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Willkommen in der Realität – das Zeitalter der Unruhen hat gerade erst begonnen

Udo Ulfkotte

Schaut man sich das 20. Jahrhundert und die vielen Kriege und Bürgerkriege dieser Epoche an, dann gab es immer drei Vorboten der Gemetzel: ethnische Spannungen, wirtschaftliche Probleme und staatlichen Machtverfall. Trafen sie zeitgleich zusammen, dann waren schreckliche Kriege offenkundig unvermeidbar. Mit wissenschaftlicher Präzision führte der Weg dann direkt in die Katastrophe. Noch nie aber hat es auf der Welt parallel so viele neue Brandherde gegeben wie heute, bei denen alle Vorbedingungen für Kriege und Bürgerkriege zeitgleich aufeinanderprallten. Der Crash, der sich nun in diesem 21. Jahrhundert wie ein Leichentuch über die Erde legt, könnte das 20. Jahrhundert noch in den Schatten stellen.

Wer in diesen Tagen neben der Finanzkrise weitere düstere Schreckensszenarien entwirft, der ist in der Politik nicht gern gesehen. Es gilt ja Optimismus zu verbreiten und die sich am Horizont abzeichnenden Boten des Verfalls schönzureden. Eine der wichtigsten Fachzeitschriften, die künftige Entwicklungen in Politik und Wirtschaft akribisch analysiert, wird vom US Think Tank Carnegie Endowment for International Peace herausgegeben. Sie trägt den Namen Foreign Policy. Die aktuelle Ausgabe enthält eine Botschaft, die vielen Verantwortlichen in Politik, Medien und Wirtschaft wohl kaum schmecken dürfte. Die Weltkriege des vergangenen Jahrhunderts waren demnach nur ein Vorgeschmack auf das, was nun auf die Welt zukommt. Denn an vielen Plätzen der Welt treffen die für Kriege und Bürgerkriege erforderlichen Vorbedingungen  nun gleichzeitig aufeinander. Im Bericht von Foreign Policy heißt es: »Economic volatility, plus ethnic disintegration, plus an empire in decline: That combination is about the most lethal in geopolitics. We now have all three. The age of upheaval starts now.«

Aus der »Achse des Bösen« (so der frühere Präsident Bush) wird demnach derzeit rasend schnell ein weltweiter Club mit ungeheuer militant-explosivem  Wachstumspotenzial. Neben dem Iran, Nordkorea, dem Irak und Syrien werden nach Auffassung der Wissenschaftler beispielsweise Staaten wie die Türkei, Russland, Mexiko, Somalia, Indonesien, Thailand, Somalia, Sudan, Kongo, Zimbabwe, Nigeria, Pakistan und Regionen wie der Nahe Osten schlimme Kriegs- und Bürgerkriegsgebiete werden. Mehr noch: Das alles wird angeblich erst der Anfang sein. Denn der Flächenbrand der sich abzeichnenden Kriege und Bürgerkriege werde wohl immer weitere Regionen mit in den Strudel reißen.

Wie in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts wenden alle von der Finanzkrise betroffenen westlichen Regierungen derzeit den Blick nur nach innen. Das ist sicherlich auch normal. Denn die Lösung der heimischen Probleme – Arbeitslosigkeit und Vermögensverlust – ist derzeit für jede Regierungen die vordringliche Aufgabe. Dabei verlieren sie jedoch aus den Augen, dass überall um sie herum explosive Situationen entstehen, die irgendwann niemand mehr kontrollieren kann. Man mag solche Szenarien nun für realistisch halten – oder auch nicht. Bevor man das beurteilt, sollte man sich einmal einen der in dem Foreign-Policy- Bericht genannten Staaten genauer anschauen.

Nehmen wir Mexiko. Foreign Policy behauptet, dass dort ein schlimmer Bürgerkrieg entstehe, der von den Medien der Welt und von den Politikern weitgehend ignoriert werde und sich nur so immer weiter verschimmern könne. Schauen wir also einmal genauer hin.

Die deutsche Verkehrsrundschau berichtet in diesen Tagen über die Eröffnung eines neuen Daimler-Werkes in Mexiko, in dem Sattelzugmaschinen gebaut werden sollen. Auch die kulturellen Feste des Landes werden in Deutschland groß beworben. Das klingt doch alles wunderbar. Von einem angeblich bevorstehenden Bürgerkrieg ist da wahrlich nichts zu sehen. Und wenn man in diesen Wochen überhaupt etwas Negatives über Mexiko erfährt, dann ist es aus der Sicht deutscher Journalisten ganz bestimmt nicht so schlimm wie es scheinen mag. Beispiel Spiegel online: Nach Angaben der Redakteure erreichte dort die »Drogenkriminalität« gerade erst einen Höhepunkt, aber halb so schlimm – der US-Polizei gelang ja ein Schlag gegen mächtige Rauschgiftbosse des Landes. Und auch die Deutsche Welle berichtete, die mexikanischen Drogenkartelle seien derzeit »massiv unter Druck, zum einen aufgrund von Bandenkriegen und zum anderen wegen der massiven Anti-Drogen-Kampagne der Regierung«. Also nur keine Panik, kein Anlass zur Sorge: in Mexiko ist die Welt ja irgendwie trotz einiger Bandenkriege eigentlich voll in Ordnung. Was also meint Foreign Policy nur mit der angeblichen Kriegsgefahr in Mexiko? Sind die Wissenschaftler übergeschnappt und machen Panik, wo entspannte Urlaubsstimmung angebracht wäre? 

Rick Perry ist der Governeur von Texas. Und der hat die Washingtoner Regierung gerade erst darum gebeten, 1.000 Soldaten der Nationalgarde entlang der texanisch-mexikansichen Grenze zu stationieren. Ist auch dieser Mann von Sinnen? Nein, er hat Angst davor, dass die in Texas, Arizona, Kalifornien und Neu-Mexiko  lebenden Mexikaner den »Plan von San Diego« wiederbeleben werden. Der ist fast 100 Jahre alt – enthält aber eine Menge Sprengkraft.

Man muss dazu wissen, dass Texas erst seit 1848 zu den Vereinigten Staaten gehört. Wie viele andere ursprünglich mexikanische Gebiete fiel eben auch Texas nach dem verlorenen mexikanisch-amerikanischen Krieg 1848 an Washington. Und seit fast 100 Jahren schon gibt es eine mexikanische Bewegung, die alle im Süden der Vereinigten Staaten lebenden Mexikaner dazu aufruft, die Grenzgebiete mit brutaler Gewalt von der Vorherrschaft der Anglo-Amerikaner zu befreien. Arizona, Kalifornien, Texas und Neu-Mexiko gelte es zu »befreien« – so die Aufrufe im schon 1916 erarbeiteten »Plan von San Diego«. Die »Tyrannei« der Yankees und die »Diskriminierung der Mexikaner« müsse endlich beendet werden – Anglo-Amerikaner seien zu ermorden oder zu deportieren. All das hat es schon einmal gegeben, in den Jahren 1910 bis 1920 – zu Zeiten der mexikanischen Revolution. Zu jener Zeit lebte allerdings nur eine verschwindend geringe Zahl von Mexikanern in Arizona, Kalifornien, Texas und Neu-Mexiko, heute sind es viele Millionen. Und die Mexikaner werden dort bald sogar den Großteil der Bevölkerung stellen. Vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise sind sie derzeit oftmals die ersten, die in Arizona, Kalifornien, Texas und Neu-Mexiko ihr Jobs verlieren. Viele von ihnen fühlen sich diskriminiert.

In den amerikanischen Bundesstaaten Kalifornien und Texas,  in denen Mexican Americans einen großen Teil der Bevölkerung stellen, nehmen illegale Einwanderer und Mexican Americans fast alle Arbeitsplätze im gewerblichen Bereich ein: Sie arbeiten in Restaurants, als Reinigungskräfte, Lastwagenfahrer, Gärtner, Bauarbeiter, Transportarbeiter oder üben eine andere manuelle Arbeit aus. In der Vergangenheit kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Mexican Americans und anderen ethnischen Gruppen.

Und nun kommen die Führer der großen mexikanischen Gangs, die seit Monaten schon auf mexikanischer Seite die Staatsmacht herausfordern und rufen die Mexican Americans und die Illegalen dazu auf, den »Plan von San Diego« zu verwirklichen und Arizona, Kalifornien, Texas und Neu-Mexiko für das glorreiche Mexiko »zurückzuerobern«. Die amerikanische Denkfabrik Rand Corporation nimmt das alles sehr ernst und weist in einer gerade erst veröffentlichten Studie nochmals auf die Sprengkraft des »Plans von San Diego« aus dem Jahre 1916 für den Süden der Vereinigten Staaten hin. Es gibt weitere Studien der Rand Corporation, bei denen die künftigen Szenarien Mexiko betreffend durchgespielt werden. Und der Bürgerkrieg entlang der Grenze ist demnach keinesfalls unrealistisch.

Nachdem in den letzten Tagen allein in Ciudad Juarez 3.200 mexikanische Soldaten stationiert wurden, um die gesetzlosen Zustände aufzuhalten, ist dort etwas Ruhe eingekehrt. Gab es in der Region Juarez allein in den ersten drei Tagen des Monats Februar bei Schießereien 200 Tote, so waren es in den ersten drei Tagen des März »nur« noch drei. Eine amerikanische Militärstudie hatte ja erst unlängst davor gewarnt, dass Mexiko plötzlich implodieren könne und Bürgerkriegsgebiet werde. Inzwischen gibt es Reisewarnungen für Mexiko. Und kugelsichere Westen sind in Mexiko der letzte Modeschrei. Und der russische Präsidentenberater Prof. Igor Panarin vertritt die Auffassung, dass es nicht mehr sonderlich lange dauern werde – und amerikanische Bundesstaaten wie Texas und Neu-Mexiko werden wieder zu Mexiko gehören oder aber unter direktem mexikanischen Einfluss stehen.

Wie lange wird es noch dauern, bis die im Süden der Vereinigten Staaten lebenden Mexikaner die vielen Aufrufe zur Durchsetzung des Planes von San Diego hören und befolgen werden? Ein Jahr? Fünf Jahre? Zehn Jahre? Und wann werden uns die vielen, vielen anderen Krisenherde um die Ohren fliegen? Hat Foreign Policy vielleicht nicht ganz Unrecht, wenn man unter den wissenschaftlichen Mitarbeitern des Heftes ein neues weltweites unruhiges kriegerisches Zeitalter herannahen sieht? Wie lautet noch gleich das historisch immer wieder erprobte Rezept für den Vorabend eines Kriegsgemetzels: ethnische Spannungen, wirtschaftlicher Niedergang und eine schwache Staatsgewalt – das perfekte Gebräu. Und es gibt wahrlich viele Plätze in der Welt, an denen dieses Gebräu nun ausgeschenkt wird. Foreign Policy hat einige davon genannt, auch wenn es politisch derzeit eher nicht korrekt ist.  

 

Samstag, 07.03.2009

Kategorie: Allgemeines, Geostrategie, Wirtschaft & Finanzen, Politik, Terrorismus

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