Von Peter borgen, um Paul zu bezahlen: Das »Ponzi-Schema« der Wall Street namens Mindestreserve-Bankwesen
Cartoon im Magazin »New Yorker«: Ein bewaffneter Mann mit einer großen Sonnenbrille, den breitrandigen Hut tief heruntergezogen, steht vor einem Bankkassierer, der gerade eine Zahlungsaufforderung liest. Darauf steht: »Gib mir alles Geld, das auf meinem Konto ist.« …
Bernie Madoff hat uns gezeigt, wie es gemacht wird: Ein Zocker bringt viele Investoren dazu, ihr Geld bei ihm anzulegen und verspricht ihnen ständige überdurchschnittlich hohe Renditen; und dann zahlt er diese Renditen auch – zumindest auf dem Papier. Wenn die Kunden ihren Kontostand überprüfen, stellen sie fest, dass ihre Anlagen tatsächlich um den versprochenen Betrag gestiegen sind. Jeder, der aus diesem Spiel aussteigen will, wird umgehend und in voller Höhe ausbezahlt. Das kann sich der Zocker leisten, weil die meisten Spieler weiter mitmachen und weil ständig neue Spieler einsteigen, die die Aussteiger ersetzen. Die Spieler, die aussteigen, werden einfach mit dem Geld der Neueinsteiger bezahlt. Dieser Mechanismus funktioniert so lange, bis sich die Marktlage umdreht und viele Spieler alles Geld sofort zurückhaben wollen. Dann ist das Spiel aus: der Zocker muss zugeben, dass er die Gelder gar nicht hat und wird wahrscheinlich ins Gefängnis wandern.
Ein »Ponzi-Schema« ist ein Schneeballsystem, bei dem frühe Investoren mit dem Geld ausbezahlt werden, das spätere Investoren eingelegt haben, und nicht etwa aus real erwirtschafteten Gewinnen. Der Fortbestand dieses Systems hängt davon ab, dass es ein ständig größer werdender Geldstrom von (neuen) Investoren am Laufen hält. Als der in Boston lebende Betrüger Charles Ponzi in den 1920er-Jahren seine Anleger um ihr Geld brachte – und zwar in einer Gesamthöhe von sechs Millionen Dollar –, hatte er bereits zwei Gefängnisstrafen wegen Betrugs und Menschenschmuggels abgesessen. Ponzis neuer »Trick«: er versprach seinen Anlegern eine 400-prozentige Rendite auf den Verkauf Internationaler Antwortscheine der Post. Als er schließlich nicht mehr zahlen konnte, musste er für diesen Betrug für zehn Jahre ins Gefängnis; und da wird wohl auch Bernie Madoff landen.
Die meisten Menschen sind nicht an illegalen Ponzi-Schneeballsystemen beteiligt, doch wir haben unser Geld auf Bankkonten, die auf Computerschirmen flimmern und nicht etwa in Form von Stapeln von Münzen oder Geldscheinen existieren. Wie können wir wissen, dass dann, wenn wir unser Geld von unserem Bankier oder Makler zurück haben wollen, diese Gelder dann auch tatsächlich da sind? Die Tatsache, dass Banken »gestürmt« werden (man denke nur an die Fälle Northern Rock, Indymac und Washington Mutual), legt die Vermutung nahe, dass in der Realität nicht alles so ist, wie es beim Online-Banking auf dem Bildschirm unseres Computers aussieht. Die Banken selber sind an einer Art Ponzi-Schema beteiligt, an einem »Trick«, der schon seit vielen hundert Jahren angewandt wird. Das Einzige, was das legale Kreditsystem namens »Mindestreserve« von den illegalen Schneeballsystemen eines Bernie Madoff und seinesgleichen unterscheidet, ist die Tatsache, dass das System der Banker durch eine Charta der Regierung geschützt und durch Regierungsgelder abgestützt wird. Nach dem letzten Stand haben Federal Reserve und US-Finanzministerium 8,5 Billionen Dollar bereitgestellt, um den Banken aus der Patsche zu helfen, in die sich durch ihre verrückten Finanzpraktiken hineingeritten haben. (1) Im Vergleich dazu lag die Höhe der Geldmenge M2 im Dezember 2008 knapp unter acht Billionen Dollar – der größte Betrag, den die Federal Reserve je für diese US-Geldmenge ermittelt hat. (2) Allein der Umfang der jetzt geschnürten finanziellen Rettungspakete zeigt an, dass das Bankensystem an seine mathematischen Grenzen gestoßen ist und durch etwas Beständigeres ersetzt werden muss.
Durchschauen des »Ponzi-Tricks« der Banker
Auf der [englischen] Internetseite von Wikipedia wird die Wirkungsweise eines Mindestreservesystems folgendermaßen zusammengefasst:
»Unter einem Mindestreseve-Kreditsystem (fractional-reserve lending) versteht man die Geschäftspraktik, bei der Banken nur einen Teil ihrer Einlagen als Reserve (in Form von Bargeld oder liquiden Vermögenswerten) vorrätig haben und den Rest als Kredite verleihen können, bei gleichzeitiger Verpflichtung, alle Einlagen auf Verlangen sofort auszuzahlen. Dies ist ein universelles Vorgehen bei modernen Bankgeschäften … Es liegt in der Natur des Mindestreserve-Bankwesens, dass die Banken dabei nur einen Teil der für die Auszahlung aller Sichteinlagen und in Umlauf gebrachten Banknoten erforderlichen Bargeldreserven vorrätig haben …. Wenn das Mindestreservesystem funktioniert, dann deshalb, weil:
1. Über eine bestimmte Zeitspanne die Auszahlungsforderungen größtenteils oder sogar vollständig durch neue Einlagen oder die Ausgabe von Banknoten ausgeglichen werden. Die Bank muss also nur die überschüssigen Auszahlungsforderungen befriedigen.
2. Zu einem bestimmten Zeitpunkt nur wenige Kunden tatsächlich die Auszahlung ihrer Sichteinlagen verlangen bzw. Zahlungsaufforderungen vorlegen.
3. Die Kunden in der Regel ihre Gelder langfristig bei der Bank anlegen.
4. Die Bank normalerweise genügend Bargeldreserven vorrätig hat, um den Nettobetrag der Auszahlungsforderungen begleichen zu können.
Sind die Beträge der auszuzahlenden Sichteinlagen ungewöhnlich hoch, wird die Bank nur noch über wenige Reserven verfügen und ist gezwungen, neue Gelder von zusätzlichen Kunden aufzubringen (z.B. indem sie Kredite auf dem Geldmarkt aufnimmt oder von anderen Banken gewährte Kreditlinien in Anspruch nimmt) und/oder Vermögenswerte verkauft; damit vermeidet es die Bank, ohne ausreichende Reserven dazustehen und ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen zu können. Wenn die Gläubiger Angst haben, dass die Bank nicht mehr genug Bargeld zur Verfügung hat, haben sie ein Motiv, sich so schnell wie möglich ihre Einlagen auszahlen zu lassen und lösen damit einen Ansturm auf die Bank aus.«
Wie bei anderen Schneeballsystemen kommt es zu einem derartigen Ansturm auf die Bank, weil die Bank tatsächlich nicht genügend Gelder hat, um alle Verpflichtungen erfüllen zu können. Peters Geld ist Paul geliehen worden, und den Zinserlös erhält die Bank. 1934 schrieb Elgin Groseclose, der damalige Direktor des Institute for International Monetary Research, ironisch:
»Ein Lagerverwalter, der ihm anvertraute Güter zu seinem eigenen Vorteil gebraucht, indem er sie selbst benutzt oder an eine anderen Person ausleiht, tut Unrecht, denn für eine Konversion ihm anvertrauter Güter muss er sich zivilrechtlich, wenn nicht sogar strafrechtlich verantworten. Durch eine Kasuistik, die jetzt zu einem ökonomischen Prinzip erhoben wurde – die aber außerhalb der Bankenwelt von niemandem verteidigt wird –, unterliegt ein Lagerverwalter, der mit Geld zu tun hat, einem göttlicheren Gesetz: Der Bankier hat die Freiheit, das ihm anvertraute Geld zu seinem privaten Vorteil und gegen Zinsen zu verwenden … Er könnte sogar noch weiter gehen. Er könnte fiktive Einlagen in seinen Büchern erzeugen, die bei einer Vermögensaufteilung im Falle ihrer Liquidierung genauso behandelt und bewertet werden wie tatsächliche Einlagen.« (3)
Wie haben die Initiatoren dieses Schneeballsystems es geschafft, den Schutz der Regierung für Praktiken zu bekommen, für die sie ansonsten im Gefängnis gelandet wären? Eine kurze Geschichte der Evolution des modernen Bankwesens kann bei der Beantwortung dieser Frage helfen.
Die Evolution eines von der Regierung geschützten »Ponzi-Tricks«
Die Ursprünge des heute so bezeichneten Mindestreserve-Kreditsystems gehen bis auf das 17. Jahrhundert zurück, als der Handel hauptsächlich mit Gold- und Silbermünzen abgewickelt wurde. Wie das System im Einzelnen funktionierte, wurde in der aufschlussreichen Broschüre der Chicago Federal Reserve Modern Money Mechanics (zu deutsch: Moderne Geldmechanik) folgendermaßen beschrieben:
»Am Anfang standen die Goldschmiede. Anfänglich haben sie in ihrer Funktion als frühe Bankiers lediglich eine sichere Aufbewahrung garantiert und mit den Gebühren für die in ihren Tresoren hinterlegten Gold- oder anderen Münzen einen Profit erzielt. Die Kunden haben ihre ›Einzahlungsquittungen‹ immer dann eingelöst, wenn sie das Gold oder die Münzen brauchten, um Waren einzukaufen; dann haben sie tatsächlich ihr Gold oder ihre Münzen in physischer Form zu dem Warenverkäufer getragen, der diese Wertgegenstände wiederum sicher aufbewahren ließ, oft bei demselben Bankier wie vorher. Jedermann stellte fest, dass es viel bequemer war, einfach nur die Einzahlungsquittungen als direktes Zahlungsmittel zu benutzen. Diese Quittungen, die als Noten bekannt wurden, wurden als Geld akzeptiert, da jeder Besitzer dieser Quittungen sie bei dem Bankier gegen Münzgeld eintauschen konnte.
Anschließend entdeckten die Bankiers, dass sie schon dadurch Kredite vergeben konnten, dass sie den Kreditnehmern nur ihre Zahlungsversprechen oder Bankquittungen bzw. Noten, gaben. Auf diese Weise begannen die Banken Geld zu schöpfen. Die Banken konnten mehr Noten ausgeben als sie Gold bzw. Münzen vorrätig hatten, da zu einem bestimmten Zeitpunkt immer nur ein Teil der ausgegebenen Noten zur Auszahlung vorgelegt wurden. Natürlich mussten die Banken ausreichend Münzgeld vorrätig haben, um alle vorgelegten Zahlungsversprechen auch einlösen zu können.
Sichteinlagen sind das moderne Gegenstück zu Bank-Noten. Es war nur ein kleiner Schritt vom Druck dieser Noten bis zu den Buchungseinträgen, mit denen Kreditnehmern Kredite gewährt wurden, die diese Kreditnehmer wiederum ›ausgeben‹ konnten, indem sie Schecks ausstellten und dabei ihr eigenen Geld ›druckten‹.«
Hätte ein Hauseigentümer dasselbe Haus an fünf Personen gleichzeitig vermietet und das Geld in seine eigene Tasche gesteckt, wäre er schnell wegen Betrugs ins Gefängnis verfrachtet worden. Die Bankiers hatten jedoch ein System entwickelt, in dem sie keine Wertsachen tauschten, sondern die dafür ausgegebenen Papierbelege. Den Namen »Mindestreserve«-Bankwesen erhielt das System, weil das als Reserve gehaltene Geld nur einen (minimalen) Teil der von ihm gedeckten Banknoten repräsentierte. Das System funktionierte, solange zu einem bestimmten Zeitpunkt nur einige wenige Kunden ihr Gold abheben wollten; doch in regelmäßigen Abständen wurden die Investoren misstrauisch und alle wollten ihr ganzes Gold auf einmal abheben. In einem solchen Fall kam es zu einem Ansturm auf die Bank und die musste ihre Türen schließen. Dieser Zyklus von Auf- und Abstiegen lief im ganzen 19. Jahrhundert ab und kulminierte 1907 schließlich in einer ganz besonders schlimmen Bankenkrise, einer Panik. Diese Krise überzeugte die amerikanische Öffentlichkeit davon, dass das Land ein Zentralbanksystem brauchte, damit in Zukunft eine derartige Panik vermieden werden konnte, und dadurch wurde der starke Widerstand im US-Kongress gegen die Einführung eines Gesetzes gebrochen, das es erlaubte, das Geld der Nation durch eine von der Wall Street kontrollierte private Zentralbank in Umlauf zu bringen. 1913 wurde das Bundesgesetz, der »Federal Reserve Act«, verabschiedet, mit dem eine solche »Bank der Bankiers« gegründet wurde. Robert Owens, einer der Mitautoren dieses Gesetzes, erklärte später bei Anhörungen vor dem Kongress, die Finanzindustrie habe sich verschworen und gezielt eine ganze Reihe von Finanzkrisen erzeugt, um die Amerikaner aufzuscheuchen, damit sie nach »Reformen« verlangten, die den Interessen der Finanzkreise dienten. (4)
Trotz dieser mächtigen Unterstützung von offizieller Seite kam es jedoch bereits 20 Jahre später, 1933, zu dem größten Ansturm auf die Banken in der amerikanischen Geschichte. Präsident Roosevelt koppelte den US-Dollar im Inland vom Goldstandard ab, und die Vertreter der Federal Reserve kündigten an, weitere Anstürme auf die Banken dadurch zu verhindern, dass danach das Bankensystem mit »Liquidität« (also Geld, das als Schulden an die Banken erzeugt wurde) immer dann überschüttet wurde, wenn das Ponzi-System der Banken in ernste Schwierigkeiten geraten sollte.
»Zu groß, um bankrott zu gehen«: Die Regierung gibt die ultimative Deckung
Als sich herausstellte, dass auch mit diesen Maßnahmen ein Funktionieren des Bankensystems nicht gewährleistet werden konnte, trat die Regierung selber auf den Plan und half den Banken direkt mit Steuergeldern aus der Patsche. Das Konzept, demzufolge einige Banken »zu groß sind, um bankrott zu gehen«, wurde Ende der 1980er-Jahre entwickelt, als Amerikas Sparkassen (Savings and Loan Banks) kollabierten und der Preis der Citibank-Aktien um 50 Prozent einbrachen. Hinter verschlossenen Türen wurde intensiv verhandelt und das Konzept »zu groß, um bankrott zu gehen« wurde Standardpolitik. Das Risiko der (privaten) Banken wurden praktisch verstaatlicht: von da an schützte die US-Regierung die Banken vor Verlusten, egal, ob diese durch zu großes Risiko oder schlechtes Management entstanden waren.
Allerdings gibt es selbst für die tiefen Taschen der Regierung Grenzen bei der finanziellen Unterstützung. In den letzten 20 Jahren konnten die Banker ihre Geldverleihpraktiken nur durch noch größere Spekulationsgeschäfte aufrecht erhalten, die sogenannten »Derivate«. Das ist ein sehr komplexes Thema, das in anderen Artikeln behandelt wurde, doch das Endergebnis dieser Entwicklung ist, dass dieses Kasino der Derivate jetzt mehr Dollars an Schulden aufgehäuft hat, als überhaupt auf diesem Planeten existieren. (Siehe Ellen Brown: »Es sind die Finanzderivate, du Dummkopf!«, Kopp-Exklusiv, und »Credit Default Swaps: Derivative Disaster Du Jour«, www.webofdebt.com/articles.) Jeder Versuch, dieses schwarze Loch an Derivaten aus Steuermitteln zu stopfen, muss notwendigerweise auf Kosten anderer wichtiger Programme – wie Gewährleistung der Sozialen Sicherheit (Social Security) und Gesundheitsversorgung für Bedürftige (Medicaid) – gehen.
Dummerweise stecken aber auch Social Security und Medicaid derzeit gewissermaßen in einem Ponzi-Schema, da die Rentner, die früher in das Sozialsystem eingezahlt haben, ihre Bezüge aus den Einzahlungen der jetzt Beschäftigten erhalten. Auch diese Programme werden schon bald vor dem Bankrott stehen: In diesem Fall, weil bei ihren Modellrechnungen die riesige Welle der [Nachkriegsgeneration der] »Baby Boomer« nicht berücksichtigt wurde, die länger leben als frühere Generationen; zum Einen benötigen diese Menschen in ihren (langen) Rentnerjahren eine aufwändige medizinische Betreuung und Pflege, und zum Anderen hat die Regierung die dafür eingezahlten Gelder teilweise bereits für andere Zwecke ausgegeben. Das wirft die Frage auf, ob die Regierung Privatbanken, die ihre Investment-Portfolios schlecht gemanagt haben, unterstützen soll, und zwar auf Kosten von Arbeitern, die einen Rechtsanspruch haben auf eine angemessene Rente aus einem Fonds, in den sie in all ihren Beschäftigungsjahren eingezahlt haben? Natürlich muss die Antwort auf diese Frage »Nein« lauten; aber es könnte tatsächlich einen Weg geben, auf dem die Regierung beides tun könnte. Wenn die Regierung das Bankensystem vollständig verstaatlichen würde – wenn die Regierung also nicht nur die Verluste der Banken tragen würde, sondern auch die Profite sowie die Aufsicht und Kontrolle über die Banken übernehmen würde –, dann hätte sie genügend Geldmittel, um Beides zu tun: Social Security und Medicaid aufrecht zu erhalten, und auch einen nachhaltigen Kreditmechanismus für die gesamte Wirtschaft zu gewährleisten.
Privaten durch öffentlichen Kredit ersetzen
Ständig verfügbare Kredite haben Amerika schon seit den Tagen der amerikanischen Siedler zu dem Land der »unbegrenzten Möglichkeiten« gemacht. Was dieses bewährte Kreditsystem zu einem Ponzi-Schneeballsystem transformiert hat, das permanent mit Finanzspritzen aufgepäppelt werden muss, ist die Tatsache, dass die Macht der Geldschöpfung an private Interessen abgetreten wurde, die immer mehr Geld zurück verlangen, als sie ursprünglich erzeugt haben. Benjamin Franklin hat diesen Fehler nachweislich im 18. Jahrhundert erklärt. Als ihn die Direktoren der Bank of England fragten, welcher Faktor für die boomende Ökonomie der jungen Kolonien verantwortlich sei, erklärte Franklin ihnen, dass die Provinzregierungen in den damaligen Kolonien ihr eigenes Geld in Umlauf brachten, das sie sowohl an Kreditnehmer verliehen, als auch der Industrie direkt zur Verfügung stellten:
»In den Kolonien bringen wir unser eigenes Geld in Umlauf, eine Währung, die wir ›Colonial Scrip‹ nennen. Wir stellen sicher, dass es in den richtigen Proportionen in Umlauf gebracht wird, damit die Waren problemlos von den Produzenten zu den Kunden gelangen können. Indem wir für uns auf diese Weise unsere eigene Papierwährung schöpfen, kontrollieren wir ihre Kaufkraft und wir müssen an niemanden Zinsen zahlen. Eine legitime Regierung kann genug Geld sowohl zur Tätigung der nötigen Ausgaben, wie auch zur Vergabe von Krediten in Umlauf bringen, während Banken nur größere Mengen ihrer eigenen Schuldscheine ausgeben können, denn sie können nur einen winzigen Teil des Geldes ausgeben, das die Bevölkerung braucht. Immer dann, wenn Ihre Banken hier in England Geld in Umlauf bringen, müssen diese Schulden getilgt und dafür Wucher(zinsen) bezahlt werden. Das führt dazu, dass Sie nie genug Kredit bzw. Geld im Umlauf haben, um alle Arbeiter zu beschäftigen. Sie haben nicht zu viele Arbeiter, Sie haben zu wenig Geld in Zirkulation, und selbst das Geld, das zirkuliert, schleppt eine ewige Last an unbezahlbaren Schulden und Wucherzinsen mit sich.«
Der kanadische Verfechter einer Geldreform, Roger Langrick, erklärt in seinem Artikel »Ein Währungssystem für das neue Jahrtausend« dieses Konzept in heutigen Begriffen. Er demonstriert zunächst die mathematische Unmöglichkeit, die einem System innewohnt, dessen Gelder von privaten Banken geschöpft und mit Zinsen verliehen werden:
»[S]tellen Sie sich die erste Bank vor, die 100 $ druckt und verleiht. Für ihre Bemühungen verlangt sie vom Kreditnehmer, nach einem Jahr 110 $ zurückzuzahlen, das heißt, sie verlangt zehn Prozent Zinsen. Unwissentlich, vielleicht aber auch wissentlich, hat die Bank eine mathematisch unmögliche Situation geschaffen. Der Kreditnehmer kann nämlich nur dann 110 $ in den Geldscheinen dieser Bank zurückgeben, wenn diese Bank zehn weitere Dollar-Noten druckt und verleiht, wiederum mit zehn Prozent Zinsen … Wenn 100 $ geschöpft und 110 $ zurückgefordert werden, dann führt das dazu, dass alle Schuldner einer Nation ständig einem Phantom nachjagen, das sich nicht einfangen lässt: die frei erfundenen zehn Dollar, die niemals geschöpft wurden. Die Schulden sind in der Tat unbezahlbar. Jedes Mal, wenn für die Nation 100 $ Dollar geschöpft werden, steigt die Gesamtverschuldung der Nation gegenüber dem System um 110 Dollar. Die einzige Lösung besteht derzeit darin, einen zusätzlichen Kredit aufzunehmen, um die Kapitalsumme plus die darauf erhobenen Zinsen zu decken.«
Die bessere Lösung, so Langrick, bestehe darin, der Regierung zu erlauben, genug neue schuldenfreie Dollars in Umlauf zu bringen, um die von den Banken bei der Kreditvergabe nicht erzeugte Zinsbelastung abdecken zu können:
»Anstelle Steuern erheben zu dürfen, würde die Regierung ermächtigt, Geld für ihre eigenen Ausgaben zu schöpfen bis zum Ausgleich des Schuldenfehlbetrages. Wenn also die Banken in einem Jahr 100 $ schöpften, würde die Regierung 10 $ schöpfen, die sie für ihre eigenen Ausgaben nutzen würde. Abraham Lincoln nutzte das mit großem Erfolg, als er zur Führung des Bürgerkriegs 500 Millionen $ ›Greenbacks‹ schöpfte.«
Nationaler Kredit von einem wirklich nationalen Bankensystem
In Langricks Beispiel sacken Privatbanker die Zinsen ein, die jedes Jahr durch eine zehnprozentige Erhöhung der Menge neu in Umlauf gebrachter Greenbacks ersetzt werden muss; doch es gibt auch noch eine andere Möglichkeit. Die Kredite könnten von der Regierung selbst gewährt werden. Die Zinsen auf diese Kredite könnten dann an die Regierung zurückfließen und könnten daraufhin wieder in einem Zirkulationsprozess direkt der Industrie zur Verfügung gestellt werden, und zwar ohne ständig mehr zur Deckung des Zinsfehlbetrages in Umlauf bringen zu müssen.
Das jetzige Ponzi-Schema, genannt Mindestreservesystem, ist bankrott, und die daran beteiligten Banken müssen, anstatt von ihren Opfern mit Finanzspritzen aufgepäppelt zu werden, durch die Bundeseinlagenversicherung FDIC einem ordentlichen Bankrottverfahren unterzogen werden. Die FDIC hat dann die gesetzlich vorgeschriebene Option, die Bücher dieser Banken in Ordnung zu bringen und als Gegenleistung dafür, dass sie die Banken rettet und mit frischem Kapital versorgt, Anteile der Banken zu erhalten. Das würde diese Institute zu wirklich »nationalen« (bzw. staatlichen) Banken machen, die als öffentliche Dienstleister die »volle Würdigung und Anerkennung (credit) der Vereinigten Staaten« darstellen könnten. Ein wirklich nationales Bankensystem könnte die Ökonomie mit den Geldern ankurbeln, die nur Regierungen in Umlauf bringen können – schuldenfreie legale Zahlungsmittel. Dieses Geld wäre für die Regierung schuldenfrei, während es für den privaten Sektor frei verfügbar wäre, damit qualifizierten Antragstellern von diesem Geld zu gemäßigten Zinsen Kredite gewährt werden können. Eine regierungseigene (bzw. staatliche) Bank müsste Peter kein Geld klauen, um Paul einen Kredit geben zu können. »Kredit« ist nur eine Rechnungsgröße für Buchhalter – ein Vorschuss auf künftige Gewinne, oder die »Monetarisierung« (die Verwandlung in Geld) des Versprechens des Kreditnehmers, den Betrag zurückzuzahlen. Der britische Ökonom Ron Morrison drückte das 2004 in einem Artikel, der den provokanten Titel trug »Keynes ohne Schulden«, folgendermaßen aus:
»[Heute] stellen Bankkredite praktisch alle Zahlungsmittel, die wir täglich brauchen, und das rückt die simple Tatsache ins Zentrum, dass das moderne Geld nicht mehr durch altmodische inhärente Werte begrenzt ist. Es ist reines [per Gesetz verfügtes] Fiat-Geld und einfach nur ein glorifiziertes Buchhaltungssystem … Die moderne Währungsreform ist dabei, das jetzige Wirtschaftsparadigma des ›Was-wir-uns-leisten-können‹ durch das Paradigma des ›Was-wir-fähig-sind-zu-unternehmen‹ zu verdrängen.« (5)
Der Widerstand gegen von der Regierung in Umlauf gebrachtes Geld war immer, dass es inflationär sein würde, doch heute würde ein gewisses Maß von »Reflation« der Ökonomie gut tun. Allein im letzten Jahr ist die Geldmenge um über sieben Billionen Dollar an Kaufkraft geschrumpft, dazu gehört auch die Wertezerstörung bei Immobilien, Aktien, Investmentfondsanteilen, Lebensversicherungen und Pensionskassen.6 Geld verpulvert, weil alte Kredite notleidend werden und nicht genügend neue Kredite gewährt werden, um diese zu ersetzen.
Wie Martin Wolf am 16. Dezember in einem Artikel für die Financial Times schrieb, ist aber glücklicherweise »Die Heilung der Deflation in einem – von Menschen gemachten – System des Fiat-Geldes ein wahres Kinderspiel«. Die Zentralbanken müssen einfach nur wieder dafür sorgen, dass Geld in die Wirtschaft fließt. Unter den Wegen, dies zu erreichen, so Wolf, könnten »sie die Regierung in jedem Umfang finanzieren, der ihnen notwendig erscheint«. (7)
Anstatt einem bankrotten privaten Bankensystem Geld hinterherzuwerfen, könnten öffentliche Kredite gezielt in Infrastruktur- und andere Projekte geschleust werden, mit denen sich die Produktion wieder ankurbeln lässt. Das Ponzi-Schneeballsystem, in dem die Schulden nur weitergegeben werden, wobei ein Spieler von einem anderen borgt, um einen weiteren Spieler bezahlen zu können, ohne dass dabei etwas von wirklichem Wert produziert würde, könnte durch ein System ersetzt werden, in dem der nationale Kredit zur Antriebskraft von wirklicher Produktivität und realem Wachstum wird. Eine gestiegene Geld-»Nachfrage« käme von verdienten Löhnen und Gehältern, die das »Angebot« (an Gütern und Dienstleistungen) steigerten, anstatt nur einen ewig steigenden Schuldendienst bedienen zu müssen. Wenn das Angebot mit der Nachfrage Schritt hält, dann kann die Geldmenge vergrößert werden, ohne die Preise zu inflationieren. Auf diese Weise könnte das Paradigma des »Was-wir-uns-leisten-können« tatsächlich abgelöst werden durch das Paradigma des »Was-wir-fähig-sind-zu-unternehmen«.
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Fußnoten:
(1) Kathleen Pender, »Government Bailout Hits $8.5 Trillion«, San Francisco Chronicle (26. November 2008).
(2) »Federal Reserve Statistical Release H.6, Money Stock Measures«, im Internet unter: www.federalreserve.gov (18. Dezember 2008).
(3) Robert de Fremery, »Arguments Are Fallacious for World Central Bank«, The Commercial and Financial Chronicle (26. September 1963); darin zitiert er E. Groseclose, Money: The Human Conflict, S. 178–179.
(4) Robert Owen, The Federal Reserve Act (1919); »Who Was Philander Knox?«, www.worldnewsstand.net/history/PhilanderKnox.htm (1999).
(5) Ron Morrison, »Keynes Without Debt«, www.prosperityuk.com/prosperity/articles/keynes.html (April 2004).
(6) Martin Weiss, »Biggest Sea Change of Our Lifetime«, Money and Markets (22. Dezember 2008).
(7) Martin Wolf, »›Helicopter Ben‹ Confronts the Challenge of a Lifetime«, Financial Times (16. Dezember 2008).
Freitag, 02.01.2009
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