Washington unter Schock: Pakistan und China führen gemeinsame Militärmanöver durch
Nach den Ereignissen vom 11. September 2001 unterbreitete Washington der pakistanischen Militärdiktatur ein Angebot, das sie nicht ablehnen konnte. Das pakistanische Militär würde Milliarden Dollar an dringend benötigter US-Militärhilfe erhalten. Als Gegenleistung sollte das Regime von Musharraf an Washingtons Plänen zur Militarisierung des asiatischen Subkontinents mitarbeiten. Washington stellte zwei Bedingungen: Erstens würden die pakistanischen Atomwaffen unter US-Kontrolle gestellt. Und zweitens würden Musharraf und der pakistanische Militärgeheimdienst ISI ihre geheime Unterstützung der Taliban einstellen …
Der falsche Krieg gegen al Qaida im benachbarten Afghanistan würde als Vorwand für die starke Ausdehnung der NATO und der US-Basen am Rande Chinas dienen. Wie viele der jüngsten geopolitischen Schritte Washingtons, ist die »Allianz« mit Musharraf und dem pakistanischen Militär nicht gerade das, worauf Dick Cheney und seine neokonservativen Strategen gehofft hatten. Das pakistanische Militär hat mit Washington ein Doppelspiel getrieben.
Die Ermordung der Oppositionsführerin Benazir Bhutto in einer kleinen Stadt, die ein Zentrum des pakistanischen Militärs ist, signalisierte, dass Musharraf es nicht länger für notwendig hielt, seine Diktatur mit dem Deckmantel der Pseudodemokratie zu versehen. Jetzt hat er sich ganz offen in Richtung Rotchina bewegt, dem Gönner Pakistans während der Zeit des Kalten Krieges. Das macht Washington alles andere als glücklich.
Gemeinsame Manöver Chinas und Pakistans
Laut Aussagen des pakistanischen Generalstabschefs, Generalleutnant Salahuddin, der zusammen mit einer Delegation der pakistanischen Armee China kürzlich einen Freundschaftsbesuch abstattete, haben Pakistan und China verkündet, dass sie gemeinsame Militärmanöver in China noch in diesem Jahr planen.
Am Ende seines fünftägigen Besuches sagte er, dass die Armee und die Marine beider Länder in der Vergangenheit gemeinsame Manöver abgehalten hätten, und dass Pakistan den Umfang dieser Übungen jetzt erweitern wolle. Er erklärte, dass die militärischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern beispiellos wären. Der Zweck seines Besuches hätte darin bestanden, die Beziehungen zwischen den beiden Armeen zu stärken, über die Ausrüstung zu diskutieren, die Pakistan für seine Armee einführen wolle, und die chinesische Seite zu einem Besuch Pakistans einzuladen. Zu den gemeinsam geplanten Projekten gehört das Kampfflugzeug JF-17 Thunder, der Al-Khalid-Panzer und die Aufrüstung des Al-Zarrar-Panzers. Außerdem wird die pakistanische Marine wahrscheinlich gemeinsam mit China eine F-22B-Fregatte bauen. In Peking traf sich Salahuddin auch mit dem Stellvertretenden Generalstabschef der Volksbefreiungsarmee, Generalleutnant Song Ling Gua, und besuchte die 6. gepanzerte Division der Volksbefreiungsarmee und die Universität für Nationale Verteidigung. Kurz gesagt vertieft Peking seine Beziehungen zur pakistanischen Militärelite zu einem Zeitpunkt, da bestimmte Kreise in Washington Besorgnis über die wachsende Wirtschaftskraft Chinas äußern, die sie zu einem globalen Rivalen der USA macht. China hält die große Trumpfkarte in diesem Pokerspiel zwischen den nuklearen Supermächten. Es besitzt mehr als 1,4 Billionen Dollar an ausländischen Devisen, etwa 80 Prozent davon US-Obligationen und Wertpapiere. Sollte sich China plötzlich dafür entscheiden, die US-Obligationen zu verkaufen, würde es die schwächelnde US-Wirtschaft in eine Depression und in den finanziellen Zusammenbruch treiben.
Chinas Beziehungen zu Pakistan
Peking unterhält seit 1950 enge Beziehungen zu Pakistan. Peking nennt sie die »Allwetter-Beziehungen«. Diese taktische Freundschaft hat zahlreiche geostrategische Veränderungen überlebt, z.B. die sich verbessernden chinesisch-indischen Beziehungen ab 1989, den Zusammenbruch der Sowjetunion, die Entwicklungen nach dem 11. September, besonders die Beziehungen zu Pakistan als Frontlinie im Krieg gegen den Terror, sowie die jüngste strategische Zusammenarbeit zwischen Indien und den USA.
Als die Regierung Cheney-Bush Indien eine besondere militärische Zusammenarbeit und eine stillschweigende Duldung des indischen Nukleararsenals anbot, bat Pakistan um dieselben Bedingungen. Washington lehnte dies ab. Das war ein Fehler, und die Folgen zeichnen sich jetzt allmählich ab. Ein genauer Blick auf die Karte zeigt, welche strategische Lage Pakistan hat. Das Land grenzt an China, Afghanistan, Indien und den Iran und liegt in der Nähe sämtlicher strategischer Ölrouten des Arabischen Meers vom Persischen Golf nach China.
Im Februar 2006, kurz vor Präsident Bushs Ankunft in Islamabad, stattete Präsident Pervez Musharraf China einen Kurzbesuch ab. Der Zeitpunkt dieses Besuches ließ darauf schließen, dass Pakistan mehr Wert auf seine strategische Partnerschaft mit China legt als auf den atomwaffenfreien Freundschaftsstatus, den ihm die USA verleihen will.
Während seines Besuches betonte Musharraf die Notwendigkeit, die Beziehungen zu China in Bezug auf Handel und Investitionen, sowie auf die Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Kernenergie und der Verteidigung zu verbessern. Die chinesische Regierung ließ durch einen hoch symbolischen Akt Sonderbriefmarken drucken, mit denen Präsident Musharrafs Besuch und 55 Jahre diplomatischer Beziehungen gefeiert wurden. Und schließlich wurden 13 Verträge und Übereinkommen über verschiedene Bereiche wie Energie, Handel, Verteidigung und Kommunikation unterzeichnet. Ein allgemeines Kreditabkommen über Vorzugskredite wurde ebenfalls unterzeichnet, und China drängte Pakistan, einen Weg für die friedliche Beilegung des Kaschmirkonfliktes zu finden.
Während Musharrafs Besuch in Peking im Jahre 2006 erzählte der pakistanische Informationsminister Sheikh Rashid Ahmad einem Fernsehjournalisten, dass Pakistan hinter China stehen würde, falls die USA jemals versuchen sollten, es zu “belagern”. Damit sagte er wieder einmal ganz klar, dass Pakistan gegen die USA auf Seiten Chinas stehen würde, wenn es hart auf hart käme.
Musharraf bei Hua Jintao in China – ein Kontakt, der Washington so gar nicht zusagt
Damit beschrieb er die Situation Washington ziemlich eindeutig, und es scheint, dass Dick Cheney, der die Pakistanpolitik jetzt aus dem Büro des Vizepräsidenten heraus führt, wieder einmal strategisch ausmanövriert wurde.
Washingtons strategisches Versagen
Washingtons Unfähigkeit, seine besonderen Beziehungen zu Indien mit den Wünschen Pakistans, u.a. nach Atomwaffen, in Einklang zu bringen, führte zu einer erneuten Hinwendung Musharrafs zu China. Für das pakistanische Militär bedeutet das indisch-amerikanische Atomabkommen sowohl eine strategische Instabilität als auch die Bedrohung seiner Sicherheit. China half dem Land zuerst beim Aufbau seiner Atomrüstung und war ein wichtiger Partner bei der Entwicklung seiner Atomwaffen und der Kurz- und Mittelstrecken-Raketentechnologie. Es wird ihm wahrscheinlich auch bei der Entwicklung der landgestützten Marschflugkörper helfen, die im Jahre 2005 getestet wurden.
China hat sich ebenfalls verpflichtet, Pakistan bei seiner zunehmenden Energieknappheit zu helfen. China hat einen Vertrag zur »Zusammenarbeit bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie« unterzeichnet. Pakistan, das in Asien zu den Ländern mit dem stärksten Wirtschaftswachstum gehört, wird eine achtfache Steigerung seines Energiebedarfs benötigen. China und Pakistan stehen in Verhandlungen über den Kauf von sechs bis acht neuen Atomreaktoren, zusätzlich zu dem, der gegenwärtig von den Chinesen bei Chasma im Pundschab gebaut wird. Die indische Presse hat häufig darüber berichtet, dass China angeboten hat, das nukleare Waffenarsenal Pakistans aufzurüsten. Dies wird von Pakistan abgestritten, ist aber wahrscheinlich wahr.
Aufnahmeprüfung für die SCO
Die nächste Bewährungsprobe in der immer enger werdenden Zusammenarbeit zwischen dem »Alliierten im US-Kampf gegen den Terror« Pakistan und Peking wird darin bestehen, ob Peking Musharrafs Wunsch erfüllt und Pakistan als Mitglied der immer mehr an Bedeutung gewinnenden Schanghai Cooperation Organization (SCO) akzeptiert. Während der vergangenen zwei Jahre hat die anfangs unbedeutende Zusammenarbeit der SCO-Mitglieder China, Russland, Usbekistan, Kasachstan und Turkmenistan in Bezug auf Wirtschaft, Energie und Verteidigung an geostrategischer Bedeutung zugenommen, als aufstrebender eurasischer Gegenpol zu der militärischen Dominanz der Amerikaner.
China ist gegenwärtig besorgt über die »besonderen Beziehungen« zwischen den USA und Indien, die es zu Recht als gegen Peking gerichtet sieht. Südostasien entwickelt sich im Augenblick zu einer der strategischsten Regionen der gesamten Welt. Durch die verstärkte Zusammenarbeit mit China rückt Pakistan seinem Ziel etwas näher, sich als Drehscheibe für Handel und Energietransport zu entwickeln, indem es Südasien, Zentralasien und China miteinander verbindet und das regionale Gleichgewicht der Macht zu seinen Gunsten zu verschieben.
China hat soeben den Bau eines strategischen Hafens in Pakistan, das Gwadar-Hafenprojekt, abgeschlossen und eine Autobahnverbindung von Gwadar zu einer zentralen Stadt in Beluschistan finanziert, womit Karatschi und Quetta miteinander verbunden werden. Als Gegenleistung erhielt China von Pakistan »Souveränitätsgarantien für die Hafenanlagen«. Damit hat Pakistan Washington äußerst beunruhigt.
Der Hafen ist nur 250 Meilen von der Straße von Hormuz entfernt, durch die fast 40 Prozent der Öllieferungen der Welt durchgehen. Der Hafen hat eine strategische Position und dient als wichtiger Versandhafen in der Region. Er ist von großem strategischen Wert, da er Pakistans Bedeutung in der Region erhöht und China ermöglicht, seine Einfuhrrouten für Rohöl zu diversifizieren und zu sichern, und dem Land gleichzeitig einen Zugang zum Persischen Golf bietet. Wieder einmal war Washingtons Hybris und Arroganz wegen seiner angeblichen militärischen Übermacht ein Fehler.
Dienstag, 19.02.2008
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