Zeugenbeseitigung
Den Roman zu dieser wahren Geschichte gab es im Winter 2008 im Kino: In dem Film »Der Mann, der niemals lebte« mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle erfindet die CIA eine Terrorgruppe, echte Bombenanschläge verleihen dem Konstrukt Glaubwürdigkeit. Als der Schwindel aufliegt, muss der zum vermeintlichen Oberschurken aufgebaute Saudi, eigentlich ein harmloser Bauunternehmer, liquidiert werden. Tote Zeugen sprechen nicht.
An dieses Szenario erinnert das Schicksal von Nadschmeddin Schalolow – kein Mensch weiß, ob der Name tatsächlich stimmt –, der nach diversen Medienberichten am 14. September 2009 von einer Drohne der US Air Force im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet in die Luft gebombt wurde. Schalolow erlangte kurzzeitige Berühmtheit im Prozess gegen die sogenannte Sauerlandgruppe, der derzeit vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf geführt wird. Den vier jungen Männern wird vorgeworfen, den größten Terroranschlag auf deutschem Boden, angeblich ein German 9/11, vorbereitet zu haben. In umfangreichen Aussagen gegenüber der Polizei und vor Gericht gaben sie an, dass niemand anderes als dieser Schalolow sie auf diese furchtbare Idee gebracht hatte. Für wen dieser wiederum arbeitete, wird er nun nicht mehr aussagen können.
Sauerlandgruppe wird das Quartett genannt, weil seine drei wichtigsten Mitglieder am 4. September 2007 in Medebach, einem Dörfchen im Sauerland, dingfest gemacht werden konnten. Der angebliche Rädelsführer Fritz Gelowicz, ein deutscher Konvertit aus Ulm, machte im Juni 2009 gegenüber den Ermittlungsbehörden umfangreiche Angaben über den Weg, der sie zu Schalolow geführt hatte. Demnach wollten die Vier im Jahr 2005 eigentlich im Irak gegen die US Army kämpfen, kamen aber von Syrien aus nicht über die Grenze. Stattdessen gingen sie nach Istanbul. Warum Istanbul? Weil Gelowicz dort im Jahr zuvor Mevlüt K. getroffen hatte, der vermutlich mit seinen Verbindungen ins Terror-Milieu geprahlt hatte. Mevlüt K., das wissen wir heute dank Stern-Recherchen, ist Mitarbeiter des türkischen Geheimdienstes mit Kontakten zur CIA. Er besorgte 2007 auch die Zünder, ohne die Gelowicz und Co. nie Bomben hätten bauen können.
Zurück ins Jahr 2005: Von Istanbul flogen die deutschen Möchtegern-Dschihadisten nach Teheran, von dort nach Osten an die Grenze zu Afghanistan. Diese Grenze ist sehr unzugänglich, mit hohen Bergen, man kommt da nicht einfach hinüber. Man braucht Führer, Schleuser. Wer beherrscht das Grenzgebiet? Das ist die Rebellengruppe Dschundallah, laut Recherchen des Pulitzer-Preisträgers Seymour Hersh steht diese ebenfalls auf der Gehaltsliste der CIA. Vermutlich haben die geholfen. Schließlich gelangen Gelowicz und sein hessischer Freund Adem Yilmaz – die anderen kommen später – nach Waziristan und werden dann dort richtig in die Mangel genommen. Sie werden umgepolt: Eigentlich wollten sie, wenn schon nicht im Irak, dann wenigstens in Afghanistan gegen die Besatzer kämpfen. Doch dazu ist es nie gekommen, denn die Instrukteure im wazirischen Ausbildungslager hatten »andere Pläne für sie gehabt und sie regelrecht damit überrumpelt«, so Gelowicz vor Gericht. Schalolow »höchstpersönlich« forderte ihn und seine Kumpane dazu auf, eine Serie von Terroranschlägen in Deutschland zu begehen.
Die Neuankömmlinge erinnerten sich, »dass sie darauf nicht vorbereitet gewesen seien«. Eigentlich hätten er und seine Freunde sich für »nicht besonders geeignet gehalten«, erinnerte sich Gelowicz bei seiner Aussage. Auch Yilmaz will zunächst um Bedenkzeit gebeten haben. Erst nach einem Vier-Augen-Gespräch sahen die beiden ein, dass sie »sich dem Auftrag nicht entziehen … können« – eine Formulierung, die die massive Beeinflussung verdeutlicht.
In ihren Geständnissen vor dem Düsseldorfer Gericht berichteten die vier übereinstimmend, dass gerade Schalolow sie immer wieder bedrängt habe. Er stellte sich ihnen freilich unter dem Namen »Ahmad« vor. Am Lagerfeuer unterm Sternenzelt soll er ihnen von der fabelhaften Terrorgruppe berichtet haben, die er höchstpersönlich im Jahr 2002 gegründet habe und in deren Auftrag sie nun den Heiligen Krieg nach Deutschland tragen sollten: die Internationale Dschihad Union, abgekürzt mit dem englischen Akronym IJU.
Was Schalolow nicht dazusagte: Diese IJU ist ein Phantom, 2003/2004 gegründet vom usbekischen Geheimdienst im Zusammenspiel mit der CIA. Das bestätigt Craig Murray, in diesem Zeitraum britischer Botschafter in Usbekistan. Im September 2008 hat Monitor sogar einen Zeugen interviewt, der nicht nur – wie Murray – aufgrund von Indizien, sondern aufgrund eigener Tatbeteiligung weiß, dass es sich bei der IJU um ein Geheimdienstkonstrukt handelt. Der Mann heißt Ikrom Yakubov, war zehn Jahre Mitarbeiter des usbekischen Geheimdienstes und lebt heute in London. In Monitor sagte er: »Die Bombenanschläge 2004 in Taschkent wurden von der usbekischen Regierung organisiert, von den Sicherheitsbehörden, und zwar vom usbekischen Geheimdienst. Ich hatte ein Gespräch mit der Person, die 2004 für die Anschläge verantwortlich war.« Yakubov kennt auch den Trick, mit dem vor Gelowicz und Co. bereits andere Dschihad-Freiwillige zur IJU gelockt wurden: »Die Mitglieder, die eine führende Rolle spielten, kamen vom usbekischen Geheimdienst. Aber die Leute um sie herum waren einfache Muslime.« Die meisten Mitglieder der IJU seien ahnungslose Mitläufer gewesen, ohne Kenntnis der wirklichen Auftraggeber – so ahnungslos wie 2006/2007 die Rekruten aus Deutschland, die Schalolow auf den Leim gingen.
Die IJU hat übrigens bisher den Tod von Schalolow nicht bestätigt. Das könnte daran liegen, dass sie ohne ihren Gründer kopflos und handlungsunfähig geworden ist. Oder daran, dass die US Air Force den Mann, der unter »Schalolow« oder »Ahmad« firmierte, gar nicht getötet, sondern nur mit einem fingierten Drohnen-Attentat aus dem Verkehr gezogen hat. Vielleicht liegt der echte Lawrence of Arabia jetzt irgendwo am Strand in Dubai und wartet auf seinen nächsten Einsatz – zusammen mit dem anderen CIA-Mann im Sauerland-Plot, dem erwähnten Mevlüt K., den die deutschen Fahnder trotz internationalem Haftbefehl partout nicht finden können.
Montag, 21.09.2009
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