches Vergreisen« – demnach war die Uhr der Monster ganz einfach evolutionsbedingt abgelaufen, sie mussten den »Kompaktmodellen« weichen. Vielleicht wurden sie ohnehin mit ihrem über alles hinausgehenden Riesenwuchs nicht mehr richtig fertig. Manche Dinos hätten zur Steuerung ihres Körpers größere Gehirne benötigt, es mangelte ihnen an Flinkheit und Koordinationsfähigkeit. Hypophysenstörungen, eine Unterfunktion der Schilddrüse und allgemeine Hormonprobleme, vielleicht sogar mit Einbuße der Fruchtbarkeit, wurden als mögliche Ursachen für das Große Sterben diskutiert, schließlich dann aber auch Veränderungen in Flora und Fauna durch geologische und klimatische Umbrüche. Auslöser mochten hierfür riesige Vulkanausbrüche oder aber auch Asteroidentreffer sein – oder aber beides.
Derlei katastrophale, revolutionäre Umwälzungen, die im Anschluss zu Massensterben führten, wurden lange Zeit von Wissenschaftlern als unseriöse Schreckensszenarien betrachtet. Noch Anfang der 1990er-Jahre war es gar nicht einfach, diese Themen weithin zu diskutieren oder selbst in populären Sachbüchern anzusprechen – so auch in meinem Buch Gefahr aus dem All von 1992. Doch über die Jahre änderte sich die Situation merklich, und immer mehr Fachleute öffneten sich genau dieser Möglichkeit der weitreichenden »Faunenschnitte« durch kosmische Katastrophen. Schließlich fanden Geologen sogar Hinweise für den großen Dino-Killer, einen Asteroiden oder Kometen, der unsere Erde vor rund 65 Millionen Jahren mit brutalster Gewalt traf, der unsere Atmosphäre in dichte Staub- und Rußschwaden hüllte und damit eine globale Kaltzeit einläutete.
Das Unheil nahm offenbar vor rund 160 Millionen Jahren seinen Anfang, als der Asteroid Baptistina im Hauptgürtel zwischen Mars und Jupiter eine heftige Kollision erfuhr, bei der auch einige größere Absplitterungen schließlich ins innere Sonnensystem gelenkt und zu gefährlichen Erdbahnkreuzern wurden. Eines der Trümmer, ein etwa zehn bis 15 Kilometer großer »Berg«, raste vor rund 65 Millionen Jahren auf die Erde zu und schlug auf der mexikanischen Halbinsel Yucatán mit ungebremster Gewalt ein. Dort erzeugte er ein riesiges, kreisrundes Einschlagbecken von rund 300 Kilometer Durchmesser. Die Explosion des Aufpralls weitete das Gebiet um ein Vielfaches des Asteroidendurchmessers aus, im Normalfall ist der erzeugte Krater dann etwa 20 Mal größer als der Impaktor!
Noch heute ist das Einschlagbecken von Yucatán sehr gut erhalten. Es liegt geschützt unter einer dicken Sedimentschicht, weshalb es auch nur durch gravimetrische, seismische und geomagnetische Messungen sowie direkte Bohrungen nachweisbar ist. Große Meteoritenkrater sind später oft auch ergiebige Erdöllager – im Falle der Struktur von Yucatán, die auch als Chicxulub-Krater bekannt ist, konnte die Ölgesellschaft PEMEX mit ihren Bohrungen die nötigen Beweise für den kosmischen Ursprung des unterirdischen Ringes ans Licht befördern.
Zunächst gingen die Experten davon aus, dass dieser Krater auch die Quelle für die berühmte Iridium-Anomalie der Kreide-Tertiär-Grenze (»K/T-Grenze) sei. Weltweit findet sich genau in diesem Übergang eine deutliche Häufung des in der Erdkruste seltenen Elements, das in Asteroiden relativ konzentriert vorkommt. Diese Iridium-Anomalie galt lange als deutliches Zeichen eines global wirkenden, riesigen Einschlags, der wohl das Klima veränderte, die Saurier dem Tod weihte und damit den Säugern und letztlich uns Menschen den Weg ebnete. Nun schien also der Killerkrater gefunden, in Mexiko. Später aber stellte sich heraus, dass er wohl noch 300.000 Jahre älter ist als die Iridiumschicht. Demnach konnte er nicht der echte Killer gewesen sein, eher schon ein Vorbote und Mitauslöser klimatischer Änderungen. Wo aber krachte dann der eigentliche Verursacher runter?
Die Forschergruppe der Universität Texas glaubt die Antwort gefunden zu haben und richtet ihr Augenmerk verstärkt auf jenes mysteriöses Becken westlich von Indien – das Shiva-Basin. Die riesige geologische Depression, eine kreisförmige Mulde von etwa 500 Kilometer Durchmesser, könnte der größte bekannte Meteoritenkrater der Welt sein. Diese Struktur zeigt typische Merkmale in Form von konzentrischen Ringwällen und eines zentralen Berges, wie man ihn auch von den meisten größeren Mondkratern kennt.
Der gigantische Einschlag muss die Erdkruste regelrecht verdampft haben. In jenen Augenblicken brodelte nur noch ultraheiße Schmelze des Erdmantels an der Oberfläche, die pure Hölle auf Erden. Auch die Energieumwandlung des Aufpralls selbst, die den Asteroiden komplett auflöste, erzeugte einen unvorstellbaren Hitzesturm vom Mehrfachen der Temperaturen, wie sie an der Sonnenoberfläche herrschen. Ein wahres Inferno! Riesige Bebenwellen rollten wiederholt um die gesamte Erde, ließen den Planeten wie eine Glocke schwingen. Der Himmel verfinsterte sich mit irdischem und meteoritischem Trümmermaterial, das sich in der Hochatmosphäre ausbreitete und die Welt in ein schwarzes Leichentuch hüllte. In der Folgezeit erreichte kaum mehr ein Sonnenstrahl den Erdboden, die Temperaturen sanken empfindlich ab und brachten überall das Große Sterben.
In dieser Form könnte sich tatsächlich alles abgespielt haben, als der Shiva-Asteroid mit der Erde zusammenprallte. Er könnte auch die Vulkantätigkeit der indischen Deccan Traps verstärkt oder gar eingeleitet und die Seychellen von der indischen Kontinentalplatte abgespalten haben. Dies alles liegt durchaus im Bereich des Möglichen. Allerdings muss jetzt erst geklärt werden, ob es den Shiva-Impaktor überhaupt gab. Denn auch wenn die Ringstruktur sehr verdächtig nach einem gigantischen Einschlagbecken aussieht und dort wiederum ergiebige Öl- und Gasvorkommen lagern, ist noch nicht bewiesen, dass das Gebilde wirklich einen kosmischen Ursprung besitzt. Die Forscher wollen nun direkt vor Ort nach den nötigen Beweisen suchen.
Material aus der Tiefe soll zeigen, ob Shiva, der indische Gott der Zerstörung und Erneuerung, hier tatsächlich seine überirdischen Kräfte entfaltete! Unter anderem müssten sich dann stark veränderte Gesteine finden lassen, charakteristisches Schmelzgestein, glasige Kügelchen und Brekzien sowie vor allem auch »geschockte Quarze«, sogenannte Hochdruckmodifikationen, deren innere Struktur nur durch die enormen Kollisionsenergien eines Meteoriten-, Kometen- oder Asteroidentreffers entstehen kann – annähernd übrigens auch durch nukleare Detonationen! Jetzt also soll Shiva seine düsteren Geheimnisse aus der Tiefe verraten!
Donnerstag, 29.10.2009
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