Was stimmt nicht mit dem Erdmagnetfeld?
Die Stärke des irdischen Magnetfelds nimmt schon länger ab. Doch aktuelle Ergebnisse zeigen, dass der Verlust unseres magnetischen Schutzes schneller abläuft als erwartet. Was geht hier vor sich?
Wir können es nicht sehen, doch es existiert. Und es ist für uns alle von lebenswichtiger Bedeutung: das Erdmagnetfeld. Die von Magnetpol zu Magnetpol laufenden Feldlinien hüllen uns in einen transparenten Schutzschild gegen bedrohliche Strahlung aus dem All. Ständig fängt dieses weltumspannende Netz energiereiche, geladene Teilchen weg, bevor sie den Erdboden und die Lebewesen dort erreichen – Globalisierung mal ganz anders! Und richtig nützlich! Ohne diesen wirksamen globalen Energieschirm wären wir einem ständig herabprasselnden Regen ausgesetzt, dessen schnelle Teilchen ins Gewebe eindringen und unser Erbgut schädigen würden.
Vor allem zu Zeiten hoher Sonnenaktivität und heftiger solarer Stürme wird es gefährlich. Dann schleudert die Sonne bei unvorstellbaren Explosionen große Mengen von elektrisch geladenen Kernteilchen ins All hinaus. In solchen Momenten fällt oftmals die Bordelektronik von Satelliten aus, doch auch am Erdboden geht es rund. Technische Geräte spielen verrückt, Funkstörungen und Stromausfälle stehen an der Tagesordnung und auch die Gesundheit wird belastet. Schlaganfälle und Herzinfarkte häufen sich ebenso wie Selbstmorde und sogar Amokläufe.
Gegenwärtig tut sich zwar so gut wie nichts auf unserem Stern, wir erleben aktuell ein ziemlich »flaches«, lang andauerndes Minimum der Aktivität, doch wird die Sonne in den nächsten Jahren zwangsläufig wieder unruhiger werden. Magnetstürme, die auch in stilleren Phasen ab und an auftreten, werden unseren Planeten dann viel häufiger heimsuchen. Gleichzeitig aber nimmt das Erdmagnetfeld mehr und mehr ab.
Dänische Wissenschaftler haben kürzlich neue Ergebnisse einer Untersuchung veröffentlicht, in der sie die Veränderungen des irdischen Feldes über neun Jahre hinweg mithilfe von Erdsatelliten studiert haben. Sie haben dabei erstmals ungewöhnlich schnelle Veränderungen im Magnetfeld festgestellt, die sich innerhalb von wenigen Monaten abspielten.
Im Südatlantik ist das Feld am schwächsten. Hier erreicht es gerade mal ein Drittel des Normalwerts. Die Südatlantische Anomalie ist als »Delle« im irdischen Magnetfeld bekannt. Neu aber ist die Beobachtung ihrer rapiden Veränderung, sprich, einer gegenwärtig sehr beschleunigten Abnahme.
Irgendetwas unter der Erdoberfläche beeinflusst unseren Schutzschirm nachhaltig. Was da zwischen Erdkern und Erdfeld momentan abläuft, ist unklar. Experten wollen der Sache künftig sprichwörtlich auf den Grund gehen. Die schnellen Veränderungen können Anzeichen für eine bald bevorstehende Feldumkehr sein; nur mit Bestimmtheit kann niemand sagen, was wirklich geschehen wird. Bei einer Totalumkehr wandert der arktische Pol entweder über Nord- und Südamerika abwärts oder aber über Asien und Indonesien. Diesmal hat er sich die zweite Route ausgesucht und rast mit einer Geschwindigkeit von 50 Kilometer pro Jahr aus Südkanada kommend in Richtung der weiten sibirischen Waldländer. Während sich die Pole verlagern, nimmt das Erdmagnetfeld stetig ab, um sich auf halber Strecke beinahe völlig aufzulösen. Plötzlich entstehen zusätzliche Pole, unsere Erde kann dann vier oder mehr davon bilden, die allerdings nicht von Dauer sind. Und nach vielleicht 2000 Jahren, also einem einzigen Augenblick im Lebenslauf der Erde, hat sich wieder der altbekannte »Stabmagnet« mit seinen beiden Polen ausgebildet, nur in umgekehrter Anordnung.
Doch muss es gar nicht zur Totalumkehr kommen; häufiger bremst sich die Erde quasi selbst ein. Der Pol wandert nach seinem Ausflug an die ursprüngliche Stelle zurück. So etwas geschieht grob gesagt alle zehntausend Jahre.
Sicher ist, dass das magnetische Feld in den vergangenen 150 Jahren bereits um mindestens zehn Prozent abgenommen hat. Der letzte Umschwung ereignete sich vor 780.000 Jahren. Ungewöhnlich lang her, so meinen etliche Experten. Normalerweise kippt das Erdfeld öfter um. Der nächste Polwechsel scheint also überfällig. Was auch immer passieren wird, wir werden es nicht aufhalten können. Doch vorbereiten werden wir uns sicherlich können, wenn nur die Vorlaufzeit genügend groß ist.
Wenn der globale Schutzschirm wegfällt, was auch bei einer Teilumkehr der Fall ist, wird der Organismus zum Kugelfänger kosmischer Teilchen. Dadurch ausgelöste genetische Mutationen wirken sich zwangsläufig negativ aus. Mit der Abnahme des Feldes geht auch eine Vergrößerung der polaren Ozonlöcher einher. Also wieder nichts Gutes. Von der Sonne stammende Kernteilchen werden tiefer in die Atmosphäre eindringen und Stickoxide erzeugen. Sie fressen die Ozonschicht weiter auf, so dass die UV-Strahlung auch in mittleren Breiten um geschätzte zehn Prozent ansteigt. Allein daher schon werden solche Zeiten, in denen die Erde ihrer magnetischen Schutzhülle beraubt ist, für uns immer gefährlicher.
Doch es gibt neue Probleme: Seit dem letzten Wechsel sind wir zur technologischen Zivilisation geworden, einer Zivilisation, die von Technik regelrecht abhängig geworden ist. Wenn Kommunikations- und Navigationssatelliten ausfallen, wenn elektronische Systeme am Erdboden nicht mehr zuverlässig oder gar nicht mehr funktionieren, dann sind die Effekte nicht nur ärgerlich oder störend, sie sind definitiv gefährlich – nicht zuletzt für die gesamte Weltwirtschaft. So werden sich auch die Regierungen darauf einstellen müssen.
Bleibt zu hoffen, dass der große magnetische Polsprung noch auf sich warten lässt und bis dahin vielleicht doch einige wirksame Schutzmaßnahmen entwickelt werden. Einmal für die kaum mehr wegzudenkenden elektronischen Systeme, die im Grunde unsere gesamte Zivilisation ausmachen und bestimmen. Und einmal für die Biologie dieses Planeten. Wird dann jeder ein künstliches Feld um sich aufbauen müssen? Diese Technik darf dann aber nicht für kosmische Strahlung anfällig sein!
Montag, 25.08.2008
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