Wie viele Atombomben wurden über Japan abgeworfen?
Jeder halbwegs an Zeit- und/oder Militärgeschichte Interessierte wird auf diese Frage müde lächelnd antworten: zwei. Doch stimmt das wirklich?
In den letzten Jahren verdichten sich die Hinweise, dass die angeblich vom US-amerikanischen Nuklearwaffenprogramm mit der Bezeichnung »Manhattan Project« im Zweiten Weltkrieg erzeugten Atombomben möglicherweise gar nicht existierten, sondern dass die von den Amerikanern eingesetzten Waffen deutscher Herkunft waren – erbeutet von mit der 3. US-Armee auf Thüringen vorrückenden britischen und amerikanischen Spezialeinheiten.
In diesem Zusammenhang lohnt es sich, nochmals eine Geschichte zu betrachten, die bereits in den 1970er-Jahren ihren Anfang nahm und zwei Jahrzehnte später durch die Medien ging – heute allerdings so gut wie vergessen ist.
Pjotr Iwanowitsch Titarenko, ehemaliger Militärdolmetscher im Stab des Sowjetmarschalls Rodion Malinowski, der an den russisch-japanischen Kapitulationsverhandlungen des Jahres 1945 teilnahm, behauptete etwas, das vor Jahren noch geradezu fantastisch klang, nämlich dass über Japan drei Atombomben abgeworfen wurden – wovon eine nicht explodierte. Diese Geschichte erschien nicht irgendwo, sondern wurde in Deutschland durch das Nachrichtenmagazin Der Spiegel in seiner Ausgabe 10/1992 auf den Seiten 169 bis 171 veröffentlicht.
Das KPdSU-Mitglied Titarenko hatte bereits 1979 einen Brief an das Zentralkomittee seiner Partei geschrieben, in dem er sich über die zunehmende militärische Annäherung Japans an Amerika beschwerte und mitteilte, dass man doch der Welt enthüllen solle, dass die Japaner kurz nach dem Krieg eine Atombombe an die Sowjetunion übergeben hatten, die auf Nagasaki geworfen worden war, aber nicht detonierte.
In Moskau wurde der Brief zwar zur Kenntnis genommen, die dafür Zuständigen bezweifelten seinerzeit jedoch, dass der Verfasser des Briefes tatsächlich vor Ort gewesen sei. So verlief die Sache – erst einmal – im Sande, bis der Journalist Igor Morosow im Jahre 1990 eine Kopie dieses Briefes fand. Morosow war auf Militärgeschichte spezialisiert und von dem Gedanken einer zweiten Nagasaki-Bombe geradezu elektrisiert. Morosow konnte leider Pjotr I. Titarenko nicht mehr aufsuchen, da dieser kurz vor der Entdeckung der Kopie verstorben war.
Bei weiteren Nachforschungen stellte Morosow sehr schnell fest, dass Titarenko tatsächlich als Militärdolmetscher bei den Kapitulationsverhandlungen in der Region Changchun eingesetzt gewesen war. Lange Zeit glaubte er trotzdem, dass die Geschichte nicht stimmen könne und dass er einer Desinformation aufgesessen sei, bis er auf ein Funktelegramm vom 27. August 1945 stieß, das vom Stabschef der Kwantung-Armee stammte, der sich eine Woche zuvor den russischen Streitkräften ergeben hatte. Dieses war an den stellvertretenden Chef des Generalstabs in Tokio gerichtet und beinhaltete folgende Meldung:
»Die nicht explodierte Atombombe, die von Nagasaki nach Tokio überstellt wurde, bitte umgehend der sowjetischen Botschaft zur Aufbewahrung übergeben. Erwarte Rückmeldung.«
Später tauchten weitere Hinweise auf, dass die Japaner in den Besitz einer amerikanischen Bombe gelangt waren und sie den Russen anboten, um ein Atomwaffenmonopol der USA zu verhindern, in dem die Japaner ihren Untergang sahen.
Der Spiegel-Artikel offerierte auch die amerikanische Meinung zu der Behauptung Titarenkos. Sämtliche Spezialisten, unter ihnen die Autoren Richard Rhodes und William Arkin, aber auch der »Vater der amerikanischen Wasserstoffbombe«, Edward Teller, wiesen das Vorhandensein einer zweiten Nagasaki-Bombe weit von sich. Man habe zwar, so heißt es, auf der Pazifikinsel Tinian (von der aus die Atombombeneinsätze gegen Japan geflogen wurden) drei Prototypen des Typs Fat Man gehabt, doch nur für eine von ihnen sei Plutonium auf der Insel eingetroffen. Und Richard Rhodes meint, dass Plutonium der entscheidende Engpass gewesen sei und man überhaupt kein atomares Material für eine zweite (scharfe) Plutoniumbombe gehabt habe.
Edward Teller hielt die Hypothese einer dritten Bombe auf Japan ebenfalls für unhaltbar. Merkwürdig ist allerdings, dass sich der Mann bis zu seinem Tod nicht dazu äußern wollte, wie viele Atombomben bei Kriegsende nun wirklich in den US-Arsenalen vorhanden waren. Eine Antwort auf die Frage, was damals wirklich geschehen ist, können wahrscheinlich nur die Geheimarchive der USA und Russlands geben. Doch diese bleiben in Bezug auf derartige Fragen nach wie vor verschlossen – ein eindeutiges Zeichen dafür, dass man die Öffentlichkeit von den Tatsachen fernhalten will. In den letzten Jahren zusammengetragene US-Dokumente, die teilweise bis 2005 der Geheimhaltung unterlagen und dann freigegeben wurden, zeigen indes überdeutlich, dass die deutsche Atom(waffen)forschung weitaus fortgeschrittener war, als das allgemein behauptet wird. Bedenkt man weiterhin, dass in britischen Archiven Personal- und Befragungsunterlagen ehemaliger an den deutschen Atomwaffenprojekten beteiligter Wissenschaftler und SS-Offiziere liegen, die eine Sperrfrist von 100 Jahren aufweisen, dann ist das ein untrüglicher Beweis dafür, dass die offiziöse Geschichtsschreibung unrichtig ist.
Samstag, 09.05.2009
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