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Während die EU auf der Stelle tritt, erschließen Asiens Schlüsselstaaten einen neuen Wirtschaftsraum

F. William Engdahl

Die Regierungen der großen EU-Staaten scheinen zurzeit in politischer Paralyse erstarrt oder sich vielmehr vornehmlich auf Wahlkämpfe zu konzentrieren. Deshalb kümmern sie sich nicht entschlossen um die Entsorgung der ca. eine Billion Dollar giftigen Finanzmülls, der Europas Volkswirtschaften lähmt und das Wirtschaftswachstum in Deutschland und der ganzen EU abwürgt. Ganz anders in Russland, China, Brasilien und anderen Schwellenländern in Eurasien: dort unternimmt man deutliche Schritte zur Erschließung neuer Wachstumsmärkte ohne Abhängigkeit vom US-Dollarraum. Die Politiker in Brüssel und Berlin täten gut daran, diese Entwicklung genauer zu verfolgen.

In den letzten Tagen haben sich die Präsidenten Chinas, Hu Jintao, und Russlands, Dimitrij Medwedew im russischen Jeketarinburg mit den Staatschefs von Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan und Kirgistan getroffen und zwei Tage lang intensive Gespräche über die Vertiefung ihrer wirtschaftlichen Beziehungen geführt. Darüber hinaus standen die wirtschaftliche Kooperation Eurasiens und Sicherheitsfragen auf der Tagesordnung, die in der so genannten Shanghai Cooperation Organization (SCO) abgehandelt werden. Die oben genannten sechs Länder hatten diese SCO im Jahre 2001 ursprünglich als Dialog-Plattform gegründet, doch im Zuge der globalen Finanzkrise fällt dieser Organisation eine weit wichtigere Rolle zu als ursprünglich angenommen. Die SCO erleichterte es heute nicht nur, neue Wirtschaftskontakte der sechs Mitgliedstaaten untereinander zu knüpfen, sondern auch mit ausgewählten Staaten Eurasiens wie Indien, Pakistan, der Mongolei und dem Iran, die bisher „Beobachterstatus“ haben.

Die Shanghai Cooperation Organization (SCO), mit den angrenzenden Ländern Indien, Pakistan, der Mongolei und dem Iran, die bereits Beobachterstatus haben, sowie der daran interessierten Türkei, bietet neue ökonomische Potenziale.   

Darüber hinaus werden sich die Staatschefs von China und Russland zum ersten Mal informell mit den Staatschefs von Brasilien und Indien treffen, um über eine Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit der so genannten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) zu sprechen, die sich bekanntlich alle durch ein außerordentlich hohes Wirtschaftswachstum auszeichnen.

Die Sicherheitsallianz SCO, die man durchaus auch als Gegengewicht zu den US-Interessen in Zentralasien ansehen kann, engagiert sich verstärkt in der Realisierung gemeinsamer Wirtschaftsprojekte. Ein Mitarbeiter des russischen Präsidenten erklärte, bei den SCO-Gesprächen sei der Trend zu einer „multipolaren Welt“ unterstützt worden. Außerdem wurde dem Vernehmen nach verabredet, dass die SCO-Mitgliedsländer eine größere Rolle bei der Lösung internationaler Probleme spielen sollten. Bei den Gesprächen zwischen Brasilien, Russland, Indien und China ging es hauptsächlich um Maßnahmen zur Lösung der globalen Wirtschaftskrise und zur Verbesserung des internationalen Finanzsystems sowie um Fragen der Nahrungsmittel- und Energiesicherheit.


Aufstrebender Wirtschaftskoloss

Zusammengenommen haben die eurasischen Länder der SCO plus Brasilien und Indien sowie vielleicht noch andere stark wachsende Entwicklungsländer wie Indonesien das Potenzial, im nächsten Jahrzehnt an der Spitze des weltweiten Wirtschaftswachstums zu stehen, wenn sie ihre kulturellen Unterschiede ausgleichen bzw. überwinden können.

In entwickelten Industriestaaten liegt die natürliche Wachstumsrate im Durchschnitt bei 2 bis 3 Prozent pro Jahr, im Entwicklungssektor dagegen bei 7 bis 8 Prozent. Ohne Frage werden China und Russland die entscheidende Rolle bei dieser Entwicklung spielen, und insbesondere China verfügt aufgrund seiner Bevölkerungsgröße sowie seines riesigen, noch unerschlossenen Binnenmarktes und seiner vergleichsweise billigen Arbeitskräfte zweifellos in den nächsten 15 bis 20 Jahren über das größte Wachstumspotenzial.

China verfügt immense „menschliche Ressourcen“: Etwa 800 Millionen Chinesen leben in den ländlichen Gebieten. Da aber die chinesische Landwirtschaft eine so große Zahl an Arbeitskräften nicht benötigt, zieht es einen Großteil dieser Menschen in Chinas Städte, um dort Arbeit in Industrieunternehmen zu finden. Im Falle Russlands, Indiens und Brasiliens hat die Frage der Schaffung neuer Arbeitsplätze sogar eine noch höhere Priorität.

Wenn auch der Ausbau der Handelsströme und Energielieferungen innerhalb der SCO und mit ihren BRIC-Partnern derzeit stark zunimmt, wird es noch eine etliche Jahre dauern und vieler schwieriger Entscheidungen bedürfen, bis es zu einer weithin akzeptierten Handelswährung in diesem Raum kommt, egal, ob das nun der chinesische Yuan, oder der russische Rubel, oder gar eine dritte Währung sein wird. Der Grund dafür ist einleuchtend: Die Umsetzung einer solchen Maßnahme setzt ein langfristiges Vertrauensverhältnis voraus. Der Rubel wird nur dann zu regionalen Leit- bzw. Reservewährung werden können, wenn bei den anderen Ländern ein hohes Maß an Vertrauen in die russischen Institutionen herrscht. Das wiederum ist nur möglich, wenn Russlands Bevölkerung den russischen Institutionen vertraut und wenn Russland es schafft, seine wachsende Ökonomie zu diversifizieren und von den jetzt extremen Rohstoffexporten unabhängig zu machen. Bis das erreicht sein wird, ist es verfrüht, über den Rubel als Leitwährung viele Worte zu machen. Ebenso wie der Rubel ist auch der Yuan als Währung nicht konvertibel. In dem Moment, wo der Yuan, dessen Wert jetzt staatlich festgesetzt wird, als konvertible Währung auf dem Markt auftaucht, wird sein Wert stark ansteigen, die chinesischen Exportausichten damit natürlich dramatisch zurückgehen. Wenn China seine nationale Währung konvertibel macht, wird es nicht mehr in der Lage sein, die derzeit sehr hohe Rate wirtschaftlicher Entwicklung aufrecht zu erhalten.

Montag, 22.06.2009

Kategorie: Allgemeines, Geostrategie, Wirtschaft & Finanzen

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